Mit dem Smartphone in die Fundgrube

FREITAG, 31. AUGUST 2018

#Dieter Stoll, #Opernhaus, #Staatstheater Nürnberg, #Theater

Wie die neue Staatstheaterleitung das Nürnberger Publikum in moderne Zeiten schubst: Papier bleibt geduldig.

„Leute beim Lachen beobachten, ist das Schönste, was ich in meinem Beruf erleben darf“, sagte einst der soeben als Nürnberger Schauspieldirektor angetretene Jan Philipp Gloger. Da war er unschuldige 30 und jetzt, sieben Karrierejahre später, kichert der Chef persönlich. Wenn ein Mensch, der in Hagen/Westfalen aufgewachsen ist, beim Studium in Gießen nach eigener Wahrnehmung als „durchgeknallt“ galt, in Zürich die kitzeligen Geheimnisse des Puppenspiels erkundete und das trendig am eigenen Nabel rotierende Berlin als Stadt bezeichnet, bei der es eigentlich genüge, sie nur gezielt für Theaterbesuche anzureisen, wenn also dieser unverkennbar wurzelbefreite Theatermacher (nach Inszenierungen zuletzt in Amsterdam, Dresden, London, Hamburg) öffentlich die unbezwingbare zentralmittelfränkische Mundart übt, dann kann das Risiko nicht ohne Hintersinn sein. Ich vermute, Gloger will in die Wärmestube der lokalen Humor-Gemeinschaft aufgenommen werden. Amtlich am Richard-Wagner-Platz angetreten, aber im großen Premierenspiegel aller deutschen Bühnen für September tollkühn gleich mit zwei neuen Erstaufführungen in der Distanz von 364 Kilometern angekündigt (erst am 15.09. Kafkas „Schloss“ in Düsseldorf, dann zwölf Tage später am 27.09. das Ionesco-Projekt „Ein Stein fing Feuer“ als Einstieg hier am Staatstheater), lädt der fleißige Spartenvorstand vorweg zur Klick-Anteilnahme seiner Annäherung ans ortsübliche Wortgemenge. Auf der Website des Hauses, die mit dem frisch verordneten Motto „Weniger Papier, mehr Digitales“ den Ensemble-Mitgliedern zur elektronischen Selbstdarstellung freie Bahn für gerne auch launige Kurzvideos gibt, platziert der polyglotte Direktor einen abrufbaren Heiterkeitsausbruch aus bürogestützter Heimarbeit. Gloger übt freihändig vor dem sorgfältig bestückten Bücherregal seine Sitzblockade-Version des lutheranischen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, nämlich „I frei mi scho sehr aff Nämberch“. Weil solche Freistilphonetik bei Zugereisten naturgemäß in spaßbremsfreien Auffahrunfällen enden kann, besinnt sich der clevere Wahlfranke nach einem fröhlichen Erstscheitern auf die Erfindung des Playback. Er lässt, zum eingespielten O-Ton im geläufigen Egersdörfer-Sound, stumm, aber annähernd lippensynchron und absolut echtgesichtig, den zitierten Willkommensgruß pantomimisch konservieren. Dass er vor dem draufkopierten Bekennerschrei „I frei mi…“ erst restwestfälisch „Pass auf, ich hab‘n Trick“ sagt, könnte ihm allerdings bei künftigen Problemlösungsversuchen als in Lebkuchen gemeißeltes Fake-Bekenntnis auf die Füße fallen.

Bange machen gilt nicht, Herr Staatsintendant, übernehmen Sie die Werbepause! An Taschenlampen ist nicht gedacht, wenn Jens-Daniel Herzog mit dem schwungvollen Versprechen „die Internet-Seite wird zur Fundgrube“ auf neue Kommunikationsformen mit dem manchmal nicht ganz hemmungslos unkonventionellen Publikum verweist. Fundgrube? „Mehr Licht“ soll ja schon Goethe gefordert haben – oder war‘s „Mehr nicht?“. Der Monatsspielplan im Kleinformat, der den bisherigen Informations-Leporello und das „Impuls“-Magazin ablöst, schickt den Leser sogleich auf Suche. ZEHN nennt sich die handliche  Drucksache, weil sie statt Inhaltsangaben, Besetzungslisten oder Regiekonzepten monatlich je zehn abrufbare „Scheinwerfer“ als Spotlights bietet. Allerdings: „Voraussetzung ist ein Smartphone neuerer Generation, in denen die QR-Code-App automatisch in die Kamerafunktion integriert ist“. Sollte der nötige Link nicht funktionieren, empfiehlt das Kleingedruckte vor der Premierengala den Besuch im App-Store. Die Abonnentenaufrüstung möge beginnen.

Bis der Weg zur Fundgrube sein offiziell beleuchtetes Geländer hat, sei an dieser Stelle ein wenig im Informationskompost gebuddelt. Schauspieldirektor Gloger wird nach dem Düsseldorf/Nürnberger Doppelstart mit (dort) Kafka und (hier) Ionesco am (dort) 15. und (hier) 27. September auch noch, weitere zehn Tage später, am 7. Oktober seine „Troerinnen“ des Euripides aus Karlsruhe holen und mit der Uraufführung eines neuen „Poseidon-Monologs“ aufwerten, daraufhin am 15. November seine transportfertige Hamburger Produktion von Philipp Löhles „Das Ding“ nach Nürnberg verpflanzen und am 8. März einen neuen Thriller des gleichen Autors uraufführen. Und anschließend ist noch Zeit für Rossinis „Der Türke in Italien“ am 28. April am Opernhaus Zürich. Die „Hausregisseurin“ Anne Lenk, die als Vize-Größe des Sprechtheaters ihren verzinslichen Ruhm aus München und Berlin für zwei neu erarbeitete Nürnberger Produktionen einbringt (erst groß mit Tschechows „Die Möwe“, dann im Studio der 3. Etage mit Roman Ehrlichs Buch-Dramatisierung „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“), bleibt in der S-Klasse ihres Terminkalenders betont klassisch, macht Becketts „Endspiel“ in München und Moliéres „Menschenfeind“ am DT Berlin. 

Im Opernhaus setzt Jens-Daniel Herzog die drei vorentscheidenden Regiezeichen eigenhändig mit der monströsen Prokofjew-Rarität „Krieg und Frieden“, der zeitgenössischen Busenwunder-Hommage „Anna Nicole“ des Briten Mark-Anthony Turnage nach eigener Dortmunder Vorlage sowie Mozarts schlichtweg unüberschätzbarer „Cosi fan tutte“ – und reist dann zu den Salzburger Osterfestspielen für eine Kur in Lokalpatriotismus, nämlich unter Aufsicht von Christian Thielemann neu zu inszenierende Wagner-„Meistersinger“. Bei der gezielten Auswahl seiner heimischen Gastregisseure, jeder nur ein Kreuz, fällt im Herzog-Sortiment neben Schauspielfrau Tina Lanik für Puccinis durchaus seifenschaumverdächtige „Madama Butterfly“ (sie macht zur Einstimmung vorher in München „Marat/de Sade“ von Peter Weiss) am meisten die Wiederkehr von Tilman Knabe auf, mit  Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“. Hatte der inzwischen weithin als wandelnde Herausforderung profilierte Provokateur doch in deutlich jüngeren Jahren hier mit „Ariadne auf Naxos“ (und dem atemberaubenden Zerbinetta-Debüt der inzwischen zum Weltstar aufgestiegenen Marlis Petersen) die gängige Strauss-Ästhetik so umgepflügt, dass ihm erregte Opernfreunde kampflustig vor der Tür auflauerten.

Was die versprochene Fundgrube sicher nicht bieten wird, ist die Erinnerung an langjährige Theatermacher, die plötzlich nicht mehr hier sind. Was macht eigentlich Georg Schmiedleitner? Der wichtigste Gastregisseur der letzten 18 Jahre wäre nach eigener (aktuell abgefragter) Aussage ganz gern weiterhin in Nürnberg dabei. Nun wird er die neue Saison am Wiener Burgtheater (Sternheims „Der Kandidat“), in Stuttgart (Hauptmanns „Die Weber“), Klagenfurt (Palmetshofers Hauptmann-Adaption „Vor Sonnenaufgang“) und der Semper-Oper Dresden (Madernas „Satyricon“) verbringen. Der Oberpfälzer Gastbürger Klaus Kusenberg, möge er von Glorias Glanz verschont bleiben, wird in Regensburg derweil „Karl Valentins Hoftheater“ neben den Uraufführungen „Wer hat Angst vorm weißen Mann?“ und einem noch in Nürnberg preisgekrönten Text des internationalen „Über Grenzen sprechen“-Wettbewerbs inszenieren. Er hat sich nach 18 Jahren mit „Glück gehabt“ verabschiedet, die Nachfolger werden mit „Klick gehabt“ nicht zufrieden sein.

Gedanken anregen, Ohren verführen, Augen verblüffen – das will das neue Staatstheater-Team nach eigener Aussage, die übrigens auf geduldig bleibendem Papier vorliegt. Herzog & Gloger haben sicher nichts dagegen, falls zwischendurch die Karten neu gemischt und sodann Gedanken verblüfft, Ohren angeregt und Augen verführt werden, oder … aber lassen wir das: Smartphone aus, Vorhang auf! Es darf gelacht werden!

[Text: Dieter Stoll]


DIETER STOLL, Theaterkritiker und langjähriger Ressortleiter „Kultur“ bei der AZ.
Als Dieter Stoll nach 35 Jahren als Kulturressortleiter der Abendzeitung und Theater-Kritiker für alle Sparten in den Ruhestand ging, gab es die AZ noch. Seither schreibt er z.B. für Die Deutsche Bühne und ddb-online (Köln) sowie für nachtkritik.de (Berlin), sowie monatlich im Straßenkreuzer seinen Theatertipp. Aber am meisten dürfen wir uns über Dieter Stoll freuen. DANKE!




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