So war: Egersdörfer und Artverwandte #10

DIENSTAG, 16. DEZEMBER 2014

#Bird Berlin, #Comedy, #Egersdörfer, #Natalie de Ligt

Wohlgefeilte Nörgelei oder einfach nur Honig um des Meisters Mund? Theo Fuchs sah Matthias Egersdörfer und dessen letzte Ausgabe seiner Show "Egersdörfer und Artverwandte" – und hat einiges dazu zu sagen!


Auf Alabaster mit Seidenfüßchen

Erst müssen wir lange vor der großen Tür warten, und einer sagt, dass die Brötchen noch nicht geschmiert seien, weil der Frau das Glasauge herausgefallen sei und der Egersdörfer es unter die Bühne getreten habe, wo die Techniker es wieder richten müssten, aber zu guter Letzt klappt dann alles super, am 16. Dezember, dank Andy am Ton und Speedy am Licht und Banana an der Tür und der Frau mit dem Pferdeschwanz, der aus ihrem Steiß wächst, an der Kasse, und krass viele Menschen drängeln hinein, in den großen Saal vom Komm in Nürnberg, so dass es rappelvoll wird, weshalb dann auch das große Licht ausgeht und vier Gestalten auf die Bühne steigen und das Rattatatam-Lied klimpern, bloß ob nun Anders die Wildsau sein soll oder nicht, verrät keiner, und uns fremdzuschämen gelingt auch nicht, weil ja dann gleich der große Meister auftaucht und sich für's letzte Mal entschuldigt, wo er krank gewesen war und nicht auftreten hat können, jetzt aber spaziert er wieder durch die Auslage, die üppig gefüllt ist mit Galgenvögeln und Baumschulabsolventen, und erwischt auch prompt einen Berliner, der stolz darauf ist, so zu sprechen, als klebte ihm ein feuchter Putzlumpen im Gesicht, ehe dann Bird Berlin auf eichenschlanken Beinchen herbei hoppelt und vorträgt ein Poem über die Geräusche, die seine Lieblingslimonade verursacht, wenn sie in Birdies Bäuchlein rinnt, der dann zu singen anhebt und die Massen begeistert, bloß eröffnet nicht Philipp B. Moll den Reigen, der ist leider malad, kriegt fünf Pfund Tai-Chi-Energie in die Südstadt geschickt, damit's ihm bald wieder so gutgeht, wie dem großen Kleinkunstpreisträger M.E., der uns Einblick gewährt, wie schlimm sein Leben geworden ist, seitdem der Tatort an die Tür seiner Hinterhof-Butze klopfte, total stressend und mit geilen Weibern im Schlepp, eine rattige Bagage, die ihn bedrängt, dazu Unmengen Drogen in den höchsten Etagen, fünf Gramm zum Aufputschen und Joints zum Wiederrunterrauchen, eigentlich habe er die Nummer ganz bleiben lassen wollen, doch dann erzählt er, wie er als kleiner Bub lange Nasen malte, auf denen sich gewaltige Panzerschlachten abspielten, bis die Oma nachfragte, was es dem Hakenkreuz auf sich habe, auf den Panzern, und auch die Nachbarn stellten endlich ihre bescheuerte gute Laune ein, wenn der kleine M.C.F. Egersd. seinen Brass kriegte und sein rechtes Ärmchen erhob zum Gruß des inkarnierten Bösen, zugleich dem Buben ein "You can get it if you really want"-Gefühl bescherend, das nun den Rest seines Lebens als Laterne den Wanderweg durch die Forste seiner Wirrnis beleuchtet, und auch wenn der Meister noch dreimal behauptet, dass er nicht gut drauf sei, die Nummer ist spitzenklasse, bis B. Berlin mit seinem prunkigen Prachtkörper in den Applaus hinein wackelt und singt, vom im schwäbischen Leipzig hausenden Mathias Tretter, der seine lesbischen Fantasien auslebt, indem er den Kilt schottisch trägt, i.e. ohne Unterhose, weil sonst: Sackrileg, nebst England-Schottisch-Wales-Verwirrung, der gar nicht einfach zu folgen ist, wenn man lediglich ein schlichtes Gemüt zur Verfügung hat, denn vertrackt und Tretter sind eines, der den 3.-Reich-Sprech so hervorragend völkisch hinkriegt, dass der Saal in fetter Seligkeit schwelgt, worauf Birdy wieder säuselt, für Axel Pätz, welcher wie alle Bühnengestalten da, wo Birdy sie unter die Achsel gefasst hat, glitzert vom Feenstaub, mit dem Berlins Brust besprenkelt ist, nichtsdestoweniger bedient der Hamburger Pätz meisterhaft alles, was Tasten hat, das klassische Klavier und auch jenes für den Schiffer, doch am meisterlichsten beherrscht er ein Instrument, das in ihn hinein gebaut ist, seine Stimme nämlich, die weich, norddeutsch und bohrend ihm heraus schmettert, dem Überzeugungschansonnier, der über  Spießbürger lamentiert, die irgendwas sexuelles mit dem Rasenmäher haben, über alternde Körper und pubertierende Gebrechen, ein wahrhaft schöner Blödsinn, sage ich, und da bei einem solchen Publikum das Mitsingen nicht klappt, muss M. "SpuSi-Babo" Egersdörfer eingreifen, komplett ausrasten und quasi im Alleingang die Inklusion der gaffenden Hirnzwerge in die Show vollziehen, ein kurzer Ausbruch nur, weil schon wieder Ma. Tretter vom Bi. Berlin angesungen wird, an dessen Stelle sich allerdings ein zombieskes Merkel-Wesen erigiert, das wurmstichigen Merkel-Brei auswürgt, uns zu mahnen, nicht nachzulassen im Innehalten, eine Vorschau auf den zukünftigen Rückblick, authentischer als echt, und ehe ich irgendwelche unscharfen Vergleiche ziehen kann, blinkt hinter meiner Stirn das Wort "sensationell" auf, während Grazie Bird alle in die Pause trällert.

Und wo der Egersd. derartig sotterte und über sein unzumutbares Scheißleben als Fernsehstar quengelte, fällt mir auf, dass er wie ein mit einem Zauberschrauber bewaffneter Mechaniker-Magier ist, der immer und immer wieder die komische Schraube noch eine Windung fester dreht und noch eine, aber die Schraube hält und reißt nie ab, und schon fällt das Stichwort für den Dicken im roten Hemd, der herbei tappelt und kostenlose Empfehlungen zur anstehenden Weihnacht ausgibt, wie man noch rechtzeitig und richtig hinhaut, zu Haus beim Weibe, da klatscht der Saal, Birdy singt zurück, Gymmick kriegt das Licht in die Fresse und bietet seine Kalender an wie Tofubrot, doch dann säuselt er einen auf, mit seiner Rio-Reiser-Stimme, über die Intimpiercing-Mafia und die Oma auf crystal speed, und bringt dem Geschwerdel im Saale mehr recht als schlecht bei, wie Mitsingen geht, kurz gesagt: Gymmick does his very best, und er sprintet sogar einem Doldi hinterher, der sich erdreistet, auf's Klo zu gehen, derweil Nürnbergs Spitzenbarde geschickt alle Riffe der Hochkultur umschifft, bloß was soll man schon von Leuten halten, die freiwillig zu den Artverwandten gehen?

Das Allerbeste selbstverständlich, denn nur die Feinsten der Feinsinnigen sind anwesend, ganz klar, und freuen sich schon auf das nächste Familientreffen im Januar, doch zuvor noch der erste Höhepunkt des Abends, das deutsche Original von "Last Christmas", weil auf Gymmick ist Verlass und Egersdörfer offenbart gerührt, dass er sich selbst befummele, während er Gymmicks Kalenderkalauer studiere, und sich selbst von Bauch bis Brust mit Leberwurst einreibe, seine Frau und den Nachbarn obendrein, nicht jedoch Axel Pätz, der nun dem absoluten Höhepunkt der Show zusteuert und die von ihm entwickelte phantastische Technik der "Triegelung" vorstellt, die ihm so schnell keiner nachmacht, worauf wiederum Tretter nachlegt und über jene Wesen referiert, die jung und ironisch sind und ein Fahrrad ohne Bremsen ihr eigen nennen, zudem sie in "Hype-zig" leben, da Berlin inzwischen "auf eine münchnerische Art düsseldorfiger ist als Stuttgart", grandios, so dass es überhaupt nichts mehr anderes getan werden kann, als den gespielten Witz zu spielen, was Meister Egersd. und der wie stets mit optischer Grausamkeit ausstaffierten Carmen wohl gelingt, und Aus! Schlussmusik!, und dabei passiert noch etwas Außergewöhnliches, denn Claudia Schulz antwortet bezaubernd trällernd dem Anales verkündenden Anders Möhl, und jenseits aller Albernheit und jeden Draufgehaues blubbert ein Moment tiefen und aufrichtigen Gefühls durch's Spektakel, und als sei ein unsichtbarer kleiner Kotzteufel soeben verschreckt aus dem Saale geflüchtet, riecht es ein bisschen nach Erlösung. Vielleicht aber auch nur nach Steinpilzen, wie jemand anderes meint.


 


[Text: Theobald O.J. Fuchs]

Die nächste Egersdörfer und Artverwandte findet am 13. Januar im Festsaal des Künstlerhauses (ehem. K4, davor KOMM) statt.
 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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