Dem Egers sei Welt #34

DIENSTAG, 3. FEBRUAR 2015

#Comedy, #CURT präsentiert, #Egersdörfer, #Kolumne

Als kleiner Bub habe ich gern gezeichnet. Mit Filzstift habe ich besonders gern Figuren dargestellt mit langen Nasen. Auf den Nasen wuchsen Bäume, fuhren Autos oder standen andere Gestalten mit ebenfalls sehr langen Nasen. Gern habe ich auch mit meinen Filzern Panzer gemalt. Schießende Panzer im Gefecht zwischen marschierenden Soldaten. Explodierende Granaten, abgerissene Arme und Beine, bombardierende Flugzeuge, Flakgeschütze.

 

NAZIS

Ich weiß gar nicht mehr, wie die Panzer in mein Bewusstsein geraten sind, so dass ich sie malen konnte. Bei uns daheim gab es keine Gemälde oder Fotos von Panzern. Bestimmt bin ich einmal im Verkehrsmuseum gewesen. Aber ich bezweifle sehr, dass da Panzer ausgestellt waren. Wenn Vater vom Krieg erzählte, kamen da auch keine Panzer vor. Egal. Ich weiß jedenfalls noch genau, als ich wieder einmal am großen Tisch saß und an einem großen Panzerschlachtbild arbeitete. Mündungsfeuer und Munition sausten satt aus den Geschützrohren. Allenthalben schönster Brand und Zerstückelung von Architektur und Organismus. Der Soundtrack zum Bild kam während des Zeichnens aus meinem Mund. Mitten bei der Arbeit setzte sich meine Großmutter zu mir an den Tisch und betrachtete milde mein Werken auf dem Papier. Nachdem sie eine Weile mein Bild betrachtet hatte, sprach sie mich auf die Beflaggung meiner Kriegsfahrzeuge an. Es war nämlich so, dass sämtliche Panzer obenauf mit einem kleinen Wimpel geschmückt waren, die allesamt ein mit Filzer gezeichnetes Hakenkreuz zeigten. Meine Oma wollte wissen, was es mit diesen Fahnen auf sich hatte. Ich erklärte ihr, dass alle abgebildeten Fahrzeuge zu der großen deutschen Armee gehörten und um sich besser gegenseitig zu erkennen, schmücke man das Fahrzeug mit der deutschen Fahne. Ich weiß nicht mehr, ob meine Großmutter die Sinnhaftigkeit meiner Fahnen grundsätzlich in Frage stellte oder vielleicht sogar lobte. Aber fast genau kann ich mich daran erinnern, dass mir meine Omi sagte, man male heutzutage keine Hakenkreuze mehr auf Panzer. Ich bin damals einigermaßen erschrocken und fragte, was man denn dann für Fahnen benutze. Sie antwortete, die Fahne der Deutschen sei jetzt Schwarz, Rot, Gold. Ich wollte dann wissen, wie es dazu kam. Ich glaube, meine Großmutter hat es mir dann erklärt, aber ich habe es nicht verstanden. Wahrscheinlich war ich noch zu klein. Ein bisschen sauer war ich auch gewesen. Das Hakenkreuz war so einfach mit einem schwarzen oder braunen Filzer auf das Papier zu kritzeln. Die neue Flagge verlangte da mehr Aufwand. Drei verschiedene eng aneinander liegende Farbflächen. Da musste man sakrisch aufpassen, dass man nicht durcheinanderschmierte, und das größte Pech war, dass ich damals keinen Filzstift hatte, der in Gold malte.

Zu allen vier Seiten meines Elternhauses wohnten Nachbarn. Wenn man zu Omas Küche im Erdgeschoss in den Garten hinausging, wohnte direkt gegenüber ein älteres Ehepaar. Die beiden dürften ungefähr so alt gewesen sein wie meine Oma. Aus irgendeinem Grund hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, die beiden einmal verärgert oder zumindest fassungslos zu erleben. Wahrscheinlich lag das daran, dass dieses Ehepaar durch alle Jahreszeiten witterungsunabhängig, alle nationalen und internationalen Krisen missachtend, schlichtweg immer sehr freundlich und geradezu perfekt höflich gewesen sind. Das dürfte mich provoziert haben. Ich ließ deshalb keine Möglichkeit aus, die beiden aus der Reserve zu locken. Auch meine Freunde halfen dabei.
Wir schrieen über den Zaun. Es half nichts. Die beiden lächelten. Ich warf Sachen hinüber. Die beiden lächelten. Ich stahl Äpfel, übte mich in Klingelstreichen, sprengte Blumentöpfe mit Sylvesterböllern. Allein es half alles nichts. Den beiden war ihre Freundlichkeit kein Jota abspenstig zu machen. Aber dann kam mein Tag. Ich hatte meine Oma gesucht, als ich sie an ihrer Küchentüre stehend fand, wie sie gerade die Nachbarn über den Zaun grüßte und diese nach ihrem Befinden und die allgemeine Lage der Dinge befragte. Da schickte ich mich auch an, die beiden zu grüßen, reckte den rechten Arm in die Höhe und rief laut „Heil Hitler“ hinüber. Die Wirkung war phänomenal. Beide erbleichten und waren offensichtlich massiv erschreckt. Ich war damals sehr glücklich und rundweg befriedigt. Sozusagen so ein „You can get it, if you really want“-Gefühl.

Neulich habe ich in der Zeitung gelesen. Ich muss dazu sagen, dass ich sehr müde war. Musste die Nacht vor dem Frühstück in einem Hotelbett verbringen. Schlief zwar Dank Alkohol sofort ein, wachte aber merklich zu früh auf. Von Ausgeschlafenheit kann in dem Zusammenhang nicht die Rede sein. Ich nahm also in einem geringen Grad besinnungslos ein dem Standard entsprechendes deutsches Hotelfrühstück und übernehme deswegen für diesen Gedanken in dem Absatz auch keine vollumfängliche Haftung. Ich glaube irgendeine Journalistin schreibt gerade ein Buch darüber, was Helmut Schmidt im Dritten Reich so alles gemacht hat. Neben den Worten darüber war auch ein Foto von jemanden in Uniform, wie man sie im Dritten Reich trug. Das könnte Schmidt gewesen sein. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, weil ich ja nicht richtig ausgeschlafen war. Die Journalistin wollte Schmidt zu dem Thema befragen. Aber der hatte keine Zeit oder irgendwas kam dazwischen. Vielleicht sollte man nicht unausgeschlafen Zeitung lesen oder nur davon erzählen, wenn man genug geschlafen hat. Aber einen Ausdruck aus dem Artikel kann ich sogar wortwörtlich zitieren, weil der mir sehr gut gefallen hat und ich ihn buchstabengenau abgeschrieben habe. Da stand nämlich, Schmidt oder wer anders habe ein „taktisches Verhältnis zur Wahrheit“. Das gefällt mir sehr gut. Das ist eine schöne Formulierung. Wie ein Lutschbonbon, das man immer wieder einmal in den Mund nimmt und wieder ausspuckt und wieder in den Mund nimmt.
Das mit Vorra haben Sie ja mitgekriegt. Das ist nicht schön. In der staden Zeit, im Naherholungsgebiet Fränkische Schweiz. Brauereien, Wanderwege. Wegmarkierungen will ich da folgen, nicht Hakenkreuze von dummen Buben anschauen. Der Depp hat neben dem Hakenkreuz geschrieben: „Kein Asylat in Vorra.“ Ich habe nach Asylat im Fremdwörterlexikon geschaut, hab’s auch gegoogelt. Nichts gefunden. Auch im Duden, in einem sehr alten Konversationslexikon, in einem noch älteren Brockhaus habe ich kein „Asylat“ gefunden. Dann ist mir bei der Suche ein anderes Wort eingefallen: Kalifat. Im Sommer habe ich „Geschichten aus Tausend und einer Nacht“ mit Begeisterung gelesen. Da ist auch von Kalifen, und ich meine, auch vom Kalifat die Rede. Neuerdings ist das Wort verhunzt. Durch die Isis hat es so einen grauenhaften Beigeschmack. Vielleicht hatte das aber der Schmierer in Vorra in seinem vernebelten Hirn. Vielleicht hat der auch schlecht geschlafen. Sinn macht es trotzdem nicht. Auch nicht versehentlich.

Eine Frage zum Schluss. Wie gesagt, ich leide an Schlafmangel und habe zu viel Plätzchen gefressen und Glühwein getrunken. Das Nürnberger Christkind hat ja beim Parteitag der CSU in unserer schönen Stadt die Kanzlerin und den Seehofer gesegnet. War das bevor es in Vorra gebrannt hat? Und haben die noblen Herren und Damen danach die bayerische Hausordnung verfasst:

Sprachat lernen
Rechtat und Gesetzat achten
Lebensunterhaltat verdienen
Mit uns und nicht neben oder gegen uns lebenat.



und was macht Egers, außer gut auszusehen?
Am 8. Februar ist er zu Gast im Markgrafentheater bei der Benefiz-Veranstaltung für die Erlanger Kleinkunstbühne Fifty Fifty.
Außerdem bei Egersdörfer und Artverwandte am 10.02. im Festsaal des Künstlerhauses (KunstKulturQuartier) - präsentiert von curt!

Mehr Infos auf egers.de.
 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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