Salon Mata Hari: Von der exotischen Schönheit namens Margarethe

SAMSTAG, 10. JANUAR 2026, KULTURWERKSTATT AUF AEG

#Eva Borrmann, #Kulturwerkstatt Auf AEG, #Lecture Performance, #Mata Hari, #Plan Mee, #Tanz

Eva Borrmanns Lecture Performance über Mata Hari in der Kulturwerkstatt auf AEG. Premierenkritik von Andreas Thamm, zurest erscheinen bei freieszenenbg.de.

Mata Hari, da klingelt irgendwas. Klar, gehört hat den Namen jede:r schonmal. Aber wer war eigentlich Mata Hari?, fragten schon Die Ärzte. Die Choreografin Eva Borrmann und die Tanzwissenschaftlerin Dörte Kordzumdieke widmen der mythisch im kollektiven Gedächtnis verankerten Femme Fatale schlechthin einen Abend in der Kulturwerkstatt auf AEG. Die Lecture Performance Salon Mata Hari ist die erste Zusammenarbeit der Freundinnen, bei der beide auf der Bühne stehen.
Eva Borrmann/PLAN MEE ist in der Region wohl bekannt, ausgezeichnet mit der Impulsförderung und dem Kulturpreis der Stadt für ihre choreografische und tänzerische Arbeit. Das mag falsche Erwartungen wecken an einen bewegungsreichen Abend. Das Format der Lecture Performance, also eines künstlerisch angereicherten Vortrags, definieren Kordzumdieke und Borrmann mit dem Schwerpunkt auf der Lecture, dem Text: Hier soll in freundschaftlichem Ton Wissen vermittelt und eine Geschichte erzählt werden.

Denn die hat es in sich: Mata Hari wurde 1905 in Paris schlagartig berühmt. Als Performerin orientalischer Tänze. Ihre Auftritte hätten einen Nerv getroffen: Asien ist um die Jahrhundertwende schwer angesagt, nicht nur 1001 Nacht wird neu übersetzt, auch das Kamsutra verbreitet sich im eigentlich so prüden Frankreich. Was Mata Hari von anderen Tänzerinnen unterschied, sei ihr Status als Expertin gewesen, behauptete sie doch in Indonesien in eine Brahmanenfamilie geboren und schon früh in die den Pagoden Shivas in die heiligen Tempeltänze eingeweiht worden zu sein.

Tatsächlich hieß die exotische Schönheit Margaretha Geertruida Zelle und stammte aus den Niederlanden. Nach dem Bruch ihrer Ehe mit einem Kolonialoffizier habe sie nichts mehr zu verlieren gehabt, ging nach Paris und nutzte ihre blühende Fantasie, um ganz mit der erfundenen Identität zu verschmelzen. Kordzumdieke: „Ihre Tänze waren natürlich überhaupt nicht authentisch.“ Zumindest ist davon nicht auszugehen, Aufzeichnungen darüber, wie sie getanzt habe oder gar Videos gibt es nicht.

Einzelne Posen aber kennt man von Fotos und anderen Tänzerinnen der Zeit. Das stilecht auf einem Orientteppich sitzende Publikum darf/soll mitzumachen: Schleier aus dem Gesicht wischen, lächeln, mit dem Händen am Körper herabfahren, Serpentinenpose. Die habe als besonders erotisch gegolten. So wie der ganze Act der Niederländerin, für die, eben wegen ihrer Schein-Identität, andere Regeln galten als für weiße Frauen. Sechs Bilder von Mata Hari haben Borrmann und Kordzumdieke großformatig auf Teppiche abgezogen, untenrum ist sie teils ganz nackt.

Die beiden Freundinnen plaudern sich frei durch diese Geschichte, Weinglas in der Hand, dem Publikum wird zwischendurch nachgeschenkt. Diese Lecture ist eben nicht universitär angesiedelt, sondern im Salon. Ergänzt wird ihr Vortrag durch Off-Texte. Ansgar Kluge gibt wieder, was den Rezensenten der Zeit zu Mata Hari einfiel: „Ihr Teint zeugt von entfernten Landen […] Ihre Brüste heben sich schmachtend.“ Johanna Steinhauser spricht, was von Mata Hari selbst überliefert ist, Sätze von trockenem Humor und großer Klarheit: „Ich hatte nie Angst mich zu erkälten.“ Oder: „Sie kommen, um Nacktheit zu sehen.“

Sie – das waren Diplomaten, Adelige, gar Könige. Ein ganzer Koffer voller Visitenkarten sei 2017 mit Öffnung der Kriegsakten ans Licht gekommen. Wie aus der Tänzerin eine Doppelagentin wurde, was ihr Schicksal besiegelte, welche Gerüchte ihre Legende am Leben hielten, soll hier alles nicht vorweggenommen werden. Das liest sich lange nicht so schön, wie Borrmann und Kordzumdieke es gemeinsam erzählen können. Mit wenigen, wohl gewählten Mitteln gelingt es den beiden, das Publikum eine Stunde lang ganz für sich einzunehmen. Der Salon Mata Hari ist kulturwissenschaftliche, auch feministische Lehre auf die unverkrampfteste, denkbar angenehmste Weise, humorig, aber mit Pietät gegenüber der Tragik dieser Biografie.

Ihre Leiche wurde nie begraben, die ging an die Pariser Uniklinik, der Kopf landete in einem Museum. Erst im Jahr 2000 musste der als verschollen gemeldet werden. „Wahrscheinlich“, so Borrmann, „wurde er gestohlen von einem Fan. Und kuckt von seinem Fensterbrett in den Garten.“

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PLAN MEE/Eva Borrmann: Salon Mata Hari

Weitere Termine:

24. und 25. Januar in der Kulturwerkstatt auf AEG

22. und 23. April im Experimentiertheater Erlangen




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#Eva Borrmann, #Kulturwerkstatt Auf AEG, #Lecture Performance, #Mata Hari, #Plan Mee, #Tanz

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KULTURWERKSTATT AUF AEG. Berühmt wurde die Niederländerin Margaretha Geertruida Zelle durch exotische, verführerische Tänze, berüchtigt weil ihr während des erste Weltkriegs die Rolle einer Agentin für die Deutschen nachgesagt wurde, Deckname H 21. 1917 wurde sie hingerichtet, bis heute bleibt ihre Schuld jedoch umstritten. Als Mata Hari wurde Margaretha zum Mythos, zur Projektionsfläche und zum Symbol nicht nur für Verführung und Geheimnis, sondern auch für die Macht des Erzählens an sich. Die Choreografin Eva Borrmann und die Tanzwissenschaftlerin Dörte Kordzumdieke widmen sich diesem Mythos in der Lecture Performance Plan Mee: Salon Mata Hari in der Kulturwerkstatt auf AEG. Als Lecture Performance versteht man eine Aufführung an der Schnittstelle von Vortrag und theatraler Performance. Borrmann und Kordzumdieke bauen aus biografischen Fragmenten ein Porträt, das bewusst auch die Leerstellen der Überlieferung offenlegt. Im Fokus stehen Brüche, Widersprüche und das Unausgesprochene – jene Momente, in denen Biografie zur Behauptung und Interpretation zur Waffe wird. Premiere am Samstag, 10.01., 20 Uhr in der Kulturwerkstatt auf AEG

Weitere Termine:
11.01.2026, 19Uhr
24.01.2026, 20Uhr
25.01.2026, 19Uhr

Außerdem im Experimentiertheater der FAU in Erlangen: 
22.04.2026, 19Uhr                                   
23.04.2026, 19Uhr

Weitere Infos: www.planmee.de  >>
TAFELHALLE. Im Dezember verschmelzen in der Tafelhalle die Erzählebenen auf der Bühne. Die Video- und Choreographin Stephanie Felber möchte mit ihrem Team das Gefilmte und das Live-Bühnengeschehen gleichwertig behandeln, beide Medien interagieren im Rahmen der Aufführung miteinander. Carnal Screen lädt das Publikum dazu ein, sich im Suspense zu erleben, das Auge wie eine Kameralinse zu fokussieren, zu zoomen, und reagierend auf die Dramaturgie der Impulse, sich immer wieder neu auf das Geschehen einzulassen. Die Performer:innen verhandeln mit Muskeltonus und Atemrhythmus eine Situation zwischen Halten und Loslassen, Unsicherheit und Entspanntheit. Ab 19.12. Am 17.01. folgt dann die Premiere von Eva Borrmanns Arbeit über Heim- und Fernweh Nostalgia (ausführliches Interview HIER) und am 30.01. Alexandra Rauhs Curious Space: Eine Tanz-Sound-Performance, die in die Zukunft blickt, in der zwei glänzende, quietschende Wesen die Frage verhandeln, wie ein solidarisches Miteinander trotz unterschiedlicher Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Herausforderungen gelingen kann. Rauh erschafft dafür einen Raum, der selbst wie ein lebendiger Körper aus Material und Sound funktioniert.

www.kunstkulturquartier.de/tafelhalle  >>
TAFELHALLE. Es gibt ein neues Kunstkollektiv in Town, das einen tatsächlich sehr radikal eigenen Ansatz der Performance wählt: roams (wohl bekannt aus der Nürnberger Szene: Harald Kienle, Michaela Pereira Lima, Veith von Tsotzhousn und Maria Trunk) verbinden bildende und darstellende Kunst in einem drei Tage andauernden Tanz ums Holz.

Konkret handelt sich bei der Aufführung roams: adventures um ein Bühnenstück mit einem wachsenden Bühnenbild, das selbst Kunstwerk und Protagonist ist. Dieses Bühnenbild von Harald Kienle wiederum setzt sich aus Klanghölzern zusammen, die von Veith Michel bespielt werden, gibt also auch einen Sound ab und verändert sich unterm Einfluss der Choreografie der Performenden Pereira Lima, Markl und Bess. Inhaltlich dreht sich das experimentelle Stück um das Ursprüngliche, das die Gesellschaft zusammenhält, symbolisch verbildlicht im Holz. Das Spiel drum herum ist auch eines mit dem Risiko, die Performenden setzen ihr eigenes Bühnenbild aufs Spiel: Wird es zusammenkrachen wie ein Jenga-Turm? “Das Fallen, das Zusammenkrachen, das Ungeplante ist stets Teil des Prozesses”, sagt Maria Trunk aus dem Produktionsteam. 

Die drei Aufführungen von roams_adventures bauen aufeinander auf und funktionieren jeweils für sich. Sie sind sind in allen Sprachen, Kulturen und Generationen verstehbar. Das Publikum wird Teil eines skuplturalen Erlebens und eines Dialogs zwischen Raumkörpern, Menschen, Hölzern und Klängen. 

Spannendes Projekt, alle Infos hier:

roams: adventures
20.-22.11., Tafelhalle


Konzept, künstlerische Leitung & Produktionsleitung: Michaela Pereira Lima & Harald Kienle
Regie: Nicole Schymiczek
Soundkunst: Veith von Tsotzhousn
Performance: Michaela Pereira Lima, Miriam Markel, Barbara Bess
Video: Linda Havenstein
Lichtdesign: Gunnar Tippmann und Saša Batnozic
Grafik: Steffi Probst
Klangstapler:innen: Moritz Kienle, Natacha Cayrol, Chan Bess, Lola Pereira Lima
Ground Control: Maria Trunk
Coaching: Katharina Tyllack
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Kultur  11.10.-23.11.2025
TAFELHALLE. Zwei Mal Heiß, zwei Mal Blumenroth. Hä? Das musikalisch-literarisch-geistreiche ensemble Kontraste hat nach 30 Jahren erstmals eine neue Leitung! Namentlich: Luise Heiß (Gesang), Philipp Heiß (Klavier), Jeany Park-Blumenroth (Violine) und Hendrik Blumenroth (Cello). Das Konzept heißt natürlich weiterhin Kammermusik und genreübergreifende Formate, dafür gab es 2020 den großen Kulturpreis der Stadt Nürnberg. Innerhalb dieser Idee hat sich die neue Leitung vorgenommen, auch neue Akzente zu setzen und relevante Gegenwartsthemen mit den Mitteln der klassischen Musik aufzugreifen. Das eK-Spielzeitmotto Upon Weightless Wings verspricht eine gewisse Leichtigkeit und Vogelperspektive. Los geht's für das eK am 11.10. mit dem Anstoß: Wir hören zwei Oktette, einmal, inspiriert vom Südtiroler Weingut Lageder, von Gregor A. Mayrhofer, einmal romantisch und geheimnisvoll von Franz Schubert. Im Anschluss wird stilecht mit Lageder-Wein angestoßen. Am 19.10. wird die beliebte eK-Reihe Dichtercafé fortgesetzt: Der Österreichische Autor, Schauspieler und Regisseur Oliver Karbus liest Robert Seethalers Ein ganzes Leben. Eine Geschichte vom Überleben im Bergdorf. Dazu Musik von Alfred Schnittke und dem in Auschwitz ermordeten jüdischen Komponisten Viktor Ullmann. Am 16.11. folgt dann ein Kammermusik-Abend als epische Klangreise: Nikolai Kapustin löst mit seinem Klavierquintett die Grenzen zwischen Jazz und Klassik auf, Erich Wolfgang Korngold, zwei Mal Oscar-prämiert, erweist sich in seinem frühen Klavierquintett als farbintensiver Romantiker und Johannes Brahms zeigt mit seinem Klavierquartett, was komplexe Tonkunst ist. Leidenschaft! Pathos! Rhythmus! heißt das Programm. 

Den Kulturpreis, wie gesagt, hat das ensemble Kontraste schon. Am 10.11. holen die diesjährig Ausgezeichneten ihre Preise im Rahmen der großen Kulturpreis-Gala in der Tafelhalle ab, Unter anderem mit dem Orchester Ventuno und dem Literaturhaus. Spektakulär kündigt sich das dreitägige, experimentell-theatrale Projekt roams_adventures von Michaela Pereira Lima, Harald Kienle und Nicole Schymiczek an. Ab 20.11. entsteht ein Bühnenbild aus Holz, dem von Michael Veith Töne abgerungen werden, die von Tänzeri:innen wiederum in Bewegung übersetzt werden. Die Zuschauenden können ihre Perspektive und die Dauer ihres Zuschauens selbst wählen. 

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Tafelhalle  
   

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ZUKUNFTSMUSEUM / AEG. Das Brachland-Ensemble zieht bei seiner neuesten Produktion alle technischen Register, sie findet nämlich im Zukunftsmuseum statt. Interspecies Families ist vieles: ein Theater-Performance-Talk, Infotainment, TechNovela. Bezugspunkt ist die Familie, die sich nicht mehr nur aus Mensch und Tier zusammensetzt, auch die KI ist Teil des Haushalts. Wir haben Theo Fuchs zur Premiere geschickt, er schreibt: "Es bleibt letzten Endes der Mensch und seine Körperlichkeit im Mittelpunkt. Der bodennahe Ausdruckstanz, den Sarah Plattner im Duett mit einem der Regenwürmer auf dem Körper improvisiert, während Ludger Lamers das Winden und Wälzen filmt, hinterlässt wohl den stärksten visuellen Eindruck der Vorführung." Ganze Besprechung HIER. Weiter geht's mit der TechNovela am 26.04. Dann monatlich bis Oktober. Gäste und Inhalte wechseln, es lohnt sich also, jede Folge zu sehen.

Etwas wieder ganz Anderes präsentiert Brachland in der Kulturwerkstatt auf AEG. Am 09.05. feiert dort The Beginning Premiere, ein inklusives Projekt in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe, das Science Fiction und Dokumentation, Performance und Film vermischt. Das Projektteam hat sich mit dem Ende der Menschheit auseinandergesetzt, mit dem Weiterleben der Spezies auf fernen Planeten, mit realen Szenarien für die Erde. Auf der Leinwand werden Expert:innen-Interviews zu sehen sein. Auf der Bühne setzt sich die Gesellschaft zusammen, eine mixed-abled Gruppe, die eine Zukunft eerdenkt und vielleicht neue konstruktive Lösungen entwerfen kann. Weitere Aufführungen am 10. und 11.05.

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Brachland-Enssemble
Im Zukunftsmuseum und in der Kulturwerkstatt Auf AEG
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