Post aus dem Klimacamp 2: Feuer unterm Hintern der Stadt

MONTAG, 2. AUGUST 2021, SEBALDER PLATZ

#Aktivismus, #Klimacamp, #Klimaschutz, #Klimawandel, #Nürnberg, #Sebalder Platz, #Umwelt

Andauernde Hitzewelle im Südwesten Kanadas, erneute Rekordwaldbrände in Kalifornien, Dauerregen und Überschwemmungen in Mitteleuropa, Rekordwärme in Sibirien … diese alltäglichen News bedrücken mich schon gewaltig. Und ja natürlich, einige Wetter- (oder Klima-?) Phänomene lassen sich wissenschaftlich (noch) nicht eindeutig dem menschengemachten Klimawandel zuordnen. Dennoch sind die Anzeichen eindeutig. Ebenso bin ich nun kein Freund von „Panikmache“. Und doch frage ich mich bei den, für jeden spür- und sichtbaren Veränderungen unserer mittelbaren und unmittelbaren Umwelt, warum die Zahl der Menschen, die sich selbstkritisch, aktiv und laut gegen die systematische Zerstörung unserer Lebensgrundlage wenden noch so erschreckend gering ist. Oder kommt mir das nur so vor?


In meiner Wahrnehmung ist es tatsächlich so, dass ich meinen „Versuch“ einer nachhaltigeren Lebensweise oder gar meine aktive Unterstützung der Anliegen des Klimacamps gegenüber vielen Menschen in meinem Umfeld erklären muss. Ich muss mich irgendwie rechtfertigen, warum ich es für „normal“ halte, auf Lebensmittel aus nachhaltiger Herstellung zu achten – um nur ein Beispiel zu nennen.
 
Aber mal ehrlich, was heißt denn „nachhaltig“ bei genauerer Betrachtung eigentlich? Sollte nicht unser ganzes Handeln und Streben „nachhaltig“ sein? Ist das nicht die Grundlage für das Leben, die alles im Gleichgewicht hält? Die Maxime eines jeden Lebewesen – dauerhaft nicht mehr zu verbrauchen, auszubeuten, zu verschmutzen, zu konsumieren, zu zerstören, als langfristig zur Verfügung steht. Das ist es doch schlicht und einfach, was Nachhaltigkeit bedeutet. Oder etwa nicht?
 
Am 5. Mai hat in Deutschland statistisch jeder von uns so viele natürliche Ressourcen verbraucht, wie auf der Erde bis Ende des Jahres pro Kopf nachwachsen können (nach Global Footprint Network). Ganz ehrlich: Man muss kein großes Genie sein, um zu erkennen, dass das auf Dauer nicht hinhaut. Warum passiert aber dann nichts? Warum sind Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt jeder Einzelne von uns nicht bereit und / oder fähig, nachhaltig(er) zu leben? 
Ok, ich sehe ein, dass wir die Frage wohl nicht in dieser Kolumne beantworten können, da sie vermutlich komplex und vielschichtig ist und möglicherweise auch echt unbequem. Trotzdem ist unter anderem diese Frage, einer der Gründe, die mich dazu motivieren Teil des Klimacamps zu sein und unermüdlich Werbung für die Sache zu machen. 
 
Ach ja, „die Sache“. Was war das doch gleich nochmal? „Die Sache“ des Klimacamps – da bin ich Euch wohl noch eine Antwort schuldig: 
Also zunächst muss man wissen, dass es die „eine“ Sache des Klimacamps wohl nicht gibt. Vielmehr existieren eine oder mehrere Grundideen, die wir versuchen zu leben, zu vermitteln und manchmal zu erkämpfen – erkämpfen fast immer gegenüber der Politik, manchmal auch gegen oder mit uns selbst. Denn das Klimacamp ist – und das ist meines Erachtens einer der riesigen Pluspunkte – ein unglaublich heterogener „Haufen“ (lieb gemeint). Entstanden ist die Idee für das Camp in Nürnberg im ersten Coronajahr 2020 unter anderem durch Initiative der „Fridays“ (Fridays for Future FFF) und XR (Extinction Rebellion) nach dem Vorbild des Klimacamp Augsburg. Unterstützt wurde das Projekt außerdem von Nürnberg for Future (NFF), einem Aktionsbündnis, welches aktuell aus 25 verschiedenen Organisationen, Vereinen und Initiativen besteht. Im Laufe der Zeit sind viele, nicht organisierte Einzelpersonen dazugekommen. Ich bin einer der „Unorganisierten“, obwohl ich schon seit Jahrzehnten Mitglied bei diversen Umweltorganisationen bin, aber wegen vieler Ortswechsel, nie lange lokal aktiv war. Alles in allem also eine bunte Mischung aus Menschen jeglichen Alters, Geschlechts, Herkunft, beruflichen Hintergrunds usw. 
Also genau das, was man braucht, um ebenso unterschiedliche Menschen zu erreichen. So verschieden die Menschen im Camp jedoch sind, so herausfordernd ist es manchmal (oft?), sich zum Beispiel in diversen Plena auf etwas zu einigen. Und das betrifft in besonderem Maße auch die eigentliche „Zweckdefinition“ des Klimacamps. 
 
Grundsätzlich können wir uns wohl auf folgende Säulen einigen: Erstens gibt es das Klimacamp in seiner Funktion als Dauerdemonstration und Dauermahnwache, um – salopp gesagt – dem Nürnberger Oberbürgermeister und Stadtrat im nebenan gelegenen Rathaus beim Thema Klimaschutz etwas „Feuer unterm Hintern“ zu machen. Das ist bitter nötig, besonders da unsere schöne Stadt, sich äußerst selten bis nie bei Themen wie Grünflächen, Radwegen oder ÖPNV positiv hervorhebt. Den regelmäßigen Austausch zwischen vielen engagierten Aktivisti und Vertreter*innen des Stadtrats finde ich auch wirklich positiv, wenngleich konkrete, überprüfbare und wirksame Maßnahmen seitens der Stadtregierung noch auf sich warten lassen – apropos: schon für den „Klimaentscheid Nürnberg“ unterschrieben, liebe Leserin und lieber Leser? 
 
Aber dazu komme ich später noch etwas konkreter, also zu unseren Gesprächen mit dem Oberbürgermeister und Vertreter*innen des Stadtrats.
Als zweite Säule ist da der Austausch mit den Menschen der Stadt. Passant*innen, die mehr oder weniger zufällig den Weg über den Sebalder Platz finden, Menschen, die wir auf Aktionen treffen oder mit denen wir bei anderen Gelegenheiten ins Gespräch kommen. Das ist nicht immer einfach und wir erleben beileibe nicht nur positive Resonanz. Dennoch ist es immer wieder eine großartige Sache, interessierten Menschen das Camp zu zeigen, ihnen unser Vorhaben „wir bleiben, bis Ihr handelt“ zu erklären, oder einfach nur gute Gespräche zu führen.
 
Als drittes möchten wir mit unserem Handeln, unserem Engagement und unserer Einstellung auch vorleben, was wir formulieren. Wie Du Dir vorstellen kannst, liebe Leserin, lieber Leser, ist auch, oder besonders dieser Punkt, eine besondere Herausforderung. Und es geht uns hier bei weitem nicht nur um den Klimaschutz, sondern auch um ein tolerantes und offenes Miteinander ohne Vorurteile, egal wo Du herkommst, was Du machst oder kannst.  
 
Auf dem Papier sieht das alles großartig und einfach aus. Aber, wie Du Dir denken kannst, das ist es nicht. Es ist ein tägliches Bemühen und manchmal auch Kämpfen – vor allem mit sich selbst. Und am Ende stellt sich heraus, alles sind „nur“ Menschen. Allerdings wir sind die Menschen, welche die Angst um unsere wundervolle Erde vereint und sich bemühen, für deren Erhalt unsere Kräfte zu bündeln und dafür alle an einem Strang zu ziehen.
 
In diesem Sinne: „Wir bleiben, bis Ihr handelt“ und liebes CURT-Team: Glückwunsch zu Eurer 250sten Ausgabe! Macht weiter so!

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Klimacamp Nürnberg – Mahnwache für den Klimaschutz
 
 




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