Salon Mata Hari: Von der exotischen Schönheit namens Margarethe
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Eva Borrmanns Lecture Performance über Mata Hari in der Kulturwerkstatt auf AEG. Premierenkritik von Andreas Thamm, zurest erscheinen bei freieszenenbg.de.
Mata Hari, da klingelt irgendwas. Klar, gehört hat den Namen jede:r schonmal. Aber wer war eigentlich Mata Hari?, fragten schon Die Ärzte. Die Choreografin Eva Borrmann und die Tanzwissenschaftlerin Dörte Kordzumdieke widmen der mythisch im kollektiven Gedächtnis verankerten Femme Fatale schlechthin einen Abend in der Kulturwerkstatt auf AEG. Die Lecture Performance Salon Mata Hari ist die erste Zusammenarbeit der Freundinnen, bei der beide auf der Bühne stehen.
Eva Borrmann/PLAN MEE ist in der Region wohl bekannt, ausgezeichnet mit der Impulsförderung und dem Kulturpreis der Stadt für ihre choreografische und tänzerische Arbeit. Das mag falsche Erwartungen wecken an einen bewegungsreichen Abend. Das Format der Lecture Performance, also eines künstlerisch angereicherten Vortrags, definieren Kordzumdieke und Borrmann mit dem Schwerpunkt auf der Lecture, dem Text: Hier soll in freundschaftlichem Ton Wissen vermittelt und eine Geschichte erzählt werden.
Denn die hat es in sich: Mata Hari wurde 1905 in Paris schlagartig berühmt. Als Performerin orientalischer Tänze. Ihre Auftritte hätten einen Nerv getroffen: Asien ist um die Jahrhundertwende schwer angesagt, nicht nur 1001 Nacht wird neu übersetzt, auch das Kamsutra verbreitet sich im eigentlich so prüden Frankreich. Was Mata Hari von anderen Tänzerinnen unterschied, sei ihr Status als Expertin gewesen, behauptete sie doch in Indonesien in eine Brahmanenfamilie geboren und schon früh in die den Pagoden Shivas in die heiligen Tempeltänze eingeweiht worden zu sein.
Tatsächlich hieß die exotische Schönheit Margaretha Geertruida Zelle und stammte aus den Niederlanden. Nach dem Bruch ihrer Ehe mit einem Kolonialoffizier habe sie nichts mehr zu verlieren gehabt, ging nach Paris und nutzte ihre blühende Fantasie, um ganz mit der erfundenen Identität zu verschmelzen. Kordzumdieke: „Ihre Tänze waren natürlich überhaupt nicht authentisch.“ Zumindest ist davon nicht auszugehen, Aufzeichnungen darüber, wie sie getanzt habe oder gar Videos gibt es nicht.
Einzelne Posen aber kennt man von Fotos und anderen Tänzerinnen der Zeit. Das stilecht auf einem Orientteppich sitzende Publikum darf/soll mitzumachen: Schleier aus dem Gesicht wischen, lächeln, mit dem Händen am Körper herabfahren, Serpentinenpose. Die habe als besonders erotisch gegolten. So wie der ganze Act der Niederländerin, für die, eben wegen ihrer Schein-Identität, andere Regeln galten als für weiße Frauen. Sechs Bilder von Mata Hari haben Borrmann und Kordzumdieke großformatig auf Teppiche abgezogen, untenrum ist sie teils ganz nackt.
Die beiden Freundinnen plaudern sich frei durch diese Geschichte, Weinglas in der Hand, dem Publikum wird zwischendurch nachgeschenkt. Diese Lecture ist eben nicht universitär angesiedelt, sondern im Salon. Ergänzt wird ihr Vortrag durch Off-Texte. Ansgar Kluge gibt wieder, was den Rezensenten der Zeit zu Mata Hari einfiel: „Ihr Teint zeugt von entfernten Landen […] Ihre Brüste heben sich schmachtend.“ Johanna Steinhauser spricht, was von Mata Hari selbst überliefert ist, Sätze von trockenem Humor und großer Klarheit: „Ich hatte nie Angst mich zu erkälten.“ Oder: „Sie kommen, um Nacktheit zu sehen.“
Sie – das waren Diplomaten, Adelige, gar Könige. Ein ganzer Koffer voller Visitenkarten sei 2017 mit Öffnung der Kriegsakten ans Licht gekommen. Wie aus der Tänzerin eine Doppelagentin wurde, was ihr Schicksal besiegelte, welche Gerüchte ihre Legende am Leben hielten, soll hier alles nicht vorweggenommen werden. Das liest sich lange nicht so schön, wie Borrmann und Kordzumdieke es gemeinsam erzählen können. Mit wenigen, wohl gewählten Mitteln gelingt es den beiden, das Publikum eine Stunde lang ganz für sich einzunehmen. Der Salon Mata Hari ist kulturwissenschaftliche, auch feministische Lehre auf die unverkrampfteste, denkbar angenehmste Weise, humorig, aber mit Pietät gegenüber der Tragik dieser Biografie.
Ihre Leiche wurde nie begraben, die ging an die Pariser Uniklinik, der Kopf landete in einem Museum. Erst im Jahr 2000 musste der als verschollen gemeldet werden. „Wahrscheinlich“, so Borrmann, „wurde er gestohlen von einem Fan. Und kuckt von seinem Fensterbrett in den Garten.“
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PLAN MEE/Eva Borrmann: Salon Mata Hari
Weitere Termine:
24. und 25. Januar in der Kulturwerkstatt auf AEG
22. und 23. April im Experimentiertheater Erlangen
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