Theobald O.J. Fuchs: Motor im Kopf

FREITAG, 23. FEBRUAR 2018

#Autor, #Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

[Regieanweisung: So schnell wie möglich laut vorlesen, so dass es einem schwindelig wird.] – Schnell, schnell, nicht bremsen. Kurve egal. Nur weiter. Schnell! Wer als erster da sein will, muss eher da sein als die anderen. Da, ein Traktor! Was will der hier? Warum bleibt der nicht auf seinem Acker? Wieso ist der uns jetzt im Weg? Wieso überholen sie nicht, wieso fahren sie nicht schnell vorbei?

Vorwärts, schneller! Mit siebzig durch die Ortschaft. Ich pass doch auf, ich kenne den Weg, mich hat noch nie jemand geblitzt, ich fahre hier immer so schnell. Wieso sollte ich abbremsen? Wenn ich mich doch auskenne, dann stört es nur, wenn ich bremse, bremsen stört den Verkehrsfluss, da muss ich doch Rücksicht nehmen. Muss schnell durch, schnell durch die Ortschaft und wieder heraus, schneller, schneller, wir sind sonst nicht zu früh da. Nur zu früh ist rechtzeitig. Eine Stunde vorher, zwei Stunden vorher, sonst sind wir zu spät. Sonst verpassen wir was, sonst kriegen wir etwas nicht, sonst sind andere vor uns da. Schnell, schneller! Vergiss den Tacho, der zeigt immer viel zu viel an. Schneller, schneller. Warum steht der da am Straßenrand, halb in der Fahrbahn? Wieso blockiert der da den Verkehrsfluss? Hat der seinen Führerschein in der Lotterie gewonnen? Oder bei Neckermann bestellt? Solche Leute muss man aus dem Verkehr ziehen, die halten alles auf, die behindern den Verkehr. Alleine wenn ich schon sehe, wie die Leute am Steuer sitzen. Nach vorne gebeugt, mit der Nase an der Scheibe, als wären sie kurzsichtig, oder sie unterhalten sich mit dem Beifahrer und rauchen im Auto und hören Musik – alles, bloß ordentlich fahren tun sie nicht. Es gibt nur eines: Vorwärts! Schnell weiter, immer nach vorne. Du musst nur nach vorne schauen, wer zurückschaut wird abgehängt, der kommt nie zu früh. Zwei Lastwagen vor uns, die überhole ich sofort, ich sehe genug, da kommt nichts, ich bin schnell vorbei, ich fahre ganz dicht auf, schalte in den dritten Gang, gebe Vollgas, überhole beide Lastwagen, ganz schnell, da war noch genug Platz, da bestand keine Gefahr, der andere hat uns rechtzeitig gesehen, ich habe das im Griff, ich kann das. Die ganzen Instrumente sind etwas für Anfänger, ein guter Fahrer braucht keine Öltemperatur und keinen Drehzahlmesser. Ich hab das im Blut, ich achte auf den Verkehrsfluss, der Verkehr darf nicht stocken, es muss weiter gehen. Jetzt wird nicht mehr angehalten, auf keinen Fall. Wenn wir jetzt anhalten, überholen mich die beiden Lastwagen und wir fahren wieder stundenlang in der Kolonne hinter denen her, stundenlang, und die ganzen Angsthasen, die sich nicht zu überholen trauen, halten den Verkehr auf, die muss ich dann auch alle überholen, einen nach dem anderen, weil die das nicht können, bis ich dann wieder bei den Lastwagen ganz vorne bin und überholen kann. Nein, ich kann jetzt unmöglich anhalten, wenn du pinkeln musst. Trink einfach diese Dose leer, dann kannst du hinein pinkeln. Auch wenn du meinst, es sei wirklich dringend, ich kann nicht anhalten, sonst muss ich alle Lastwagen nochmal überholen, wir müssen schnell weiter, ganz schnell, sonst kommen wir nicht stundenlang zu früh an. Aber keine Sorge: Ich geb ja schon Gas.

[Fotos: Katharina Winter. Stets im Bilde: Theo O.J. Fuchs.]

 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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