Theobald O.J. Fuchs: Das kleine Weltraumprogramm

FREITAG, 7. DEZEMBER 2018

#Comedy, #Film, #Interview, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Es gibt Menschen, da freuen wir uns, wenn wir sie nicht sehen müssen, oder sprechen. Denn sie sind emsig und senden uns ihre Texte von selbst, weil sie wissen, dass sie uns gefallen. Hier mal einen Krimi, dort mal ein Kammerspiel oder – wie diesmal – ein Interview mit einem Star ... immer her damit, danke, Theo!

»Täglich grüßt das Murmeltier«, sagen die Leute, wenn sie sich am Morgen sehen, im Büro oder in der Schule oder auf der Baustelle. Jeden Tag dasselbe, heißt das, die Tage kaum noch zu unterscheiden, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Fassaden, die gleichen Titel auf den Zeitungen, die gleichen Autos im gleichen Stau. In der U-Bahn starren ausnahmslos alle jeden Tag ins gleiche Taschentelefon – außer mir, weil ich mir erst dann ein SmartPhone zulegen werde, wenn mein altes Nokia kaputt ist. Das aber ist leider ein sogenanntes Alpha-Produkt, welches nie kaputt geht. 
Sollte sich Literatur eigentlich und überhaupt mit Taschentelefonen beschäftigen, frage ich mich da. Insbesondere die Schundliteratur hier, die der Lampe hinterher dann eh wieder nicht liest und dieses sein Versagen mit irgendwelchen abstrusen Zeitmangelerscheinungen »begründet«? 
Die Antwort ist wahrscheinlich: ja. Ich bin halt nur der falsche Ansprechpartner zum Thema »SmartPhone«. Wenn allerdings jemand dringend Literatur benötigt, in der sprechende Elementarteilchen auftreten, bitte gerne an mich wenden! Vor allem wäre ich an einer Verfilmung interessiert, weil man dann doch mehr Leute erreicht, nicht wahr? 
Doch zurück zum Murmeltier: Was da passiert ist eigentlich unglaublich. Denn Bill Murray ist ja unsterblich, nachdem er jeden Tag zur selben Uhrzeit in diesem Gästezimmer erwacht und der Radiowecker dasselbe Lied spielt. Und immer wieder exakt der gleiche Tag exakt gleich beginnt. In einer Zeitschleife festzustecken heißt jedoch, nicht zu altern. Sondern ewig zu leben, wie ein antiker Gott.  
Im Film gefällt ihm dieser Zustand offensichtlich überhaupt nicht. Er will etwas Anderes als Unsterblichkeit – er will Andie MacDowell küssen. Und hier scheiden sich die Geister nun über die Qualität des »Streifens«. Die einen werden sagen, dass die schöne Schauspielerin 
es wert ist, weil ein garstiger Mann wie Bill Murray »so eine« allerhöchstens einmal im Leben trifft. Also entweder ist man zutiefst gerührt der Romantik wegen – oder man hält Murray für einen Idioten. 
Denn die meisten würden mit der Unsterblichkeit einfach etwas Anderes anfangen, etwas, das nichts mit Andie MacDowell zu tun hat. Vor allem, wenn man kein weißer, amerikanischer Mann Anfang-Mitte 40 in seiner Zynismusphase ist. 
Vielleicht wird die Unsterblichkeit aber mit der Zeit tatsächlich langweilig. Die griechischen Götter waren ja auch nach einigen tausend Jahren verschwunden. Es sei denn, sie hüpfen heute noch inkognito irgendwo auf dem Planeten herum. (Notiz für mich selbst: Das mal recherchieren!)
Ich merke gerade, dass ich mir gerade über einen Film, den ich gesehen habe, Gedanken machte und niederschrieb – als würde dieser nichts anderes als die Wirklichkeit berichten. So, als gäbe es all die Serienhelden aus Breaking Bad, den Sopranos, Die Brücke – Transit in den Tod, Alf und Game of Thrones IN ECHT. (Bill Cosby existiert by the way tatsächlich wirklich und ist, was man so gehört hat, in echt ein mieser Typ.) 
Junge Literatur funktioniert heutzutage so. Zumindest habe ich den Eindruck. Die Welt ist inzwischen von solch gewaltigen Mengen an ausgedachten Personen, Geschichten, Ländern und Gesellschaften besiedelt, dass die jungen Menschen damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu berichten, wie es ihnen in diesem Zoo der fiktiven Wesen und Hybriden so ergeht. Es scheint schwerer zu fallen, die realen Ereignisse von den ausgedachten zu unterscheiden – da ist ein Präsident Trump nichts weniger als ein role model für Milliarden. Die Doku auf YouTube hat längst das Fachbuch ersetzt, die Mini-Serie den Geschichtsunterricht. 
Wie dem auch immer sei – ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen. Zu Hause betreiben Katha und ich nämlich ein kleines Raumfahrtprogramm. Das ist unser gemeinsames Hobby, sehr entspannend, wirklich schön, aber freilich auch viel zu tun! Immer gibt es etwas zu erledigen: Starts, Landungen, Tanken, Explosionen und so weiter. 
Ein bisschen ein Problem ist es, wenn wir in den Urlaub fahren wollen. Dann brauchen wir jemanden, bei dem wir das kleine Raumfahrtprogramm in Pflege geben können. Meistens landen wir bei meinem Vater, der sich immer anbietet und generell sehr gerne Raumfahrtprogramme sittet. 
Leider verhätschelt er unser kleines Raumfahrtprogramm so sehr, dass wir es jedes Mal nach unserer Rückkehr sofort auf strenge Diät setzen und ihm wieder abgewöhnen müssen, bis mittags im Bett zu liegen. Ganz schwierig ist es auch, ihm den Gin Tonic auszureden, mit dem es ab eins in den Nachmittag hinein strawanzen würde, wenn man es machen ließe, was es will. Mein Vater ist da viel zu tolerant, und sowas kommt dann von sowas. 
Doch ansonsten bereitet uns das kleine Raumfahrtprogramm viel Freude! Es macht kaum Lärm (außer alle paar Jubelmonate bei den Raketenstarts) und sieht auf Fotos einfach umwerfend gut aus. »Todschick«, pflegt es meine Mutter zu nennen und ich mache voll gerne Selfies von ihm. Wie alle Raumfahrtprogramme verkriecht es sich nach Einbruch der Dunkelheit gerne ins Wohnzimmer. Alleinsein ist nicht sein Ding, und so kuschelt es zwischen uns aufm Sofa und wir schauen zusammen »Der Bulle von Tölz« und »Polizeiruf 110«. Und wenn es dann anfängt zu gurren und zu keckern, ist das total süß. Kann ich echt nur empfehlen (drei von fünf Sternen). 

Und zum Schluss nochmal, damit auch wirklich nichts durcheinander gerät: Die Ereignisse, die in dem Film Täglich grüßt das Murmeltier dargestellt werden, sind NICHT WAHR, sondern von vorne bis hinten komplett ausgedacht. Es ist mir wichtig, das festzustellen. Was ich allerdings hier schreibe, ist umgekehrt natürlich komplett echt und über jeden Verdacht erhaben. 

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UND WAS MACHT THEO WIRKLICH UND SONST SO?
Naja, immer nicht so viel. Ein bisschen Forschung und so, hier und da mal irgendwas lehren. Wissen wir nicht so genau, ist auch egal. Ansonsten wälzt er sich im Ruhm und lässt sich bewundern, denn seine Sucht ist die nach Aufmerksamkeit. 

THEO LIVE MIT ROLAND SPRANGER UND MICHAEL STRÖLL:
Am 6. Dezember in Hof, Kunstkaufhaus. Ab 20 Uhr. Zitat: „Zuvor sind wir mal verreist und beim Gansessen. Sorry - läuft halt gerade gut.“

Und: THEO LIVE AUF DER BÜHNE DER PECHA-KUCHA-NIGHT
am 7. Dezember im Neuen Museum Nürnberg.
 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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