Matthias Egersdörfer: Einredungen

SONNTAG, 1. MäRZ 2026, NüRNBERG

#Matthias Egersdörfer, #Michael Jordan, #Story

Teilweise aus dem Kabarettprogramm „Carmen oder Worte, die das Herz berühren“. Auf der Bühne: Matthias Egersdörfer, Andy Maurice Mueller, Claudia Schulz. Regie: André Studt. Filme und Filmschnitt: Martin Fürbringer 

Die wirklichen Machthaber sind die Großkonzernbesitzer. Wie die Raubritter auf ihren Burgen wohnen sie in ihren Resorts und vermehren dort ihr Geschlecht. Genetisch wird der Samen des Stammhalters optimiert. Supermenschen gebiert die Königin Mutter. Schieläugige oder linkshändige Töchter werden rasch vom biologisch-dynamischen Gärtner im Schlossteich ertränkt. Die Königskinder werden fünfsprachig erzogen von drallen, blonden Schwedinnen, die der Oberkönig am Abend heftig herbumst. Seine Frau ist sowieso ununterbrochen trächtig und steht dem Liebesspiel nur sporadisch zur Verfügung, und wenn, dann nur zu Zuchtzwecken. Gleich nach der Befruchtung macht Queenie einen zwölfminütigen Kopfstand, damit das Sperma tief in sie hineintropfen kann. Ein Nachspiel ist in keinem Falle denkbar. Die Kinder werden von Spiegelbestsellerautoren unterrichtet – aber nur von solchen, die sich über acht Monate auf den ersten Plätzen halten können. Nobelpreisträger flicken mit der teuren Brut den Fahrradreifen. Mit Goldmedaillengewinnern übt sie sich im schnellen Rennen, Hindernislauf und Schwimmen. Eine kleine private Stadt mit Autobahnanschluss wurde eigens errichtet. In dieser Gemeinde wohnen Statisten. Manchmal macht die heilige Familie dorthin Ausflüge und erfreut sich daran, wie die einfachen Menschlein vor sich hinwursteln in ihrer kleinen Welt mit den kleinen Problemchen. In diesem künstlichen Dörflein bekommen die hochherrschaftlichen Kindlein von Formel-1-Piloten Fahrunterricht und werden dazu angehalten, schnell zu fahren. Ampeln gibt es keine, deshalb wird gern einmal ein Kleindarsteller überfahren. Daraufhin wird zügig eine Beerdigung organisiert. Das Kind, das die Nebenfigur überfahren hat, hält die Trauerrede und fungiert quasi als Pfarrer. Dies dient der theologischen Erziehung in Theorie und Praxis zeitgleich mit Fahrunterricht. Eine fußballmannschaftsgroße Anzahl an Fachärzten steht der göttlichen Familie in der eigenen, nach Fengshui-Grundsätzen erbauten Klinik zur Verfügung, die von außen aussieht wie ein Termitenhügel. Dazu noch Schwimmbäder mit hundert Meter langen Bahnen, wahlweise mit Meerwassergeschmack. Die Auserwählten schauen nicht fern, sondern Kino. Zwölf Meter lange Leinwand. 10 Sitzplätze. Manchmal kommt der Schah aus Persien dazu. Gemeinsam schaut man dann „Triumph des Willens“ in Farbe und 3-D. Urlaubsreisen nur mit dem eigenen Jet. Kleinere Strecken werden mit dem Helikopter zurückgelegt. An Ostern wird zum Ostereierverstecken gern einmal Schloss Neuschwanstein angemietet oder 120 Hektar um den Eiffelturm herum. Zebras im Garten. Flamingos und Flusspferde im Burgteich. Zahme Albinolöwen schnurren durch die Gänge. Kiefer und Krallen wurden ihnen entfernt, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Sie werden künstlich durch Sonden ernährt.

Die Politiker beißen andauernd in gebratenes Fleisch hinein und lassen sich filmen beim Beißen und Schlucken. Wenn sie nicht tote Tiere zerkauen und verdauen, verkleiden sie sich wie Filmschauspieler. In ihren Kostümen sitzen sie dann da und lachen oder schauen nachdenklich und lassen sich auch dabei filmen. Manchmal haben sie einen Anzug an und sagen mit ernster Miene einen Satz. Den sehen die Menschen dann im Fernsehen und freuen sich. Sie denken: Den haben wir schon beim Kauen gesehen. Der kann kraftvoll zubeißen. Der scheut sich nicht vor rohem Fleisch. Der beißt hinein, auch wenn das Blut herausspritzt zwischen den kauenden Zähnen. Wenn wir angegriffen werden sollten, springt der den Gegner direkt an und beißt ihm die rechte Wange und ein Auge dazu aus dem Schädel und zerkaut hernach alles. Da ist unser Feind so schockiert, dass er wieder dahin rennt, wo er hergekommen ist. Aber der kaut nicht nur. Der spricht auch einen ganzen Satz. Einen Satz wie eine Kartoffel. Rund und nahrhaft. Das schmeckt uns gut, was der Mann sagt. Manchmal wird einer der Politiker fast erschossen. Wenn er Glück hat, streift die Kugel nur das Ohrläppchen. Dann sagt er, dass der liebe Gott ihn besonders gern hat und beißt daraufhin mit 56 Zähnen in ein Wiener Schnitzel hinein. Manchmal wird einer von ihnen fast zerstochen. Wenn er Glück hat, zerschneidet die Klinge nicht den Lebensfaden. Dann fährt er im Rollstuhl. Als Rache verordnet er daraufhin, dass das ganze Volk nicht mehr Schnitzel essen darf. Manchmal wird einer direkt in den Kopf getroffen. Dann fällt er auf offener Bühne um. Wenn er zu Lebzeiten nicht gespart hat, recht groben Unfug in kurzen Sätzen zu verzapfen, fährt er auf nach Walhalla und wird unsterblich. Sollte er aber längere Sätze gesprochen haben, deren Sinngehalt eher einer Vernunft entsprochen hat, so wird er am Mittwoch Vormittag am Friedhof verscharrt, unweit vom Komposthaufen. Der Fahrer vom Amtskollegen schleudert einen Kranz mit einer Banderole voller Rechtschreibfehler neben das Loch in der Erde. Der Ministerialrat kann selber nicht erscheinen, eine unbedingte Staatsverpflichtung hindert ihn daran. Er ist aber geistig in nächster Nähe bei dem Dahingeschiedenen. Sorry! Nach eineinhalb Wochen unter der Erde, die Würmer haben noch nicht einmal den halben Magen aufgefressen, ist er schon aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Bürger fotografieren ständig ein Fleisch und stellen es ins Internet hin-ein. Sie braten Fleisch und schnüffeln dabei wie Spürhunde von der Polizei. Dabei filmen sie sich selbst und stöhnen vor Lust, wie lecker das Fleisch dampft. Sie beißen kraftvoll in das Fleisch hinein. Das filmen sie freilich auch im Detail. Vorher haben sie sich noch die Zähne weiß machen lassen beim Zahnarzt, obwohl es die Krankenkasse nicht bezahlt. Dann schalten sie das Handy aus und spucken das abgebissene Fleisch in den Abfalleimer. Weil sie schauen müssen, was der Nachbar und die Kusine schon wieder für ein Fleisch gepostet haben. Da haben sie keine Zeit zum Fleischzerbeißen und -schlucken. Dann schimpfen sie und schreien, weil die Tante ein viel größeres Fleisch ins Internet hineingestellt hat. Sie empfinden es als lächerlich, wie geradezu sexuell die alte Frau in ihr Handy hineingestöhnt hat wegen dem Fleisch. Sie wischen am Handy hinauf und hinunter. Und wenn ein Filmchen länger als drei Minuten braucht, stöhnen sie schon und wischen weiter. Und keiner hat einen Freund oder eine Freundin. Weil der Fremdmensch oft einmal länger spricht als drei Minuten. Das hält niemand mehr aus. Alle haben künstliche Partner. Denen gefallen die Fleischfilme des Partners ausnehmend gut. Die Menschen haben ihre künstlichen Partner gern, denn sie sind das eigene Spiegelbild in freundlich und zugewandt. Mit denen kann man zweieinhalb Minuten flöten und dann schaltet man sie einmal drei Wochen nicht mehr ein. Und dann funkt es wieder und man ruft das Profil auf vom geliebten Geliebten. Das Ding nimmt es dir nicht krumm und flötet, als hättest du dir nur kurz mal die Hände gewaschen, wenn du wieder da bist. Über drei Minuten hinaus kann kein Mensch mehr denken. Der Bürger sieht den Politiker im Internet in ein Fleisch beißen und freut sich, weil er selber oft in ein Fleisch beißt im Internet. Der ist wie ich, denkt sich der Bürger. Der beißt in ein Fleisch und filmt sich dabei, wie ich selbst. Er ist mein Ebenbild. Er ist mein Herrgott. Einmal sagt er drei Minuten etwas. Das ist schnell vergessen, weil er dann schon wieder etwas anderes gesagt hat. Das kann sich niemand leicht merken. Bei den Männern zwischen 18 und 55 Jahren kommt alle zwei Wochen der Pumpservice und saugt drei Liter Samenflüssigkeit ab. Bei den Frauen im gleichen Alter schauen die auch vorbei, alle zwei Wochen, und saugen Eizellen ab. Die werden ideal verpackt und gekühlt. Im Labor wird alles untersucht. Mit dem schadhaften Samen und den defekten Eiern werden im Karpfenteich des Instituts die Karpfen gefüttert. Aus dem guten Material wird im Brutbackofen eine neue Generation geboren. Mit 4 Jahren kommt sie in die Schule und lernt alles über Fleisch und Handys. Wenn die Waisenkinder ihren Abschluss gemacht haben, dürfen sie eine Entscheidung treffen, ob sie in der Fleischindustrie tätig werden wollen oder lieber in der Handywerkstatt. So befindet sich alles und jeder in einem unendlichen Kreislauf vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.

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Matthias Egersdörfer     

Michael Jordan     


Der Matthias Egersdörfer und Michael Jordan machen gelegentlich gemeinsame Ausflüge. Dann zeichnet der Jordan den Teil der Welt, den er von seinem Platz aus sehen kann. Und der Egers schreibt, was er hört und erblickt. So entsteht diese Kolumne. 

 




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AKADEMIE DER BILDENDEN KüNSTE. Text Matthias Egersdörfer

Der Moll war ein sehr langsamer Mensch. Er fuhr zum Beispiel mit einer kaum vorstellbaren Geschwindigkeit Fahrrad. Wäre er auch nur eine Kleinigkeit langsamer gefahren, wäre er schlichtweg umgefallen. Sah man den Philipp zum Beispiel von der Weite aus auf seinem alten Holland-Rad, musste man annehmen, dass er völlig reglos darauf saß und sich nicht bewegte. Auf der anderen Seite verfügte der Moll über eine blitzschnelle Auffassungsgabe. Jahrelang waren wir gemeinsam zum Christlichen Verein Junger Menschen hinmarschiert und hatten mit schier unermesslichem Übermut die Bibel bis knapp zum Irrsinn zerdeutet, hernach in herzlicher Zugewandheit mit den anderen Christenknaben bis zum Ohrenglühen gerauft und auch ansonsten keinen evangelischen Blödsinn ausgelassen. Dann, von einem Tag auf den anderen, war der Philipp nicht mehr hingegangen. Hat wortlos die Kündigung eingereicht. In Ewigkeit. Amen. Aus die Maus. Ich habe es am Anfang nicht begriffen. Es hat einige Zeit gebraucht. Das holdselige Himmelreich hatte seine Grenzen, von engstirnigen Glaubensbeamten errichtet. Da konnte man sich sauber daran derrennen. Und zum Müffeln hat es allenthalben auch schon angefangen gehabt. Junge Männer waren dazu gekommen, die sich für etwas besseres hielten, und vorbei war es mit unserem klassenlosen Bubenclub. Der Moll hatte einen Riecher. Dann hat er sich verzupft. Ohne Getu. Ohne Spektakel und großes Reden. Ich habe länger dazu gebraucht, das zu begreifen.
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HERSBRUCK. Bahnhof FÜRTH

Auf der blauen Himmelsleinwand über dem sandsteinernen Bahnhofsgebäude wurde ein Pinsel mit weißer Tünche immer wieder über die ganze Fläche abgestreift, um die Farbe aus den Borsten zu bekommen. Daneben im grauen Hochhausklotz glotzten die hundert schmalen Fensteraugen in müder Verschlagenheit. Auf den Bahnsteigen hingen blau gerahmte Displays in der Luft und zeigten den Reisenden die nächsten und übernächsten Anschlüsse hin zu anderen Bahnsteigen. Ein Mädchen mit weißen Steinchen im Ohr bewegte die kreidebleichen Turnschuhe mit ihren munter wiegenden Füßen und sprach und lachte mit einer Person an einem anderen Ort. Sanft griff sie in eine lange Strähne und zwirbelte das blonde Haar. Der Mann daneben löste seine Maske vom Ohr und trank vorsichtig aus der Mineralwasserflasche. Ein anderer hielt sich fast klammernd am Riemen der Tasche.

Eine Bahn fuhr heran. Seine Beine liefen zu den sich öffnenden Türen. Er verschwand. Die Türen schlossen sich. Die Bahn fuhr davon. Eine Frau mit gradem schwarzen Scheitel ließ eine Tasche unter dem Hintern nach vorne und hinten baumeln. Sie trug noch einen Beutel über der Brust und einen Rucksack am Rücken, als wolle sie sich von allen Seiten beschweren, um der Gefahr zu entgehen davonzufliegen wie der fliegende Robert. Dann pfiff hinten eine braune Lok, die sogleich geschäftig vorbeirollte, als habe sie im Lotto gewonnen. Dem geduldigen Postgebäude zur linken war ein Lederdach aufgesetzt worden. Wie braune Kappen auf den Köpfen von Knechten die im Viereck, Schulter an Schulter stumpf mit gestrecktem Rücken nebeneinender harren, stand es da und wartete auf Befehle. Direkt davor hatte man schwarze und gelbe Tonnen in einen engmaschigen Zwinger gesperrt. Die Quer- und Längsverstrebungen eines grünen Metallmasten überkreuzten sich im Blick darauf. Mit einer daran befestigten grauen Stangenkonstruktion wurde die elektrische Oberleitung recht aufwendig in die Luft gehalten. Weiße parallele Streifen flankierten im Sonnenlicht die Bahnsteigkante. Der Kabarettist stieg in die nächste Bahn nach Hersbruck ein und setzte sich zum Grafiker, der schon  im Waggon saß.
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