Poetry Slam #9: Slam Alphas - mehr Diversität auf Bühnen!

MITTWOCH, 4. DEZEMBER 2019

#E-Werk, #Gummi Wörner, #Kathi Mock, #Kofferfabrik, #Kolumne, #Kultur, #Parks, #Poetry Slam, #Südpunkt

Slam Alphas ist ein Verein, der von Poetry Slammerinnen* und Slam-Veranstalterinnen* aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gegründet wurde. Erklärtes Ziel der Vereinsarbeit ist es, Frauen* und Mädchen* im Poetry Slam zu unterstützen und ihnen mehr Raum in der deutschsprachigen Slam-Szene zu verschaffen. Ist das nötig? Ja, ist es, denn die Poetry-Slam-Szene war bis vor kurzem noch sehr männlich dominiert und geprägt. Dabei ist gerade Poetry Slam ein Format, das von einer Vielfalt auf der Bühne lebt und prinzipiell allen offen steht.

Jeder und jede, die schon mal einen Poetry Slam gesehen hat, hat vermutlich ein klares Bild davon, wie „ein typischer Poetry Slammer“ so ist und was „er“ für Texte macht: in der Regel männlich, Anfang/Mitte 20, studierend, politisch eher linksalternativ einzuordnen, lustig und natürlich kreativ, was sich dann auch noch alles im Kleidungsstil widerspiegelt. Diesen Typus findet man bestimmt auf jeder Poetry-Slam-Bühne, aber eben auch noch so viel mehr.

Poetry Slam war und ist vom Prinzip her ein offenes Format, jeder und jede darf bei einem Slam (nach vorheriger Anmeldung und Verfügbarkeit) auftreten. Es sind weder bestimmte Vorkenntnisse noch Nachweise erforderlich, man benötigt lediglich zwei bis drei selbstgeschriebene Texte, die in das Zeitlimit der Veranstaltung passen (üblicherweise fünf bis sieben Minuten).

Wer sich auf eine Slam-Bühne stellt, darf sich „Slammer*in“ nennen. Es ist also theoretisch sehr einfach, Teil dieser Szene zu werden, und so kann man dort auch viele verschiedene Typen antreffen: Neunjährige und Rentner, Dadaisten und Storyteller*innen, Ingeborg-Bachmann-Preis-verdächtige Lyrik oder „ganz nette“ Texte. Die Beiträge oszillieren zwischen Humor und Nachdenklichkeit, sind laut und leise, gerappt oder prosaisch, denn literarisch ist alles erlaubt. Poetry Slam ist eine Plattform, Poetry Slam gibt Stimmen eine Bühne.

Die Poetry-Slam-Szene ist offen gestaltet, es gibt keinen Dachverband oder ähnliches. Jede Poetry-Slam-Veranstaltung steht erst einmal für sich und läuft nach dem Geschmack der jeweiligen Organisator*innen ab.

Slammer*innen und Veranstaltende sind allerdings sehr gut miteinander vernetzt, denn das Format lebt vom Austausch. Man trifft sich, man kennt sich, man lädt sich ein, man mag sich, man ist befreundet — die Szene bezeichnet sich selbst liebevoll als „Slamily“, also Slam-Familie.

Und obwohl diese junge und progressive Szene aufgeschlossen und selbstkritisch ist, war bis vor ein paar Jahren eine sehr große Gruppe im deutschsprachigen Poetry Slam stark unterrepräsentiert: Frauen* und Mädchen*. Oft war man bei Slams „die einzige Frau des Abends“ oder in einer Quote von 1:5 vertreten. Die Gründe dafür sind vielfältig, und es lässt sich viel darüber diskutieren, letztlich schreckt es einfach ab, wenn man in eine Szene reinschnuppert, in der fast nur das andere Geschlecht vertreten ist — es fehlt an Vorbildern und Verbündeten. Genau hier setzt der 2016 gegründete Verein SLAM ALPHAS an.

Die Erfahrung zeigt, dass Frauen* weniger offensiv auf Veranstaltende zugehen und dass die Vernetzung leidet, wenn man als Frau* auf Tour und im Backstage weniger häufig auf andere Frauen* trifft. Im Nachwuchsbereich (U20) treten mehr Mädchen* als Jungen* bei Poetry Slams auf, doch den Sprung in die „große“ Szene machen die wenigsten, was weder an der Qualität noch der textlichen Vielfalt der Mädchen* und jungen Frauen* liegt.

Die Idee der Slam Alphas war es, als Verein strukturiert gegen die bestehenden Strukturen vorzugehen und so mehr Raum für Frauen* und Mädchen* zu schaffen und ihnen den Weg auf Slam-Bühnen zu erleichtern. Und da hat der Verein auch schon einiges bewirken können.

Die Zusammensetzung von Slam-Veranstaltungen ist mittlerweile viel ausgeglichener als noch vor ein paar Jahren. Ein Grund dafür ist eine Plattform, die SLAM ALPHAS Karte, in der slammende Frauen* und Mädchen* aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingezeichnet sind. So soll es Veranstaltenden erleichtert werden, Poetry Slammerinnen* für ihre Line-ups zu finden. Die neusten Listen auf der Slam-Alphas-Homepage zeigen rein weibliche* Teams und Moderatorinnen*, die ebenfalls für Veranstaltungen angefragt werden können.

Der SLAM ALPHAS Blog gibt den Frauen* in der deutschsprachigen Slam-Szene eine Stimme und bringt wichtige Debatten zum Thema auf den Tisch.

Inzwischen ist eine große und offene Kommunikation in der Szene über solche Themen möglich, die Wahrnehmung ist sensibilisiert. Es wird viel Wert auf das Verwenden von geschlechtergerechter Sprache („gendern“) gelegt. Das bedeutet, dass die Moderation nicht nur „die Slammer“ ankündigt, aber auch nicht das Geschlecht der Slammer*innen explizit hervorhebt (“die einzige Frau des Abends“). Das ist wichtig, weil Sprache unser Denken formt. Und so sollen für alle Teilnehmenden die gleichen Voraussetzungen geschaffen werden.

Auch inhaltlich macht sich das bemerkbar. Slamtexte sind feministischer geworden und vermeiden für gewöhnlich die Reproduktion von sexistischen Klischees.
SLAM ALPHAS macht aber vor allem den jüngeren Slammerinnen* Mut: hier finden sie eine Anlaufstelle, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Und sie bekommen Beistand, wenn sie ihn brauchen. Im Zweifel steht immer eine starke „Girl Gang“ hinter dem Mädchen* oder der Frau*.

Ganz neu steht nun eine weitere Gruppe für mehr Diversität auf Poetry-Slam-Bühnen ein: TINte. Das Netzwerk für Trans*Inter*Nicht-Binäre Bühnenliteratur ist ein Zusammenschluss von Bühnenliterat*innen, welche sich für Anliegen von transgender, intersexuellen und nicht-binären (TIN) Menschen auf und rund um Spoken-Word-Bühnen einsetzen (facebook.com/buehnentinte).

Auch das Publikum gestaltet Poetry-Slam-Veranstaltungen mit: Teilt Videos von Slammerinnen* und TIN-Menschen, konsumiert ihre Produkte (z.B. Bücher) und seid unvoreingenommen! Denn nur so schaffen wir ein diverses und reiches Programm, dass möglichst allen eine Stimme gibt.

Mehr Infos unter slamalphas.org.

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KATHI MOCK ist geboren und aufgewachsen am Bodensee. 2010 hat sie Poetry Slam für sich entdeckt und seither zahlreiche Auftritte im gesamten deutschsprachigen Raum absolviert. Seit 2014 lebt sie in Erlangen. Seit 2015 veranstaltet Kathi den monatlichen U20-Poetry-Slam und den Diary Slam im E-Werk Erlangen, sowie Lesen für Bier in Fürth. Sie ist Mitglied beim Improtheater holterdiepolter!.

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Kathis Slam-Empfehlungen im Dezember 2019 und Januar 2020:

LESEN FÜR GLÜHWEIN
MIttwoch, 18.12., 20 UHR // PARKS / 5,- Mit Text,  7,- Ohne Text
Zum Jahresabschluss wagen sie sich wieder an die berüchtigtste aller Kombinationen: warmer Alkohol und Zucker! Ansonsten bleibt alles wie immer: Lucas Fassnacht und Gast Paul Weigl lesen, was auch immer ihr mitbringt: ob Zeitungsartikel oder Tagebucheinträge der eigenen Kindheit, alte Schinken oder mit heißer Nadel Gedrucktes, alles ist erlaubt! Nach jedem Vortrag entscheidet das Publikum per Applausabstimmung, ob der Text oder die Performance besser war. Hat die Performance überzeugt, geht der Glühwein an den Künstler, der den Text vorgelesen hat. War der Text besser, erhält der/die Besucher/in den Glühwein, welche/r den Text zur Verfügung gestellt hat! Und schon nimmt der Abend seinen Lauf. Die Plätze sind begrenzt, Tickets vorzubestellen und frühes Kommen lohnen sich.

„FANTASTISCHE QUEERWESEN UND WIE SIE ZU FINDEN SIND“
FREITAG, 10.01., 20:00 // E-WERK / VVK 8,-/10,-, AK 11,-/13,-
Der erste queere Poetry-Slam-Abend in Erlangen und der Region!
Die beiden Herausgeber des Buches „Fantastische Queerwesen und wie sie zu finden sind“ Stef und Sven Hensel aus Bochum sind zu Gast in Erlangen und laden Kathi Mock und Cris Ortega aus der lokalen Szene dazu. Über das Buch: 36 überwiegend junge, queere Slampoet*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz begeben sich auf eine unterhaltsame, abwechslungsreiche und höchst informative Entdeckungsreise durch LGBTIQ*-Lebenswelten und ein rundum diverses Universum. Ein typischer Poetry Slam ist witzig, ernst, lyrisch, politisch, privat – vor allem aber bunt. Und so mischen auch immer mehr queere Menschen im Zentrum des Geschehens mit. Ihre Texte handeln nicht selten vom Finden: Wie sie sich selbst finden, wie sie andere finden, wie sie einander finden. Wer Vielfalt sucht, wird sie in diesem Buch finden.

POETRY SLAM ERLANGEN: JUBILÄUMSGALA
SONNTAG, 12.01., 20 UHR // E-WERK SAAL / VVK 14,50, AK 15,-
18 Jahre Poetry Slam Erlangen – es wird Geburtstag gefeiert! Dafür hat Lucas Fassnacht Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die euch die Kerzen von der Torte blasen werden, dass die Partyhütchen wackeln! Die Volljährigkeit wird mit Andi Valent (Mannheim), Nik Salsflausen (Stuttgart), Sarah Anna Fernbach (Wien), Victoria Helene Bergemann (Hamburg), Daniel Wagner (Heidelberg) und Musiker Flori Wintels (Paderborn) zelebriert. Sie haben alle schon mehrfach Preise und Titel gewonnen oder hätten es zumindest verdient. Es wird ohne Zweifel ein nicer und außergewöhnlicher Abend. curt gratuliert!

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Slam-Termine im Dezember 2019 und Januar 2020:

08.12. / 20:00         Fürther Poetry Slam, Kofferfabrik, Fürth
11.12. / 20:00         Wortgefecht Nürnberg, Südpunkt, Nürnberg
11.12. / 20:00         Lesen für Glühwein, E-Werk, Erlangen
14.12. / 20:00         Slam im Parks, Parks, Nürnberg
15.12. / 20:00         Poetry Slam Erlangen, E-Werk, Erlangen
18.12. / 19:00         U20 Poetry Slam Erlangen, E-Werk, Erlangen
18.12. / 20:00         Lesen für Glühwein, Parks, Nürnberg
08.01. / 20:00         Lesen für Bier, E-Werk, Erlangen
10.01. / 20:00         Fantastische Queerwesen, E-Werk, Erlangen
11.01. / 20:00         Slam im Parks, Parks, Nürnberg
12.01. / 20:00         Jubiläumsgala Erlangen, E-Werk, Erlangen
12.01. / 20:00         Fürther Poetry Slam, Kofferfabrik, Fürth
15.01. / 19:00         U20 Poetry Slam Erlangen, E-Werk, Erlangen
15.01. / 20:00         Wortgefecht Nürnberg, Südpunkt, Nürnberg
15.01. / 20:00         Lesen für Bier, Parks, Nürnberg
27.01. / 20:00         Südslam, Südpunkt, Nürnberg
28.01. / 20:00         Revolte Poetry Slam, Gummi Wörner, Erl.

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E-WERK ONLINE . Ein Stream kann ein Live-Geschehen eines Konzerts, eines Theaterstücks oder auch eines Poetry-Slams niemals ersetzen. Entsprechend lange hat das E-Werk-Slam-Team überlegt, ob Live-Streams aus dem E-Werk wirklich sinnvoll sind. Doch das E-Werk hat nun beschlossen: Ja! Und dank der Unterstützung von funklust, der studentischen Medieninitiative der FAU Erlangen, kann der Livestream-Slam nun realisiert werden. Bis in den Juni rein werden Euch insgesamt vier Streams präsentiert. Den Auftakt macht schon diesen Samstag Kathi Mock mit einer Poetry Slam Mixed Show.  >>
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