Wenn der Zuschauer von der Stuhlkante springt

DONNERSTAG, 1. NOVEMBER 2018

#Dieter Stoll, #Kolumne, #Kritik, #Musical, #Opernhaus, #Staatstheater Nürnberg, #Theater

…  und die Stadt ihre Kulturpreise streut –  Neulich war es wieder einmal so weit, die Zuschauer im Opernhaus sprangen von den Sitzen. Das ist schon deshalb eine Nachricht, weil man dem typischen, in Würde gereiften Stammpublikum dieses Kulturinstituts solch hochschießendes Ganzkörpertemperament, zumal ohne Gelegenheit zur vorherigen Rücksprache mit dem Physiotherapeuten des Vertrauens, gar nicht zutraut.

Sicher, im Treibhaus der Gefühle gehört die brausende Emotion durchaus zur Grundausstattung wie das ebensolche Pausenerquickungsgetränk. Aber alles in zierlichen Maßeinheiten, das Überschäumen ist nicht vorgesehen. Für den Normalfall bleibt es bei Boden- bzw. rückwärtiger Polsterhaftung des Kulturfreunds, selbst wenn ihm die Begeisterung kreisläufig ins Gesicht schießt oder zumindest für den theoretischen Moment als Auftrieb ins Patschhändchen fährt. Das kann bei einem effektvollen Blackout nach brüllendem Choreinsatz sein (wie derzeit zum Finale von „Krieg und Frieden“), nach serpentinenartigen Koloraturen italienischer Hochleistungskehlen (mit Munition von Rossini oder Donizetti, wie wir das in den vorigen zehn Jahren ausgiebig erkunden durften), oder beim atemberaubenden Lassoweitwurf der Stimmbänder für Händel-Arien (wie wir sie ab Monatsende bei „Xerxes“ erleben werden). Doch selbst das zupackende Seelenschütteln mit Hochdruck von Verdi oder die überirdisch weihräuchernde Marathonliturgie von Wagner setzt die Selbstkontrolle der abonnierten Rauschmittelabhängigen selten außer Kraft. Man klatscht, man jubelt, man strahlt – man bleibt sitzen. Begeisterung kann ja auch abgefedert sein. „Bravo!“ ruft es aus dem Parkett, „Brava!“ übertrumpft es aus dem Rang, „Brav!“ denkt der Unbeteiligte.

DIE VOLKSERHEBUNG NACH DEM SCHRUMMSCHRUMM

Die eingangs konkret beschriebene Nürnberger Volkserhebung hatte sich bereits wenige Minuten nach Beginn der Vorstellung angekündigt, denn da brauste der Jubel schon der allerersten Gesangsnummer (die, ehrlich gesagt, ziemlich ödes Schrummschrumm war) mächtig hinterher, und so mancher innerlich aufgewühlte Besucher tastete sichernd nach seiner intimsten Körperstelle. Also dorthin, wo er das Smartphone betriebsbereit für Dokumentationen an die Nachwelt zwischengelagert hatte. Wenn am seriösen Staatstheater die Menschenmenge derart ausflippt, kann man ziemlich sicher sein, dass ein Musical auf dem Spielplan steht. Eines dieser auf sonderbare Weise Mitbestimmung fördernden Kunstwerke, die durch ihr Mikroport-Nothilfesystem stützender Stimmverstärkung den Zuschauer zum ständigen Mitarbeiter machen, weil er in anhaltender Einsatzbereitschaft die passende Bühnenfigur zu vokaler Echohallbeschallung und schauspielerischer Action in der offenen Szene suchen sowie schnellstens im eigenen Kopf wiedervereinigen muss. Kleiner Tipp: Es ist immer die mit der Mundbewegung.
In diesem Fall ging es um „Catch me if you can“, das Bühnenspektakel zum Hochstapler-Kinofilm von Steven Spielberg, das eigentlich gar nicht zu den gängigen Hauruck-Bestsellern der Sparte gezählt, aber im Sog der deutschlandweit zuverlässig funktionierenden Showspiel-Community mitgerissen wird. Denn das Bekenntnis zum Gesamtkunstwerk Musical, das sich jenseits von Katzenfellen, Löwenköpfen oder Rollschuhen gerne auch mal „Rock-Oper“ nennen darf, ist zur Glaubensfrage mit Geschmackstest geworden. Bekenntnis erwünscht, nicht nur für Jesus Christ. Mit eigenen bundesweiten Zentralorganen wie dem Magazin „Musicals“, der hingebungsvollen Imagepflege von durchgereichten Spartengrößen und einer Pilgerbereitschaft der Fans, die mit spezieller Servicezuwendung quer durchs Land einer weiteren Abendportion von Glück entgegen reisen, wie das allenfalls von orthodoxen Alt-Wagnerianern, naja vielleicht auch noch von Donna Leon bei Händel-Opern bekannt ist. Auch das Fürther Theater mit seinem nachdrücklich gepflegten Neigungsprofil zur handlicheren Showgröße kann sich stets auf die seltene Bewegung sprungbereiter Zustimmung verlassen (wird es mit der Deutschlandpremiere von Cy Colemans „Little Me“ im März 2019 wieder tun, nachdem vorher in den nächsten Wochen die Gastspiele von „Die Brücken am Fluss“ und  „Footloose“ den kleinen Musical-Hunger zwischendurch deckten), während in Nürnberg das Schauspielhaus dann gerade „Lazarus“ aus dem Hit-Nachlass von David Bowie bietet. Was nach überlieferter Kritikereinschätzung „ein Musical wie ein Requiem“ ist. Kein Anlass zur Gratisdepression: Man hört ja immer wieder, dass die Stimmungslage beim Leichenschmaus überraschend vital sein kann.
Der Sprung von der Sitzkante, das Mindestmemorial unter praktizierenden Musicalfreunden, hat  – und das ist ein großer Teil im kleinen Unterschied – allenfalls anteilig mit Theaterbegeisterung zu tun. Hier geht es um die Weiterverwertung von Fernseherfahrung. Der heimische Bildschirm darf mit seiner nationalen Auslese von kleinformatigen Superstars  im Wartestand als vorbildliches Testgelände gelten, wo juchzende Reaktionen im Kollektiv jeden Ansatz von Talent nach strengen Regeln der Begeisterung großzügig quittieren: Letzter Ton, erster Sprung. Immerhin, anders als im TV-Studio funktioniert bei Musicalaufführungen im Theater die Ovation ohne Animation. Die leuchtschriftliche  Aufforderung zu Standing Ovations ist nicht nötig, weil die übliche Dynamik des gemeinen „Bravo“-Rufs beim Zuschauer einen rempelnden Adrenalinstoß für den Anlauf zum Show-Sprung beflügelt.

STÄDTISCHE KULTURPREISE UND ANDERES RITTERSCHLAGWERK

Wie schwer hat es vergleichsweise die nachhaltige Art der Anerkennung, die ein wenig über den Moment der organisierten Begeisterung hinausreichen will. Die Kulturpolitik als Repräsentant der Öffentlichkeit greift gerne zu Verdienstmedaillen und Ehrentiteln. Seit die Städtischen Bühnen Nürnberg ein „Staatstheater“ sind (die Hälfte der Subvention kommt trotzdem aus dem Rathaus), stehen dafür die anachronistischen Titel „Kammersänger/in“ oder „Kammerschauspieler/in“ zur Verfügung. Ein Ritterschlagwerk, macht was her und kostet nichts. Die Buchstaben Ks. oder Ksch. vor einigen Namen auf der Besetzungsliste lassen seither manchen Programmheftleser grübeln, aber weitere positive Folgen sind nicht bekannt. Michael Hochstrasser, der ein Ksch. ist, wäre so ein geachteter Sonderfall im Ensemble, dem er seit 35 Jahren und somit seit diesem Herbst, da Jochen Kuhl und Marion Schweizer ausgeschieden sind, länger als jeder andere Kollege in Nürnberg angehört.

Für den Sänger Jochen Kupfer (Ks.) ist jetzt im November noch mehr drin, denn der seit 2005 am Opernhaus engagierte und auch den aktuellen Intendantenwechsel unverletzt überlebende Bassbariton mit dem (Laudatio-Zitat) „unverwechselbar balsamisch-kernigen Klang seiner Stimme“ wird bei der öffentlichen Verleihung der städtischen Kulturpreise 2018 (19. November, Tafelhalle) eine der jurierten und dotierten Auszeichnungen erhalten. Das sind in diesem Jahr ein offiziell „großer“ Preis (an den Maler Diet Sayler) und vier inoffiziell auch nicht gerade „kleine“. Sänger Jochen Kupfer ist nach Martha Mödl 1972 und Elizabeth Kingdon 1984 erst der Dritte dieses Fachs, der seit der ersten Preisverleihung 1952 ausgewählt wurde. Voriges Jahr sang der 49-Jährige den Stolzius in der spektakulären Konwitschny-Inszenierung von  Zimmermanns „Die Soldaten“, davor Alban Bergs „Wozzeck“, war längst „Don Giovanni“ und „Eugen Onegin“, auch Beckmesser der „Meistersinger von Nürnberg“, derzeit ist er Protagonist in Prokofjews „Krieg und Frieden“. Und er gilt als begnadeter Lied- und Oratorien-Sänger mit internationaler Karriere. Den Preis hat er, beiläufig sei es angemerkt, auch auf Betreiben agitationsfreudiger Verehrer*innen bekommen, denen keine Juroren-Telefonnummer fremd ist. Könnte also sein, dass nach seinen Liedern bei der Preisverleihung in der Tafelhalle jemand für ihn von der Stuhlkante springt. Auch wenn garantiert keine Musicalnummer dabei sein wird.

200 PREISTRÄGER, NUR EINMAL SCHAUSPIELER*IN

Statistisch geben die städtischen Auszeichnungen auch etwas her, über das man während der Festreden am 19. November in aller Ruhe nachdenken kann. Unter den rund 50 „Kulturpreisen“, die seit 1952 vergeben wurden, besetzen Schriftsteller vor Bildenden Künstlern und Musikern mit Abstand die Spitze. Bei den breiter gestreuten 150 „Förderungspreisen“ ist es prozentual nicht anders. Nürnberg schreibt, malt und klingt. An ihre Schauspieler*innen wurden die Einheimischen in diesem Rahmen aus 200 verpassten Gelegenheiten nur ein einziges Mal erinnert: Sofie Keeser bekam den Kulturpreis – das war vor 34 Jahren. Als Indiz der Wertschätzung eines vor Ort täglich sehr direkt fürs städtische Kulturleben wirkenden Berufsstandes ist das wohl nicht geeignet.

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FÜR CURT:
DIETER STOLL, Theaterkritiker und langjähriger Ressortleiter „Kultur“ bei der AZ.
Als Dieter Stoll nach 35 Jahren als Kulturressortleiter der Abendzeitung und Theater-Kritiker für alle Sparten in den Ruhestand ging, gab es die AZ noch. Seither schreibt er z.B. für Die Deutsche Bühne und ddb-online (Köln) sowie für nachtkritik.de (Berlin), sowie monatlich im Straßenkreuzer seinen Theatertipp. Aber am meisten dürfen wir uns über Dieter Stoll freuen. DANKE!

 




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