Andis Corona Capriccio 4: Niemand muss verlernen, sich zu freuen

DONNERSTAG, 9. APRIL 2020

#Andreas Thamm, #Capriccio, #Corona, #coronasucks

Es mag sich total unangenehm privilegiert von mir anhören, aber es ist einen Gedanken wert: Ich finde, und es ist meine Überzeugung: Wer momentan nicht körperlich oder sonstwie unmittelbar unter der Situation leidet, kann versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich zum Beispiel trage jetzt möglichst häufig mein Blumenhemd indoors. Das macht schon einen Riesenunterschied, versprochen.

Klar, meinem Arbeitgeber, der es mir erlaubt, so privilegiert daherzureden, geht es nicht gut mit der Coronakrise. Und vielen Orten, die mir sonst mein kleines Kulturhipsterleben versüßen, geht es auch nicht gut. Vielleicht wird man danach mit weniger liebgewonnenen Veranstaltungsorten, Bars, Theatern, was weiß ich, zurecht kommen müssen. Vielleicht und hoffentlich aber nicht.
 

Und natürlich gehen auch für mich Zukunftsängste mit der Coronascheiße einher, ganz klar. Aber ich bin jetzt nicht arbeitslos und ich bin jetzt nicht mitarbeitend auf einer Intensivstation und alles dazwischen kann und darf auch mal verdammt angenehm sein – weil ich zwar sehr wohl arbeite, aber selten das Haus verlassen muss, selten Verpflichtungen gegenüberstehe, viel über Käsespätzle nachdenke und viel auf der Couch liege. Und was ist im normalen Leben, auch ohne Corona und alles, meine Lieblingsbeschäftigung? Ganz genau, auf der Couch liegen und über Käsespätzle nachdenken. So nämlich.
 

Existenzen gehen zu Bruch und ja, Menschen sterben und es ist wichtig, darüber Bescheid zu wissen und informiert und solidarisch-mitfühlend zu bleiben. Es ist aber auch wichtig, sich selbst irgendwie am Laufen zu halten und wenn es dafür nötig ist, mal einen Tag keine Tagesschau zu kucken, so be it. Und vielleicht erlebt man an dem Tag dann was Schönes. Für mich zum Beispiel bleibt es am Eindrücklichsten, dass mich ein kleines Mädchen in ihrem rosafarbenen, winzigen Mercedes AMG fast gerammt hätte, als ich am Kopernikusplatz auf einer Bank saß und nichts tat. Und dann tuckerte sie weiter Richtung Aufsessplatz und schaute noch zwei, drei mal zurück zu mir als wäre ich ein seltenes oder sehr hässliches Tier und ich freute mich.
 

Am Tag drauf versprach Innenminister Joachim Herrmann, dass auf Bänken sitzen erlaubt sei. Die Polizei muss also aufhören, Alleinsitzende zu vertreiben. Und das ist gut. Ich weiß nicht, wie viele Bänke es in Nürnberg gibt und ob die ausreichen, damit jeder, der will, allein sitzen kann, wahrscheinlich nicht, aber ich empfehle das. Zehn Minuten reichen und man sieht vielleicht den ersten lederhäutigen alten Mann, der die Frühlingstemperaturen sogleich zum Anlass genommen hat, sich seines Shirts zu entledigen, um wirklich allen seine haselnussbraunen Brustwarzen zeigen zu können. Und dann freut man sich. Wir haben das ja nicht verlernt, weder das Shirtausziehen noch das Sichfreuen und man muss sich auch gar nicht dafür schämen.
 

Wir befinden uns, seien wir ehrlich, in einer Situation, die leichter zu ertragen ist für die Introvertierten, die Sozialphobiker, die unbeholfenen Meister der Awkwardness, denn mit seinen Liebsten und Wichtigsten nur noch per Text oder Voice Mail in Verbindung zu stehen, ist, man darf es nicht laut sagen, eigentlich ganz geil, heimlich, unter der Oberfläche, subkutan. Es ist selten genug, dass diese Seite des gesellschaftlichen Spektrums bevorzugt wird. Diejenigen, die das Am-Pissoir-Nebeneinander-Stehen und das In-Meetings-Sitzen und das Achselhöhlenkuscheln in der U-Bahn nicht vermissen, sondern einfach mal davon befreit sind, für eine gewisse Zeit und gemeinsam mit allen anderen.
 

Wir atmen gemeinsam yogamäßig durch und bleiben auch im Sinne aller weiterhin auf Distanz. Damit das Achselhöhlenkuscheln bald wieder losgehen kann, noch pünktlich zur Sommerzeit!




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Für viele Freiberufler im Kunst- und Kulturbereich waren die vergangenen Wochen nicht nur mit finanziellen Schwierigkeiten, sondern auch mit großer Unsicherheit verbunden: Wo kann ich was beantragen, bin ich antragsberechtigt, wann kommen die 1.000 Euro pro Monat oder doch nicht oder für wen? Ein Teil Unsicherheit wird auch in den kommenden Tagen bleiben, dafür ist die Lage einfach zu neu und komplex und scheiße. Klar ist aber nach der heutigen Pressekonferenz von Markus Söder und Kultusminister Bernd Sibler, dass der Rettungsschirm vergrößert wird: 200 statt 90 Millionen kommen in den Topf. Das ist nötig, damit auch Menschen, die nicht in der Künstlersozialkasse versichert sind, Zugriff darauf haben. Dazu gehören dann zum Beispiel Techniker, Maskenbildner aber auch freie Journalisten, etc. Die Zahl der Begeünstigten verdopple sich von 30.000 auf 60.000. Nachzuweisen ist ein substantieller Beitrag zum Einkommen aus der freien künstlerischen Arbeit.

50 Millionen Euro stehen außerdem für “Spielstätten” (Söder) bzw. “Veranstaltungsbetriebe” (Sibler) bereit, die bis zum Jahresende unterstützt werden sollen. Söder nannte explizit 700 kleine und mittlere Theater und 260 Kinos. Sibler sprach von “Kleine und mittlere Spielstätten aus den Bereichen Theater, Kunst, Kleinkunst, Musik und Kabarett.” Musikschulen und Laienmusikgruppen wie Chöre können ebenfalls je 1.000 Euro beantragen, für sie stehen insgesamt 10 Millionen Euro zur Verfügung. Söder: “Es ist der Versuch, Kultur in der Breite durch Förderung zu erhalten.” Außerdem gibt es einen ersten Hoffnungsschimmer für die Rückkehr von kulturellen Veranstaltungen: "Wir glauben, dass wir Perspektiven für die Zeit nach Pfingsten entwickeln sollen”, so Söder. Man wolle sich dabei an den Hygieneschutzmaßnahmen in Kirchen orientieren. Am 20. Mai soll die Ministerpräsidentenkonferenz über ein solches, bundesweites Konzept entscheiden.

Die Software, so Sibler, ist installiert, die Anträge können auf den Weg gebracht und ab nächster Woche heruntergeladen werden.
Die entsprechenden Anträge findet man, sobald es sie gibt hier:
https://www.stmwk.bayern.de/index.html

Einen guten Überblick über die Hilfsprogramme findet ihr hier:
https://bayern-kreativ.de/aktuelles/corona-erste-hilfe/

Die gesamte Pressekonferenz zum Nachschauen:
https://youtu.be/9zf-x75-YOQ


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