Theobald O.J. Fuchs: Die Begabungen einer Insel

MONTAG, 2. JULI 2018

#Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

A. Geobotanisches Grafiedings - Die Insel ist sehr zerklüftet. Nicht vorstellbar, dass sie noch zerklüfteter sein könnte. Die Mutter aller Zerklüftung ist sie. Es gibt keine ebene Fläche, keine flache Straße, sogar in den Tunneln tief unter den Felsen geht die Autobahn andauernd auf und ab. Alle Lebewesen auf der Insel haben deshalb kurze dicke Beine, auch die Katzen und Hunde, auch die Bananenstauden und die Eichhörnchen.

Wer hier zudem mit ungleich langen Beinen auf die Welt kommt, hat einen Vorteil und gilt als heißbegehrter Heiratskandidat. Aus den Autos bauen geschäftstüchtige Schrauber die Zahnräder für den dritten und vierten Gang aus und verkaufen sie in die Mongolei, wo sie weitaus nützlicher sind. Das wahnwitzig gezupfte Relief der Landschaft drückt sich in meinen Geist, so wie die Falten der Bettwäsche manchmal morgens in meine Wange. Dazu unberechenbare Wolken, die planlos über den Ozean ringsherum vagabundieren. Ich fühle mich, als triebe ich in einem weißen See, über mir undurchdringlicher weißer Dunst, als schwöbe Rauch über Milch.

Auf dem Gipfel des höchsten Berges, den wir im Spaziertempo besteigen, haben die Eingeborenen einen Altar errichtet, einen rechteckigen Klotz aus Stein, etwa kniehoch. Man könnte sagen: eine ideale Ergonomie – wenn es um die Schlachtung mittelgroßer Säugetiere geht. Doch werden hier nur Ideen geopfert. Alte, zähe Ideen, aus denen man nur noch Suppe kochen oder philosophische Salami schnetzeln kann. Ostern naht. Wir nutzen den Tag und haben gleich noch unser erstes Dschungelwandererlebnis. Exakt eins zu eins wie im Reiseführer. Sogar die gleichen Bilder finde ich hinterher im Speicher meiner Kamera.

B. Brathuhn Gottes - Nach einer Woche kennen wir im Dorf jede Katze (drei) und jeden Hund (sieben). Und die zwei Eckensteher und fünf hauptamtlichen Parkplatzbeobachter vor dem zentralen Geschäft. Es vereint sämtliche Wirtschaftszweige des Ortes: Kneipe, Café, Losbude, Hühnchenbraterei, Omelettmanufaktur und Fußballübertragungsstation. Nur die Feuerwache ist zwei Häuser weiter untergebracht.

Die fröhliche Frau des Inhabers stellt mir schon automatisch zwei imperiale Gläser Bier hin, sobald ich den Laden betrete. Am Sonntag brät der Großvater in einem Verschlag neben der Tür Hühner. Köstliche Hühner, die halbe Insel steht mittags Schlange, während hundert Meter weiter ein Gottesdienst tobt. Die Kirche hier hat erkannt, dass Lautsprecher mehr bewirken als Glocken, man hört die Gesänge bis hinauf zum Stausee, der wie eine herzförmige riesige Pfütze im Dschungel Wanderern auflauert und sie daran gemahnt, dass auch ihr Körper zu fünfunddrölf Prozent aus Wasser besteht.

Meine Kenntnisse der Landessprache sind noch nicht ganz perfekt, aber reichen aus, um den polymorphen Dialog am Brathühnchenverkaufstresen komplett zu verstehen. Es spielen mit: Der Typ mit Schnauzer, der sich über den Tresen lehnt, zwei kleine, dicke Frauen hinter mir, Opa am Grill, seine Gattin mit der Knochenzange und dem Saftlöffel, zwei Bleistifte und ein komplett mit Fett durchtränkter Notizblock.

»Was möchten Sie?«
»Ein Hühnchen.«
»Ja, sehr gute Idee, kaufen Sie ein Hühnchen.«
»Denken Sie, es ist gut?«
»Ja, es ist sehr gut. Für Sie auch ein Hühnchen?«
»Nein, wir wollen zwei Hühnchen.«
»He, Jorge! Mach noch zwei Hühnchen!«
»Siehst Du nicht, dass ich hier schon hundert Hühnchen am Spieß stecken habe?«
»Kaufen Sie eines, ich habe auch eines gekauft.«
»Sie gehören gar nicht zum Laden?«
»Nein, warum?«
»Nur so. Also ein Hühnchen bitte.«
»Warten Sie, ich schreibe das hier in den Block.«
»Moment, das schreibe ich doch schon in den Block.«
»Der Herr möchte ein Hühnchen, ich mache hier einen Strich.«
»Den Strich wollte ich machen. Aber gut: der Nächste bitte?«
»Gibt es hier Hühnchen?«
»Augenblick, ich muss nachsehen ...«

Katha meint, es läuft ungefähr so, wie im Hemdendienst Bier verkauft wird.

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Das Kapitel „C. Flora humana est.“ folgt online im August!

[Fotos: Katharina Winter, stets im Bilde: Theo O.W. Fuchs]

UND WAS MACHT THEO WIRKLICH UND SONST SO?
Naja, immer nicht so viel. Ein bisschen Forschung und so, hier und da mal irgendwas lehren. Wissen wir nicht so genau, ist auch egal.
Ansonsten wälzt er sich im Ruhm und lässt sich bewundern, denn seine Sucht ist die nach Aufmerksamkeit. Alles Gute zur Hochzeit.
Darum: Am 03.07., 19 Uhr 30, hält Theo einen belehrenden wie erbauenden Vortrag in der Freien Wissenschaftsakademie (Hochstraße 23, Nbg, Hinterhof). freie-wissenschaftsakademie.de
Und am 27.07., 20 Uhr, liest er im Stadtpark zu Fürth aus seinem Krimi.  Zudem orakelte er intensive Arbeit an seinem nächsten Buch.




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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