Theaterkritik: Blutbad im Badezimmer

13. JUNI 2026 - 5. NOVEMBER 2026, STAATSTHEATER

#Andreas Radlmaier, #Kritik, #Orestie, #Premiere, #Staatstheater

Stephan Kimmig inszeniert am Nürnberger Schauspielhaus die „Orestie“ als moderne Adaption. Bewegend ist das Ergebnis nicht. Besprechung von Andreas Radlmaier

Es wäre eine kühne Behauptung, die neue Schauspiel-Direktorin Lene Grösch hätte in ihrer Einstiegs-Spielzeit das Nürnberger Publikum im Sturm erobert. Dazu war die künstlerische Ausbeute dann wohl zu durchwachsen. Und dieser Zustand hält bis zur großen Abschlussproduktion an.

Bei der zweiten Vorstellung der „Orestie“ war das Schauspielhaus gerade mal zur Hälfte gefüllt. Der freihändig mit der Aischylos-Trilogie jonglierende Antiken-Stoff – Star-Regisseur Stephan Kimmig hat die Adaption des Briten Robert Icke bei seinem Nürnberg-Debüt auf drei Stunden eingedampft – bleibt denn auch nur als kühle Konstruktion in Erinnerung. Man applaudiert der Kunst und bleibt auf Distanz.

Ähnlich zwiegespalten zeigt sich die Kritik. Während die Süddeutsche Zeitung ein „eindringliches Familiendrama“ erkennt und der Donaukurier „Drei Stunden Hochspannung auf der Bühne“ sieht, bleiben für das Online-Portal „Nachtkritik“ Spannung und Konzept „auf der Strecke“ und die Nürnberger Nachrichten können sich „dies alte Stück nur noch mühsam zusammenreimen, zumal auch die Bezüge zum Heute allein am seidenen Faden hängen, konstruiert und mühsam wirken“.

Man kann aber auch leicht den Überblick verlieren bei dieser umgeschriebenen und überschriebenen Vorlage, die beim Sprung durch die Jahrtausende mit dem ewigen Vernichtungswillen unserer Gattung leider nicht an Bannkraft gewinnt. Man sieht Steinbrucharbeiten in einem 2500 Jahre alten Mythos, der beim Blick in die brutale Welt von heute seine Aktualität nicht verloren hat.

Robert Icke verlegt jedenfalls den Trojanischen Krieg ins Wohnzimmer von Agammemnon und Klytaimnestra. Stephan Schäfer gibt den zaudernden Feldherr mit Cordhose und fettigen Haaren, der in Esstisch-Kommunikation flieht (wie war dein Tag?). Katharina Uhland siedelt ihre Figur sehr schnell am Rande des Nervenzusammenbruchs an. Denn bevor Todesspirale und Blutbad ihren Lauf nehmen, fährt vor der bühnenfüllenden Richterbank mit nachtschwarzer Rückwand ein trautes Heim aus der Tiefe nach oben. Das Holzhaus ist Schauplatz für strenge Tischregeln und Badezimmermord.

Die Rückblende wird zum Erzählprinzip. Also wird zu Beginn das blutige Tischtuch auf dem Esstisch erst mal wieder weiß verhüllt. Denn der Orestie vorgeschaltet hat Icke gleich noch Iphigenies Opfertod, der laut Prophezeiung der (griechischen) Flotte günstige Winde zum Auslaufen bescheren soll: „Das Kind ist der Preis!“. Bis Valentina Schüler proaktiv den bereitgestellten Tabletten-Cocktail einwirft und damit die Windmaschine in Gang setzt, ist die erste Hälfte des Theater-Abends vorbei.

Im Schleudergang werden dann Schicksal und Heldensagen verhandelt, irgendwo zwischen Weltgericht und Familientragödie, Psycho-Therapie und Fatalismus. Orest mit Vokuhila-Schopf und auch sonst ein verhaltensauffälliges Erscheinungsbild (Alban Mondschein) sitzt die meiste Zeit wie in einem Schauprozess in einem Glaskasten, von einer Ärztin (Julia Bartoloeme) befragt nach Erinnerungslücken, undichten Stellen und Mordabsichten. Während der bei Aischylos entscheidende Seher Kalchas hier den Beruf gewechselt hat: Amadeus Köhli ist der Geschichtsschreiber, der minutengenau und seelenruhig die Todeszeitpunkte der Familienmitglieder protokolliert.

Weil Agamemnon auf Drängen des trickreichen Königsbruders Menelaos (Thorsten Danner) das eigene Kind umbringt, tötet Klytaimnestra nach vollbrachter Spezialoperation den eigenen Mann bei der Rückkehr mit reichlich sudelndem Theaterblut als kleine Hommage an den Wiener Extremkünstler Hermann Nitsch. Bevor dann Orest und Schwester Elektra erst Mutters Liebhaber Ägisth, der Agamemnon zum Verwechseln ähnlich sieht, und dann auch die Mutter aus dem Weg räumt.

Rache ist stärker als Muttergefühle, das Auslagern von Schuld in übergeordnete Zwänge wird zur befreienden Ausrede. „Es sind nur Menschen, mehr ist da nicht“, tönt es am Ende vom Richterpodium. Ein Freispruch für Orest und die ewige Gewaltspirale ist diese Botschaft Kimmigs nicht, Verstörend oder gar erschütternd aber auch nicht. Diese „Orestie“ erschöpft sich.

Nach dem verwackelten Auftakt von Lene Grösch geht es in Saison zwei. Am 26. September hat Kafkas „Der Prozess“ Premiere. Die gebürtige Nürnbergerin Laura Linnenbaum inszeniert den Spielzeit-Auftakt. Und auch Stephan Kimmigs Rückkehr steht fest: Er inszeniert Büchners „Woyzeck“. Premiere ist zum Saisonfinale, am 13. Juli 2027.

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Weitere Infos:
www.staatstheater-nuernberg.de
 




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