Theo O.J. Fuchs: Wie es sich mit dem Minister verhielt

DONNERSTAG, 5. MäRZ 2020

#Autor, #Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Der Verkehrsminister, ja man weiß... ich sag einfach mal Flugtaxi, Mautskandal, Diesel-Rätsel und so. Der Minister hatte ja gegen Schluss seiner Amtszeit, wann war das nochmal? Jahre ist das her, das muss vor dem EU-Beitritt Japans gewesen sein, oder doch später... ? Egal.

Der Herr Minister hatte schon lange von einer richtigen Magnetschwebebahn geträumt. Ein richtiges Magnetschwebeteil, auf so Stelzen, eine fette Schiene, Zug mit Fenstern und Türen... ist allen klar, wie das aussieht, oder? Jetzt fand sich natürlich auch eine Firma, die dem Minister versprach, das Ding zu bauen. Weil, wenn Steuergeld ausgegeben werden soll, dann... genau: das tote Gnu, sofort sind die Geier da, irgendwie riechen das die Mistviecher 1000 Kilometer mit dem, nein, falsch: gegen den Wind. Oder doch andersherum? Wobei, keine Ahnung, wieso, is aber so.

Die Firma jedenfalls kam aus einer ganz anderen Ecke, die war nämlich speziell für Atomkraftwerke am Start. Deshalb wurde die Magnetschwebebahn auch mit einem Atomreaktor gepimpt. Ein echtes Teil, voll amtlich, mit krasser Hitzeentwicklung. Natürlich absolut sicher, weil die Technik kam ja aus Deutschland, und Technik, die aus Deutschland kommt, funktioniert bekanntlich. Automatisch und immer. Aus Definitionsgründen total sicher!

Bloß dass diese Firma keine Ahnung hatte, wie eine Magnetschwebebahn funktioniert. Und weil dann der Zug doch recht laut war, wenn er durch die Landschaft bretterte und einige ideologisch verwirrte Anwohner behaupteten, es sei zu gefährlich, auf 100 Meter hohen Stelzen in einem Affenzahn mit einem Kernreaktor durch die Landschaft zu rasen, vor allem zudem die Wagons ständig aus der Schiene hüpften, musste der Staat etwas unternehmen. Mit Steuergeld freilich, weil sonst hätte die Firma ja keinen Gewinn mehr gemacht, mit ihren Atomreaktoren, die sie in Afrika... na, ging halt nicht anders.

Die Lösung sah so aus: Um die Magnetschwebebahnstrecke ein Tunnel. Aus Beton, auf Stelzen, die ganze Strecke... naja. Ein recht großer Aufwand jedenfalls. Problem. Wenn jetzt die Magnetschwebebahn stecken blieb, weil der Magnet alle war oder die eine Schiene, typisch Schwebebahn halt... jedenfalls kam es immer häufiger vor, dass viele Menschen in dieser Röhre feststeckten, und zwar oft tagelang. Ist ja nicht einfach, in der Betonröhre, in dieser Höhe, der ganze Zug.

Der Verkehrsminister haute die nächste Ausschreibung raus, Thema klar: Wer löst das Problem? Die Gewinner schlugen folgendes vor: eine Straße unterhalb der Röhre, wo die Magnetbahn drin steckte. Oder schwebte. Oder auch mal beides. Aber das nicht so oft. Auf der Straße sollten Fahrradkuriere Essen zu den Passagieren ausliefern. Halt bis zu einem Masten fahren, dort gab‘s eine Art Leiter und oben eine Tür, naja.

Drohnen wollte der Verkehrsminister am Anfang auch einsetzen, da hätte er sich die Straße gespart, wo ja da schon eine Magnetschwebebahn... nur die Drohnen weigerten sich. Hatten keinen Bock so nahe an den Reaktor ranzufliegen. Wegen der empfindlichen Elektronik in ihnen drin, um die hatten die Drohnen Angst. Strahlung eben. Die waren ja nicht dumm, die Dinger!
Am Ende fuhren freilich bloß noch Autos auf den Straßen, die zuerst nur für die Radfahrer gebaut worden waren. Quer durch die Landschaft, wo eben die Magnetschwebebahn lief. Wobei sie nicht »lief« sondern stand. Für viele Leute war das trotzdem ein tolles Erlebnis gewesen: Mit einer Schwebebahn in einem Tunnel fahren, stecken bleiben, weiter vorne bollert der Reaktor, ein Fahrradkurier taucht auf mit einer Stirnlampe, die einen blendet, und es gibt lauwarme Tortellini in einer Plastikschale. Das gefiel ganz schön vielen Leuten, so dass man dabei blieb.
An der Betonröhre hing alle zehn Kilometer ein Schild: »Restaurant zur Magnetschwebebahn«. Mehr brauchte es nicht. Es gab keine Speisekarte, weil es eh zu dunkel war, zum Lesen. Außer Fahrradkurieren brauchte es keine Kellner oder Köche. Die Anwohner unter der Magnetschwebebahn schulten um auf Radfahrer, das Essen klauten sie im Kühlregal bei Aldi und machten es warm, indem sie es kurz auf den Atomreaktor. Danach in den Waggon weiterreichten.

Bloß ein paar Querulanten, die frisch in die Gegend zogen, beschwerten sich. Über die Autobahn, die immer breiter wurde. Was logisch ist, denn so ein Verkehrsminister lässt sich nicht lumpen. Es war ja auch nicht so, dass sich die Automobilhersteller nicht. Fünf-Sterne-Restaurant, goldene Uhr, Freischwimmer.

Die Nörgler beschwerten sich über den Schatten, den die Betonröhre auf die Häuser warf. Abreißen, forderten sie. Niemand mochte die Neuzugezogenen. Die redeten doch alles nur schlecht. Störenfriede, haben keine Ahnung, wie das hierzulande lief. Sollen sie doch ihre Häuser abreißen. Irgendwann gaben sie alle ihren Widerstand auf und der Verkehrsminister wurde in aller Ruhe reich. Vom Eintritt für den Tunnel und den Gebühren der... Naja, es sollte eben auch nicht einfach jeder dahergelaufene mit dem Fahrrad die lauwarmen Nudeln.

Dann kam die große Flut, auf die die große Trockenheit folgte, welche wiederum von der großen feuchten Hitze abgelöst wurde, ehe für ein paar Hundert Jahre die sehr große Kälte ausbracht, bis sich schließlich und endlich das Wetter wieder einkriegte. Die neue Zivilisation, die ratzefatz entstand, machte sich daran, die Zeugen der Vergangenheit auszugraben. Dabei stießen die Wissenschaftler recht schnell auf die Magnetschwebebahn. In der Betonröhre. Die unter zwanzig Meter Sand und Schutt vergraben war. Der Atomreaktor, gut... Worüber die Forscher aber vergeblich rätselten, war die Frage: Wozu hatte man diesen Tunnel gegraben. Eine unterirdische Betonröhre, in der eine prähistorische Einschienenbahn mitsamt dem typischen Atomreaktor dieser Zeit steckte. Was hatten die Menschen damit bezweckt?

Es gab über diese Frage großen Streit. Die einen so, die anderen so. Wer die verrückteste Idee hatte, kam in die Zeitung. Mit Bild. Am Ende einigte man sich darauf, dass es religiöse Gründe gewesen sein mussten. Ist ja auch nicht so abwegig, irgendwie, wenn man das alles in Ruhe überlegt.  

Woher ich das alles weiß? Nun, es gab da noch ein anderes Förderprogramm im Verkehrsministerium. Da ging es darum, ob man durch die Zeit reisen kann. In die Zukunft vor allem. Für denjenigen, der eine Lösung liefern würde, gab es eine sehr große Belohnung. Wirklich sehr, sehr groß. Keiner glaubte daran, aber: Es klappte! Natürlich war der Verkehrsminister der erste, der die Zeitreisemaschine ausprobierte. Da gab‘s so eine Art Vortrittsrecht. Als ich dann hier angekommen war, stellte ich fest, dass es... Jedenfalls großer Fehler. Niemand kannte mich, niemand glaubte mir, niemand interessierte sich für die Wahrheit. Und so wurde ich Fahrradkurier. Was Besseres ist mir …

... ach, passt schon.


Fotos: Katharina Winter, immer im Bilde: Theo Fuchs


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Voller Fokus auf die Stadtratswahl mit der POLITBANDE am 15.03., glauben wir, darum ist er recht wenig umtriebig. Voll der Faule!
 




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