Curts Check-up 5: Sarah Lohr (Akne Kid Joe)

MONTAG, 30. MäRZ 2020

#Akne Kid Joe, #Bands, #Corona, #coronasucks, #Interview, #Musik

Die Clubs und Konzertlocations sind zu, genauso wie die Theater, Bars und Buchhandlungen. Der Coronavirus trifft alle, die sich selbstständig über Wasser halten, besonders hart. Wir wollen in den kommenden Wochen hautnah dran bleiben an der Kultur, die curt naturgemäß am Herzen liegt. Wir legen unser Ohr auf eure Brust und fragen nach, wie es Euch geht.

Ausgabe 5 mit Sarah Lohr, einer Frau in einer Band. Die Band heißt Akne Kid Joe. Außerdem arbeitet Sarah als Sozialarbeiterin. Für sie ist es ein Glück, jetzt nicht von der Band leben zu müssen.

Dein Name / Euer Bandname:
Sarah, Akne Kid Joe

Dein Beruf:
Sozialarbeiterin im Jugendkulturzentrum Luise.

Wie sehen deine Ausfälle aus / was passiert (nicht)?
Beruflich: Alle unsere Veranstaltungen und Angebote sind abgesagt, ich arbeite überwiegend von zu Hause aus.
Band: Unser Konzertjahr wäre jetzt dann eigentlich so richtig losgegangen, wir haben viele Konzerte geplant. Unsere Album Releaseparty am 03.04. im Z-Bau mussten wir schon mal absagen. Auch die geplante neuntägige Tour Ende April/ Anfang Mai steht momentan auf der Kippe und ob der Festivalsommer so stattfinden kann, wie er aktuell noch geplant ist, weiß im Moment niemand.
 
Wie hältst du dich jetzt finanziell über Wasser?
Ich bin wirklich in einer sehr priviligierten Lage. Ich arbeite zwar bei einem freien Träger, jedoch angelehnt an den Öffentlichen Dienst, so dass es dort keine Verdienstausfälle gibt. Aber da bin ich die einzige in meiner Band, die anderen drei sind alle durch ihre freiberuflichen Tätigkeiten stark betroffen. Matthias arbeitet zwar 20 Std. in der Woche im Z-Bau. Der Z-Bau ist aber durch den Veranstaltungsstopp natürlich auch erstmal in einer Ausnahmesituation. Nebenher ist er Tätowierer, genauso wie Peter, der komplett davon lebt. Für die nächsten Wochen haben sie alle Tattootermine abgesagt - keine Termine, keine Kohle. Und Rocky, unser Schlagzeuger, verdient sich sein Geld mit Schlagzeugunterricht, auch das ist jetzt schwieriger geworden.
Von der Band kann bei uns sowieso niemand leben, was jetzt gut ist, denn die Bandkasse ist leer bzw. im Minus. Im Vorfeld von so einem Albumrelease fallen ja immer viele Kosten an, die man investiert - in der Hoffnung, dass das investierte Geld dann durch Konzerte usw. wieder reinkommt. Jetzt werden Konzerte abgesagt, also kommt auch nix rein.
 
Wie lange kannst du das durchhalten?
Wie gesagt, bei mir alles gut soweit. Über die Situation der anderen drei will und kann ich keine konkrete Angabe machen, aber wenn über längere Zeit kein Geld mehr reinkommt, dann wird das sicher sehr bald eng werden.
 
Was wünscht/ erhoffst du dir jetzt von der Politik?
Ich wünsche mir, dass den betroffenen Branchen und Menschen unbürokratisch und vor allem schnell geholfen wird. Aber wenn ich jetzt irgendwas von Darlehen lese, dann finde ich, dass das an der Realität vorbei geht. Den Leuten wird nicht damit geholfen, dass sie jetzt Darlehen aufnehmen, die dann die nächsten Jahre mühsam zurückgezahlt werden müssen. Denn gerade in Branchen wie der Gastro oder der Kultur o.ä. ist es ja nicht möglich, den jetzigen Ausfall wieder reinzuholen, es kommen deswegen ja nicht mehr Gäste. Es bräuchte in der derzeitigen Situation eher sowas wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen, für die betroffenen Gewerbetreibenden, die keine Einnahmen mehr haben, aber auch für ihre Betriebe selbst, um weiterhin Miete, usw. zahlen zu können. Bedingungsloses Grundeinkommen ist im Übrigen nicht nur in Krisenzeiten ein schlaues Konzept. Die derzeitige Situation verdeutlicht wieder mal, warum es endlich Zeit ist, unser jetziges System zu überdenken.
Eine andere Sache, die ich mir von der Politik wünsche, ist das Ding mit der Solidarität: es wird davon gesprochen, dass wir nun alle als Gesellschaft dafür verantwortlich sind, die Schwachen in unseren Kreisen zu schützen, in dem wir solidarisch sind. Das finde ich gut. Was allerdings beschämend ist: Menschen vor den Toren Europas sich selbst zu überlassen, in menschenverachtende Lager einzusperren, ohne Zugang zu fließend Wasser. Die Grenzen zu schließen usw.
Unsere Solidarität darf nicht nur der deutschen Bevölkerung gelten, sondern allen, die sie benötigen. Und diese Menschen benötigen sie sehr dringend. Auch vor der Pandemie war die Situation in den Flüchtlingcamps schon unerträglich, aber mit der Gefahr eines sich ausbreitenden Virus in Lagern mit 20.000 Menschen, die nicht mal die geforderten 1,5m Abstand zu anderen halten können, da so viel Platz gar nicht zur Verfügung steht, ist es einfach nur noch unfassbar. Wir können diese Menschen nicht einfach zurücklassen. Politik muss handeln und wir müssen Druck aufbauen und dürfen nicht die Augen vor dem verschließen, was dort gerade passiert. #LeaveNoOneBehind
 
Ist diese Krise für dich auch eine Chance? Wofür?
Ich finde es faszinierend, was gerade alles passiert. Die ganze Zeit wird davon geredet, dass die Digitalisierung so schleppend vorangeht und nach nicht mal einer Woche “Social Distancing” fühlt es sich an, als hätten wir alle nie etwas anderes gemacht. Ob es die ganzen Veranstaltungen sind, die jetzt per Livestream im Internet übertragen werden oder die kleinen Firmen, die innerhalb von wenigen Stunden komplett ihren Arbeitsalltag neu strukturieren, so dass alle von zu Hause arbeiten können. Auch auf privater Ebene tut sich viel, mein kompletter Instagram Feed ist voll mit Livevideos. Die eine legt in ihrem Schlafzimmer auf, der andere liest was vor, Leute treffen sich mit ihren Freund*innen per Videochat, um gemeinsam Bier zu trinken, usw. Gestern hab ich erst 1,5 Std. mit meinen Bandkollegen und mit unseren Proberaumfreunden von Maffai geskyped und dabei zwei Pils getrunken, danach hab ich mir auf Instagram ein Live-DJ-Set von zwei Freundinnen reingezogen, bis dann um 21 Uhr das Releasekonzert von Pöbel MC auf Youtube live gestreamt wurde. Also eigentlich ein ganz normaler Freitag Abend. Ohne das Internet wäre alles so viel schlimmer, aber ich freue mich trotzdem auf die Zeit danach, wenn das wieder alles im Reallife stattfindet.
 
Was sind deine Tipps, um die Zeit jetzt gut zu überstehen?
Keine Ahnung ehrlich gesagt. Ich glaube eine gewisse Art von Tagesroutine beizubehalten ist gut. Eventuell ist es auch schlau, sich den Coronanewsfeed nicht 24/7 reinzuziehen, sondern vielleicht lieber nur ein oder zwei mal pro Tag gesammelt Nachrichten zu konsumieren. Es ist ja auch bei jedem anders, die einen haben gerade gar nichts mehr zu tun, die anderen extrem viel. Ich hoffe einfach, dass sich das bald wieder normalisiert.
 
Wie verbringst du deine Zeit in der Quarantäne/ während der Ausgangssperre?
Ich hoffe, dass es dazu führt, dass ich all die Dinge mache, auf die ich normalerweise keine Lust hab. Sowas wie Fenster putzen z.B. Ansonsten wird das Internet mein stetiger Begleiter sein und ich werde die Zeit natürlich nutzen, um mal ein bisschen Gitarre zu lernen. Das ist dringend notwendig =)

Hast du neue Projekte?
Nein, keine neuen Projekte. Normalerweise wird mein Alltag von extrem vielen Terminen bestimmt. Von einem Tag auf den anderen hab ich keinen einzigen mehr. Früher war ich ohne meinen Terminkalender aufgeschmissen, jetzt hab ich seit Tagen nicht mehr reingeschaut - es stehen sowieso nur noch Dinge drin, die nicht stattfinden. Also nutze ich die Zeit auch dafür, um die Sache mal ein bisschen langsamer anzugehen. 

Wir kommunizieren gerne: deine Homepage, deinen Livestream, usw. Immer her damit.
Nicht meine Homepage, aber trotzdem wichtig: www.seebruecke.org




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Für viele Freiberufler im Kunst- und Kulturbereich waren die vergangenen Wochen nicht nur mit finanziellen Schwierigkeiten, sondern auch mit großer Unsicherheit verbunden: Wo kann ich was beantragen, bin ich antragsberechtigt, wann kommen die 1.000 Euro pro Monat oder doch nicht oder für wen? Ein Teil Unsicherheit wird auch in den kommenden Tagen bleiben, dafür ist die Lage einfach zu neu und komplex und scheiße. Klar ist aber nach der heutigen Pressekonferenz von Markus Söder und Kultusminister Bernd Sibler, dass der Rettungsschirm vergrößert wird: 200 statt 90 Millionen kommen in den Topf. Das ist nötig, damit auch Menschen, die nicht in der Künstlersozialkasse versichert sind, Zugriff darauf haben. Dazu gehören dann zum Beispiel Techniker, Maskenbildner aber auch freie Journalisten, etc. Die Zahl der Begeünstigten verdopple sich von 30.000 auf 60.000. Nachzuweisen ist ein substantieller Beitrag zum Einkommen aus der freien künstlerischen Arbeit.

50 Millionen Euro stehen außerdem für “Spielstätten” (Söder) bzw. “Veranstaltungsbetriebe” (Sibler) bereit, die bis zum Jahresende unterstützt werden sollen. Söder nannte explizit 700 kleine und mittlere Theater und 260 Kinos. Sibler sprach von “Kleine und mittlere Spielstätten aus den Bereichen Theater, Kunst, Kleinkunst, Musik und Kabarett.” Musikschulen und Laienmusikgruppen wie Chöre können ebenfalls je 1.000 Euro beantragen, für sie stehen insgesamt 10 Millionen Euro zur Verfügung. Söder: “Es ist der Versuch, Kultur in der Breite durch Förderung zu erhalten.” Außerdem gibt es einen ersten Hoffnungsschimmer für die Rückkehr von kulturellen Veranstaltungen: "Wir glauben, dass wir Perspektiven für die Zeit nach Pfingsten entwickeln sollen”, so Söder. Man wolle sich dabei an den Hygieneschutzmaßnahmen in Kirchen orientieren. Am 20. Mai soll die Ministerpräsidentenkonferenz über ein solches, bundesweites Konzept entscheiden.

Die Software, so Sibler, ist installiert, die Anträge können auf den Weg gebracht und ab nächster Woche heruntergeladen werden.
Die entsprechenden Anträge findet man, sobald es sie gibt hier:
https://www.stmwk.bayern.de/index.html

Einen guten Überblick über die Hilfsprogramme findet ihr hier:
https://bayern-kreativ.de/aktuelles/corona-erste-hilfe/

Die gesamte Pressekonferenz zum Nachschauen:
https://youtu.be/9zf-x75-YOQ


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