Kafkas Prozess im Staatstheater: Gefangen vor der Spiegelwand

26. SEPTEMBER 2026 - 4. MAI 2027, STAATSTHEATER

#Der Prozess, #Frank Kafka, #Julia Bartolome, #Premiere, #Staatstheater

Die Nürnbergerin Laura Linnenbaum inszenierte zum Saisonauftakt am Schauspielhaus Franz Kafkas „Der Prozess“ als vielschichtiges Vexierspiel – mit einer brillanten Julia Bartolome. Von Andreas Radlmaier

Bei den Schlussverbeugungen im Nürnberger Schauspielhaus spendete das gesamte Ensemble von Kafkas „Der Prozess“ ihrer Kollegin Julia Bartolome spontan Beifall. Die Schauspielerin, die schon vor 15 Jahren Shakespeares „Richard III.“ zum Ereignis machte, brilliert auch in dieser Hosenrolle, als ferngesteuerter Josef K., über den in rätselhafter Weise auf dem Dachboden, man könnte auch sagen: Oberstübchen, seiner Gedankenwelt zu Gericht gesessen wird und der dabei Innenansichten und Außenwelt nicht recht sortieren kann.

Damit ist er nicht allein, will uns Gastregisseurin Laura Linnenbaum, in den vergangenen Jahren zwischen Berlin, Frankfurt und Düsseldorf im Einsatz, sagen und greift Kafkas grimmigen Humor auf. Sie lässt irgendwann in ganzer Bühnenbreite Spiegelwände bis nach vorne fahren, in der man sich, das Publikum von heute, selbst betrachten kann. Schaut euch doch mal selber an, wie ihr Beziehungslosigkeit und Bürokratie ertragt, diese Labyrinthe der Soziopathen, die erfüllt sind mit der unterwürfigen Lust am Ordnungsprinzip und quälgeistreicher Gängelkunst und diesem Vertrauen auf Vollkaskoschutz der Lebensgestaltung.

„Es ist alles nur ein Prozess“, sagt der smart verwahrloste Winkel-Advokat, der hingebungsvoll an Tropf, Kippe und behauptetem Karriereerfolg hängt (Thorsten Danner spielt das als feine Knallchargen-Parodie). Sein Mandant sieht sich zu diesem Zeitpunkt schon diffusen Vorwürfen und nicht greifbaren Unterdrückern gegenüber, aber der große Kreislauf von Verhandlung zu Freispruch und Verschleppung steht da noch bevor. Da hilft nur Vitamin B, wenn’s denn hilft. Eine Psycho-Parallelwelt als geschlossenes System, in dem das neurotische Ego alle Instanzen des Selbsterhaltungstriebes durchläuft. Gefangen zwischen Mutmaßung und Wirklichkeit, Logik und Willkür. Bürokratieabbau hat augenscheinlich eine gelebte Tradition.

Josef K. jedenfalls versteht die Welt nicht mehr. Wacht auf dem Seziertisch seines Unterbewusstseins zwischen weißen Laken auf und erfährt von zwei farblos-schillernden Erfüllungslarven, dass er unter Anklage steht. Die Gründe verschwinden hinter wabernden Begründungen und noch mehr Bühnennebel. Selbst die gleißende Untersuchungsbeleuchtung bringt kein Licht ins Dunkel der Argumente.

Den Prozess, das wird einem in den 130 pausenlosen Minuten des Abends schnell klar, gewinnt er nicht. Der finale tiefe Stich ins Herz des Josef K., wie er da auf weit aufgerissener Bühne in seiner ganzen beziehungsunfähigen Unterhosigkeit dasteht, ist nur die letzte Konsequenz. Revision abgelehnt.

Laura Linnenbaum, aus Nürnberg stammend und Zwillingsschwester von Filmregisseurin Sophie Linnenbaum („The Ordinaries“), findet für ihr kühles Vexierspiel in abweisendem Ambiente mit Valentin Baumeister (Bühne) und Mareike Neumann (Licht) einprägsame Bilder für diese Gestalt, die ihre Teilnahmslosigkeit und Suche nach sexueller Geborgenheit mit fehlender Empathie verbindet. Julia Bartolome spielt dies konsequent genau, unaufgeregt und reduziert.

Recht wird von oben, also vom Ende der Karriereleiter herab, gesprochen, das Tribunal der geprügelten Beamten, das Resultat von Josef K.s Beschwerde, setzt ein freud- und ergebnisloses Stuhl-Karussell in Gang, der Kontakt zur animierenden Weiblichkeit mit rot-gelockten Milva-Haaren mündet erst in einen entschlossenen Zangengriff der Diva und dann in einen großartigen Walzer-Rausch, bei dem das ganze Ensemble rasch aus dem Takt und ins Taumeln gerät.

Das Ensemble (neben Bartolome und Danner noch Sasha Weis, Marion Bordat, Luca Rosendahl und Alexander Darkow) switcht souverän durchs irrlichternde Personal aus „Traum- und Kopfgeburten“. Zwischen Perücken-Justiz und Babydoll-Travestie, einem gelacktem Scharlatan mit Mephisto-Absichten und einem weißen Orakel, das für die lebenskluge Parabel zuständig ist, ist viel Platz für Merkwürdigkeiten der mitmenschlichen Art.

Franz Kafkas Roman-Fragment bleibt auch nach 115 Jahren ein herausfordernder Stoff, der die Zeitgeister ruft. Oder beschwört. Schauspielchefin Lene Grösch, die im vergangenen Jahr mit einer Uraufführungswelle als Zeichen des Erneuerungswillen startete, setzt den „Klassiker“ nun als programmatischen Anker an die Spitze ihrer zweiten Spielzeit. 25 weitere „Prozess“-Abende sind angesetzt. Zumindest bei der ausverkauften Premiere war das Publikum fasziniert.


Infos: www.staatstheater-nuernberg.de

Termine
Di, 29.09.2026, 19.30 Uhr
So, 04.10.2026, 18.00 Uhr
Do, 08.10.2026, 19.30 Uhr
So, 18.10.2026, 18.00 Uhr
Fr, 23.10.2026, 19.30 Uhr
So, 01.11.2026, 15.30 Uhr
Mi, 04.11.2026, 19.30 Uhr
Do, 19.11.2026, 19.30 Uhr
Sa, 21.11.2026, 19.30 Uhr
So, 29.11.2026, 18.00 Uhr
Sa, 12.12.2026, 19.30 Uhr
Mi, 30.12.2026, 19.30 Uhr
Do, 14.01.2027, 19.30 Uhr
So, 17.01.2027, 18.00 Uhr
Fr, 22.01.2027, 19.30 Uhr
Sa, 30.01.2027, 19.30 Uhr
Di, 16.02.2027, 19.30 Uhr
Mi, 03.03.2027, 19.30 Uhr
Sa, 03.04.2027, 19.30 Uhr
Sa, 17.04.2027, 19.30 Uhr
Di, 04.05.2027, 19.30 Uhr
 




Twitter Facebook Google

#Der Prozess, #Frank Kafka, #Julia Bartolome, #Premiere, #Staatstheater

Vielleicht auch interessant...

STAATSTHEATER. Wenigstens die Premiere kommt noch vor dem zweiten Lockdown. So hatte sich das Nürnberger Staatstheater seinen Besetzungs-Coup sicherlich nicht vorgestellt, trotzdem ist die Regiearbeit von René Pollesch in Nürnberg natürlich das Highlight der Saison. Am Freitag feiert Take the Villa and Run! Premiere, am Samstag, 31.10., ist das Stück ein zweites Mal zu sehen. Theaterkritiker Dieter Stoll schreibt im Vorfeld:   >>
20260714_7Streich
20260801_Staatstheater
20260927_Lesen_2026
20260109_curt_insta
20260801_schauspiel_erlangen
20260601_Retterspitz
20280817_social_design_days
20260727_VAG_Weggla
20260928_Nbg_Pop
20260801_Kaweco
20261001_Consumenta1
20260801_Montessori