Andis Corona Capriccio 3: Jetzt rennt der

DONNERSTAG, 2. APRIL 2020

#Andreas Thamm, #Capriccio, #Corona, #coronasucks, #Joggen, #Sport

Legendär ist zum Beispiel, wie ich vor einigen Jahren zuletzt versucht hatte, ein Jogger zu werden. Ich lebte zu der Zeit noch in Hildesheim, wo ich studierte. Ich schnürte meine Laufschuhe, die mich mit ihrer Farbkombination schwarz-grün überzeugt hatten, und rannte los.

Das ist nämlich das Trügerische am Jogging: Das hat ja jeder schon mal gemacht, erstens, dass man wohin rennt. Da findet keine Bewegung statt, die einer erst lernen muss und das sieht deshalb bei denen, die es regelmäßig tun, zweitens, auch gar nicht mal schwierig aus, sondern fluffig und leicht und man denkt sich: Jaja, das krieg ich auch hin.

Die Schmerzen und die Qual, die flatternde Lunge und das pulsierende Hirn im Kopf, all das ist diesen tänzelnden Menschen ja nicht anzusehen. So wie die wollte ich das auch machen. Nun, Kinder, was soll ich sagen, ich kam nicht weit. Weil mir die Lunge schepperte wie ein altes Schutzblech am Fahrrad und das Hirn pulsierte wie eine Sonne bei ihrer Geburt, gab ich bald auf und ging und die Worte, die ich sagte, als ich in die WG zurückkehrte, verfolgten mich über Monate: Nur bis zum Rewe.

Der Rewe war von der Wohnung aus, na ja, wohlwollend 100 Meter entfernt. Ich bin dann vielleicht noch ein, zwei Mal joggen gegangen in Hildesheim, kam auch etwas weiter als bis zum Rewe, geglaubt hat man mir nie. Die schwarz-grünen Schuhe aber habe ich noch immer und, denke ich, die haben gewartet, bis zu diesem Moment, wenn jeder um jede Ausrede froh ist, um vor die Tür gehen zu dürfen. Und keiner mehr eine Ausrede hat, um nicht zu joggen …

Man hat jetzt monatelang keine Ausrede. Monate, in denen man sich vielleicht, sagen wir zehn Mal, fürchterlichen Schmerzen aussetzen muss, damit man dann auch rein körperlich in der Lage ist, zu denen aufzuschließen, die da so flockig dahinschweben. Ich bin ein träger Mann, träge gebaut, klein, aber nicht flink, ein kurzbeiniger, schwerfälliger Sklave des Erdmittelpunkts. Ich rauche gerne mal eine Zigarette und ich würde mich, wenn alles egal wäre, ausschließlich von Chips und Schoki und Bier ernähren. So flockig-schweben werde ich wohl nie, aber zumindest einmal kurz soll das Spaß machen, damit ich das alles verstehen kann.

Stand 01. April, ich bin vier mal joggen gewesen und mein Rewe war die Kurve der Tunnelstraße, aber da die meisten von euch nicht wissen, wo ich wohne, kann ich das schamlos zugeben. Es geht. Ich muss das ehrlich sagen. Es wäre übertrieben und kokett zu sagen, dass Omas mich überholen würden, aber sie können durchaus gemütlich neben mir her gehen. Trotzdem bin ich ein bisschen stolz auf die vier Male.

Und es muss, ganz ehrlich, jeder, zumindest jeder, der jetzt im Homeoffice sitzt, irgendwie schauen, dass man was findet, was einen aus dieser einschläfernden Wattierung holt. So blöd und peinlich das mit dem Sportanfangen oder Yogaturnen jetzt auch ist, erfüllt es ja einen Zweck und schützt am Ende, wie die Maske vor dem Mund, mehr die anderen als einen selbst.

Wir nehmen, unfreiwillig, aber doch, alle Teil an einem sozialen Experiment. Und stehen alle unter sozialer Beobachtung durch alle. Wie lange dauerts jetzt wohl, bis die ersten durchdrehen. Und was ist die Durchschnittsdauer, bis wir alle durchdrehen. In unserem Nürnberger Rewe stand ich neulich neben einem Mann vor den Essiggurken. Ich wollte an ihm vorbei und er wollte mit mir nichts zu tun haben, aber er wollte doch, dass ich das höre, als er laut und wütend sagte: Ich seid alle asozial. Aufhängen sollte man euch alle.

Keine Ahnung, womit wir das in dem Moment verdient hatten. Und vielleicht und wahrscheinlich war der Typ schon vor Corona eher einer von den Unangenehmen. Aber zumindest erinnert es einen daran, dass passt auf euch auf zuerst heißt, auf dich selber und was mit dir so abgeht.

Hey, und echt, wenn jemand irgendwie Tipps hat, wie man schnell erfolgreich wird beim Laufen und wie die halbe oder dreiviertel Stunde schneller rumgeht oder sonst einen motivierenden Kram auf Lager hat, kann mir gerne ´ne Mail schicken und dann sammel ich das und vielleicht ist was Brauchbares dabei und schreib einen Laufratgeber, ohne euch am Gewinn zu beteiligen. Okay? Cool. Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst




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Für viele Freiberufler im Kunst- und Kulturbereich waren die vergangenen Wochen nicht nur mit finanziellen Schwierigkeiten, sondern auch mit großer Unsicherheit verbunden: Wo kann ich was beantragen, bin ich antragsberechtigt, wann kommen die 1.000 Euro pro Monat oder doch nicht oder für wen? Ein Teil Unsicherheit wird auch in den kommenden Tagen bleiben, dafür ist die Lage einfach zu neu und komplex und scheiße. Klar ist aber nach der heutigen Pressekonferenz von Markus Söder und Kultusminister Bernd Sibler, dass der Rettungsschirm vergrößert wird: 200 statt 90 Millionen kommen in den Topf. Das ist nötig, damit auch Menschen, die nicht in der Künstlersozialkasse versichert sind, Zugriff darauf haben. Dazu gehören dann zum Beispiel Techniker, Maskenbildner aber auch freie Journalisten, etc. Die Zahl der Begeünstigten verdopple sich von 30.000 auf 60.000. Nachzuweisen ist ein substantieller Beitrag zum Einkommen aus der freien künstlerischen Arbeit.

50 Millionen Euro stehen außerdem für “Spielstätten” (Söder) bzw. “Veranstaltungsbetriebe” (Sibler) bereit, die bis zum Jahresende unterstützt werden sollen. Söder nannte explizit 700 kleine und mittlere Theater und 260 Kinos. Sibler sprach von “Kleine und mittlere Spielstätten aus den Bereichen Theater, Kunst, Kleinkunst, Musik und Kabarett.” Musikschulen und Laienmusikgruppen wie Chöre können ebenfalls je 1.000 Euro beantragen, für sie stehen insgesamt 10 Millionen Euro zur Verfügung. Söder: “Es ist der Versuch, Kultur in der Breite durch Förderung zu erhalten.” Außerdem gibt es einen ersten Hoffnungsschimmer für die Rückkehr von kulturellen Veranstaltungen: "Wir glauben, dass wir Perspektiven für die Zeit nach Pfingsten entwickeln sollen”, so Söder. Man wolle sich dabei an den Hygieneschutzmaßnahmen in Kirchen orientieren. Am 20. Mai soll die Ministerpräsidentenkonferenz über ein solches, bundesweites Konzept entscheiden.

Die Software, so Sibler, ist installiert, die Anträge können auf den Weg gebracht und ab nächster Woche heruntergeladen werden.
Die entsprechenden Anträge findet man, sobald es sie gibt hier:
https://www.stmwk.bayern.de/index.html

Einen guten Überblick über die Hilfsprogramme findet ihr hier:
https://bayern-kreativ.de/aktuelles/corona-erste-hilfe/

Die gesamte Pressekonferenz zum Nachschauen:
https://youtu.be/9zf-x75-YOQ


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