Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

16. DEZEMBER 2017 - 17. JULI 2018, SCHAUSPIELHAUS

#Dieter Stoll, #Klaus Kusenberg, #Kritik, #Kultur, #Schauspielhaus, #Theater

Odyssee im Stauraum - Mit JOEL POMMERAT verabschiedet sich Schauspieldirektor Klaus Kusenberg als Regisseur nach 40 eigenen Inszenierungen in 18 Spielzeiten aus Nürnberg.

Die Drehbühne führt bei diesem kleinteilig großspurigen Stück mit jeder Runde wieder vorbei an der beschworenen Patenschaft von Schnitzlers „Reigen“, dem Sittenbild von vorgestern. Schlaue Dramaturgen haben Ingmar Bergman mit „Szenen einer Ehe“ zum näher liegenden Zweit-Gutachter für „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“, Joel Pommerats  Zwischenbilanz von heute,  bemüht. In der Nürnberger Inszenierung, der 40. und letzten von Klaus Kusenberg als Schauspieldirektor von 18 Spielzeiten, mag man es jenseits solcher Behauptungen etwas rätselhafter.  Da sieht das Publikum auf Ayse Özels rotierender Szene ein rundum verpacktes Klettergerüst, den kleinen Christo für alle Fälle, und einen aufleuchtenden Kubus wie in Kubricks „Odyssee im Weltraum“. Um ihn versammeln sich am Ende die Schauspieler, ganz wie die Zuschauer, eher staunend als wissend.

Auf den hämischen Metaphern-Witz des Titels, der als Anleihe aus einem Dialog-Nebensatz die Reparaturfähigkeit von Liebesdefekten schlichtweg bestreitet, mag man zu Zeiten weltpolitischer Großmaul-Duelle selbst bei gerafftem Humor gar nicht mehr aufspringen. Egal, für den Erfolg dieser 2013 in Paris uraufgeführten und sich seither durch Europas Spielpläne windenden Dramoletten-Girlande vom längst mit „La Révolution #1 - Wir schaffen das schon“ in der nächsten Runde bestsellernden Joel Pommerat, braucht es die gequälte Irritation sowieso nicht. Das Miniaturen-Mobile bietet in seinen ständig auf Schock-Temperierung achtenden Stimmungs-Wechselbädern mit 19 gehobenen Sketch-Formaten für 51 Rollen (in Nürnberg gerecht auf zehn starke Akteure verteilt) handwerklich geschickt konstruierte Anlässe zwischen Gelächter und Grübelei. Man sieht, und das bleibt die einzige stabile Verbindung untereinander, Episoden des Scheiterns auf steil gestapelten Beziehungskisten, beim Absturz. Die lamentierende Putzfrau, deren Lover über ihrem Kopf baumelt, neben zickenkriegerischem Hochzeits-Jux und seltsam anrührender Skizzierung von Demenz im Beziehungsstress (großartig: Adeline Schebesch und Michael Hochstrasser). Abrupte Wendungen wie die bemerkenswert frontal getroffene Hysterie um einen Lehrer, der seinen Beruf liebt und schon deshalb der Pädophilie bezichtigt wird (ein gelungener Drahtseilakt von Heimo Essl) oder die naive Liebesbereitschaft einer Behinderten, der ein Arzt den Traum ausreden will (die beste von mehreren punktgenauen Studien der Josephine Köhler). Manches davon wirkt wie ein Dramen-Entwurf, und wäre es bloß Anschauungsmaterial für Yasmina Reza, anderes wie Raubkunst aus dem Fundus bekannterer Titel, wenn Albees kinderloses Ehepaar aus „Virginia Woolf“ einer Ehrenrunde als Lachnummer ausgesetzt wird.  Die Frage, ob es sich im 19teiligen Einzelfall um entfesselte Melancholie oder gedeckelte Philosophie handelt, schwebt über diesem Universum, wo man zur Odyssee dann doch bloß im Stauraum der Gefühle kreist. Der Autor als Schöpfer hat hier weniger mit der Erschaffung als mit der Portionierung der Welt zu tun.

Die Schlusspunkt-Inszenierung von Klaus Kusenberg ist typisch für seine langjährig solide Arbeit vor Ort, die von der Hollywood-Adaption des „Urteil von Nürnberg“ über den „Fränkischen Jedermann“ des Fitzgerald Kusz und die „Rocky Horror Show“ bis zum „König Lear“ nichts fürchtete. Ein Abenteurer war er auch diesmal nicht. Einerseits ist seine Regie ganz auf die komödiantische Energie des erstklassigen Ensembles gebaut, andererseits aber arg vorsichtig bei der Umsetzung extrem ausgereizter Absurditäten, weil er die aktuelle Bestandsaufnahme des Utopie-Projekts „Liebe“ weder dem Drama noch der Groteske billig verkaufen will. Zwar nimmt er, wenn Pommerat den Clown macht, auch Klamauk-Rutschpartien lustvoll in Kauf, aber die Hingabe gehört dem Schatten hinter dem Irrwitz - selbst dort, wo der Autor nur Nebel produzierte. Aber auf der Bühne konkurrieren die Spuren von Christo und Kubrick prächtig, die verpackten Gerüste bewahren als verschnürter Kletterparcours mit Untergrund ihr Geheimnis fast so gut wie der leuchtende Kubus, dem bloß der überwölbende Walzer fehlt.  Es gab langen Beifall, sogar Bravo-Rufe. Jetzt ist Kusenberg in Nürnberg nur noch Direktor.

Schauspiel-Kritik von Dieter Stoll
für nachtkritik.de (Berlin)
www.nachtkritik.de

 
JOEL POMMERAT: DIE WIEDERVEREINIGUNG DER BEIDEN KOREAS
REGIE: Klaus Kusenberg
BÜHNE: Ayse Özel
KOSTÜME: Bettina Marx
MUSIK: Bettina Ostermeier
LICHT: Tobias Krauß
DRAMATURGIE: Jascha Fendel
ENSEMBLE: Mareile Blendl, Josephine Köhler, Bettina Langehein, Nicola Lembach, Adeline Schebesch, Heimo Essl, Michael Hochstrasser, Janco Lamprecht, Stefan Lorch, Marco Steeger

LINK: Schauspieldirektor Klaus Kusenberg über seine letzte Premiere "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" im Schauspielhaus

Weitere Aufführungen
17.12.2017 – 19.00 Uhr
20.12.2017 – 19.30 Uhr
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