Dem Egers sei Welt #61: Italien

DONNERSTAG, 23. NOVEMBER 2017

#Comedy, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne

Es waren Sommerferien. Vater, Mutter und Sohn wollten mit dem Auto nach Italien fahren. Die Mutter hatte nämlich ein italienisches Temperament. Sie konnte außerdem sehr flüssig italienisch sprechen. Ihre Sprachkenntnisse sollten aufgefrischt werden. Ihr Temperament war vom Sprachraum unabhängig. Es war ganzjährig konstant und bedurfte keiner Erneuerung. Vater und Sohn hatten sich mit beiden Tatsachen abzufinden.

Der Vater, der das ganze Jahr über als Vertreter für Schreibwarenartikel von einem Schreibwarenladen zum nächsten durch das Land fuhr, entlud die Fracht seines Fahrzeugs. Radiergummis, Bleistifte, Lineale, Zirkel, Glückwunschkarten und Geschenkpapier wurden in die Garage gestellt, in der sie ihren Urlaub verbringen sollten. Dann lud der Vater die Koffer und Taschen in das geräumige Automobil. Es waren viele Koffer und Taschen, weil die Mutter für alle klimabedingten Eventualitäten vorgesorgt haben wollte. Während der Vater versuchte die umfassenden Lebensnotwendigkeiten für das Ausland unterzubringen, fielen der Mutter immer noch mehr Dinge ein, deren Mitnahme in ihren Augen unabdingbar war. Sonnen- und Regenschirme, Schuhe, Hüte und Mützen für alle geostrategischen Eventualitäten. Auch eine umfassende Reiseapotheke, Decken und Schals vermehrten die Menge der mitzunehmenden Gegenstände. Der Vater deutete an, dass das Fassungsvermögen des Kraftfahrzeuges begrenzt sei. Die Mutter unterstellte dem Vater, er besäße nicht die Fähigkeit, die ganzen Gegenstände sinnvoll und platzsparend unterzubringen. Der Vater verwehrte sich vehement gegen diese Anschuldigung. Die Mutter stopfte immer noch mehr Dinge in das prall gefüllte Fahrzeug. Der Vater wies vergeblich darauf hin, dass man für zwei Wochen in den Urlaub fahre und dass es sich nicht um einen Umzug handele. Die Mutter stopfte unbeirrt weiter. Vater, Mutter und Sohn hatten kaum noch Platz zum Sitzen. Dann fuhren wir los. Kurz vor dem Autobahnkreuz in Richtung Süden fragte die Mutter noch, ob sie die Herdplatte ausgeschaltet hätte. Der Vater wies darauf hin, dass ihm das egal sei. Das Haus solle abbrennen. Dann schaltete er das Radio ein und drehte so lang zwischen den Sendern, bis klassische Musik erklang.
 
Ich schaute aus dem Fenster und sah mir die Menschen in den anderen Fahrzeugen an. Manchmal winkte ich ihnen zu oder machte absichtlich ein blödes Gesicht. Wir fuhren an einem Frauengefängnis vorbei und der Vater sagte zur Mutter, dass sie bestimmt einmal dorthin verbracht würde. Wir fuhren an einem Gefängnis für jugendliche Straftäter vorbei und der Vater wies mich daraufhin, dass ich einmal dort landen würde, wenn ich nicht Obacht gäbe. Wir fuhren an einem Irrenhaus vorbei und der Vater sprach davon, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit einmal dort eingeliefert werden würde. Bis kurz vor München genoss ich die Fahrt. Dann holte die Mutter das Lateinbuch aus der Tasche. Ich hatte gehofft, sie hätte es vergessen. Dem Vater wurde befohlen, das Radio abzuschalten. Dann wurde ich lateinische Vokabeln abgefragt. Erst sagte die Mutter das lateinische Wort und ich musste die deutsche Entsprechung sagen. Dann sagte sie das deutsche Wort und ich musste ins Lateinische übersetzen. Ich musste konjugieren und deklinieren. Dann musste der Vater urinieren und wir fuhren auf einen Rastplatz. Ich stieg aus dem Auto und atmete vehement. Die vielen Buchstaben hatten sich in meinen Beinen abgelagert und ich schüttelte sie heraus. Der Vater kam von der Toilette zurück und lächelte mich mit mildem Mitleid an und flüsterte mir zu, dass es jetzt gleich mit Englisch weiterginge. Wir fuhren und die Mutter holte das Englischbuch hervor. Ich übersetzte vom Englischen ins Deutsche und wieder andersherum. Wir übten Zeiten, Fälle, Singular und Plural. Als wir an der Grenze unsere Pässe vorzeigen sollten, ging es um den Genitiv. Der Zollbeamte war irritiert. Er wusste nicht, was meine Mutter von ihm wollte. Mein Vater klärte den Umstand auf. Der Zollbeamte blickte mit milden Mitleid auf mich auf dem Rücksitz. Die Mutter fragte und fragte. Ich antwortete und wurde korrigiert. Wir fuhren schon auf einer schmalen Straße den Berg hinauf. Unter uns war ein blauer See. Neben uns ragte ein blanker Fels auf. Der Vater hupte, bevor er um die Kurve fuhr. Die Mutter hatte immer noch das Schulbuch auf den Knien und fragte nach Wörtern. Die vielen Buchstaben stiegen mir von den Beinen in den Bauch und von da in den Hals. Das letzte Wort konnte ich nicht mehr sagen. Ich kotzte stattdessen. Das Schulbuch wurde daraufhin geschlossen und das Abfragen beendet.
 
Die Luft in Italien roch angenehm anders. Der Vater rasierte sich nicht mehr und ihm wuchs sein Urlaubsbart. Die Mutter verschwand im Dorf und schwatzte mit einer Runde recht fideler Italienerinnen. Man konnte sie von den Damen nicht unterscheiden. Vater und Sohn betrachteten diesen Umstand aus der Ferne mit Freude. Ich lernte einen Jungen in meinem Alter kennen. Er hatte eine Wackelbild-Armbanduhr. Je nachdem von welcher Seite man die Uhr betrachtete, zeigten die Zeiger eine unterschiedliche Uhrzeit an. Der Junge behauptete, wenn man richtig darauf schaue, könne man die exakte Zeit ablesen. Ein paar Tage späte machten Vater, Mutter und ich einen Ausflug zu einem Wasserschloss. Die alten Steine strahlten am frühen Abend die Wärme ab, die sie den Tag über aus der Sonne gesaugt hatten. Überall waren Menschen, die die Wärme und das Einatmen und Ausatmen der Luft genossen. Es gab Stände mit Obst, Gemüse und getöpfertem Geschirr. Jedem schien das Leben wie ein leichtes Vergnügen.
 
Ich sah ihn als erstes. Auf der Mauer des Schlosses saß ein Schimpanse. Leichtfertig näherte ich mich dem Tier. Es stellte sich heraus, dass man für ein kleines Entgelt ein Foto mit sich und dem Tier bekommen konnte. So ein Foto wollte ich gerne haben und die Eltern erlaubten es. Schon stand ich neben dem Äffchen auf der Mauer. Die Mutter besprach sich mit dem Fotografen, einem adretten Italiener. Der Vater stand etwas abseits. Vorsichtig hatte ich mich an die Seite des Affen Anker gestellt, als dieser sogleich mit seinem Arm meinen Hals umgriff. Die Mutter war mit dem Affenbesitzer in ein wortreiches Gespräch vertieft. Der Affe langte mir mit seinen Fingern weiter an den Hals. Die Finger waren behaart und ledrig, und ich mochte diese Aufdringlichkeit nicht. Ich kannte diesen Affen nicht. Langsam begann ich zu fürchten, dass es das Tier nicht bei der Umarmung belassen würde. Die Mutter redete mit dem Italiener ohne Unterbrechung. Er hatte wohl auch schon länger nicht mehr italienisch gesprochen. Mein Vater stand regungslos. Ich wagte nicht zu sprechen, um den Affen nicht zu erschrecken. Denn sonst würde er mich vielleicht beißen. Die Zeit stand still. Niemand bewegte sich. Nur die Mutter redete unaufhörlich. Endlich wollte der Italiener das Foto machen. Er sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Die Mutter übersetzte mir, dass ich lachen sollte. Ich lachte. Mein Vater sagte mir später einmal, dass er unglaubliche Angst gehabt hätte, der Affe könnte mich erwürgen. Er bewahrte das Foto immer in seiner Brieftasche auf.

UND WAS MACHT DER EGERS SONST SO UM, ÜBER UND NACH DEN FEIERTAGEN?
 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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