Theobald O.J. Fuchs: Die 24 Stunden von Plzen

DIENSTAG, 26. JULI 2016

#Comedy, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Der Roman ist geschrieben: „Niemand ruht ewig“ ist dabei, mich reich und berühmt zu machen. Es ist also an der Zeit, ohne Rücksicht auf Verluste ins Rock'n'Roll-Leben einzutauchen. Was liegt demnach näher, als mich als Groupie nützlich zu machen? Bei einem Konzert der GoHo Hobos in der Bierwirtschaft Groll in Plzeň, Tschechische Republik. Punks on tour, Alter! Kurzes Schwelgen in trüben Erinnerungen an diverse derartige Schwachsinnsausflüge vor 25 Jahren. Doch alle sind wir älter geworden, auch die Musiker machen da keine Ausnahme. Das Gerücht geht um, dass die Show schon um 18 Uhr beginnt und spätestens um 10 alle im Hotelbett liegen, um ihren standesgemäß kolossalen Rausch auszuschlafen.

Der Tourmanager mahnt: Los! Los! Rein zufällig entdecke ich im selben Moment einen Kasten mit leeren Pilsener Urquell-Flaschen im Kofferraum. Keine Zeit, um zu erforschen, wie der da hinein kommt, und zu spät für den Getränkemarkt. Das Leergut muss mit. Vielleicht würde sich ja Gelegenheit ergeben, ihm den Ort seiner Geburt zu zeigen. Hätte was.

Der Grenzübergang wirkt noch verlassener als eine ehemalige Zonengrenze, weil die Billigschnapsläden, Super-Ramschmärkte und Drive-in-Bordelle, die nach 1990 dort wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, inzwischen alle wieder geschlossen sind. Nur einen Friseursalon mitten im Niemandsland soll es noch geben. Heißt es in exklusiven Lastwagenfahrerkreisen. Die Kühe jedenfalls haben noch genug Anstand, um jenseits der Grenze ausschließlich weißes Fell zu tragen, so dass man sicher sein kann, auf der anderen Seite des niedergerissenen eisernen Vorhangs zu sein.

Wir freuen uns aufs Tartar, das wir beim Groll verspeisen wollen, drei Kilo rohes Hackfleisch, drei Eier, 4711 Knoblauchzehen. Pro Nase wohlgemerkt. Entweder werden wir nicht sterben oder alle zusammen. Das ist voll Drei Musketiere!

Bei der Einfahrt in die Stadt passieren wir ein grauenhaftes Industriegebiet. Auf den ersten Blick demnach keine augenfälligen Unterschiede zu Zuhause. Auch der Verkehr wird rechtsseitig ausgeführt, die Ampelzeichen wechseln zwischen roter und grüner Farbe, bei der Einfahrt in einen Kreisel wird erst geblinkt, wenn's einem schlecht wird. Oder auch gar nicht. Nur eine junge Dame sticht uns ins Auge mit extrem kurzem Röckchen und schwarz lackiertem Bustier, die auf einen Flachbau zustöckelt. Wir vermuten in ihr die Pastorin einer Neohussitischen Gemeinde, die zu einer Beerdigung unterwegs ist, die sie zelebrieren muss. Wieso sonst hätte sie Grund, sich – für hiesige Verhältnisse – so dezent zu kleiden?

Das Hotel Slovan betreten wir von hinten, also vom Parkplatz im Hof her. Es empfängt uns in alter Nonchalance, frisch und munter wie ein guter Freund, der in – äußerst geschmackvoll kombinierten – Badeschlappen, Boxershorts und seidenem Morgenmantel die Tür öffnet, einen fulminanten Kater in der Fresse. Doch für eine ausführliche Begehung des berüchtigten armenischen Teesalons ist wie immer keine Zeit. Auf, auf! Gleich beginnt die Show!

Während des Konzerts sieht sich niemand veranlasst, den riesigen Flachbildschirm auszuschalten, der direkt oberhalb der Band thront und über den tschechisches Fernsehen blödelt. Amerikanische Comedy gemischt mit endemischer Werbung, die so professionell bebildert ist, dass die Übertönung der sowieso unverständlichen Tonspur uns nicht an der Erkenntnis hindert: Es geht um Tampons, Fertigpizza und Salben gegen Pilzerkrankungen im Vaginalbereich. Das Geflimmer passt irgendwie zu allem, nur eine der Musiker*innen schielt ab und zu nach oben, während sie die Saiten zupft. Beinahe verspielt sie sich, doch alles geht gut aus! Zum Nachtisch einen Schnaps und ein Knie vom Schwein. Die Band singt: „Sauerkraut und Schnitzel, wir lieben dich!“, der Wirt gibt allen die klare Anweisung: „Noch ein Bier!“ mit Ausrufungszeichen.

Dann auf dem Weg zum Solvan stellt sich uns das Salzmann in den Weg. Wir flanschen uns direkt an die Pipeline zur Pilsener Urquell. Testweise wird deutsches Liedgut gesungen. Doch ich bin schnell wieder still, weil man berichtet, dass hier sogar Kaiser Franz Josef Hausverbot bekam, weil er den Text von „Mein kleiner grüner Kaktus“ nicht sicher beherrschte. Am Tresen sitzt die pietätvoll aufgetakelte Pfarrerin. Sie hat sich locker gemacht, erzählt dem Halbkreis der Trauergemeinde, die sie umringt, fromme Witze.

Ebenso lust- wie planlos an die Wand gedübelt scheinen die Urinale auf ausnahmslos jeder Herrentoilette zu sein, die ich der Sitte gemäß aufsuche. Meist wurde nicht einmal die geflieste Abflussrinne im Boden beseitigt, die in früheren Zeiten auch einwandfrei ihren Zweck erfüllte. So, als rechne der Böhme damit, nach dem kurz bevorstehenden Tschexit rasch diesen EU-Blödsinn wieder von der Wand reißen und zur Hintertür hinaus schmeißen zu können.

Am nächsten Vormittag Ausnüchterungsspaziergang. Intensive Beschäftigung mit den Trolley-Bussen. Die tragen alle zwei elastische Stromabnehmer auf dem Dach, die aussehen wie die Tentakel eines gewaltigen Insekts und aus den Oberleitungen, welche wie ein Netz über den Straßen hängen, Strom saugen. Erstaunlich für unsere westliche Wahrnehmung ist, dass offenbar niemand Unsinn damit anstellt. Nirgendwo klettert einer daran herum oder befestigt alte Turnschuhe bzw. moderne Kunst. Vermutlich kann man die Leitungen überhaupt nicht als das, was sie sind, erkennen, wenn man in einer Trolley-Bus-Stadt aufwächst. Bittet man ein kleines Kind in Plzeň, den Himmel zu malen, wird es nach einem schwarzen Stift fragen. Kein Grund jedoch, den Psychologen zu alarmieren. Wie in zahllosen anderen osteuropäischen Städten ist es völlig natürlich, dass der Himmel mit Stromkabeln verhängt ist.

Zum Ausgleich prahlen die slawischen Sprachen, die in den meisten Trolley-Bus-Städten gesprochen werden, mit einem 7. Fall, der Tätigkeiten bezeichnet, welche nur beabsichtigt sind, aber nie durchgeführt werden. Beispiel: „Pivoču“ - das Bier, das NICHT zu trinken ich beim Frühstück geschworen hatte, das aber Samstag Mittag plötzlich vor mir steht und prima schmeckt. Apropos: nichts Neues in Erfahrung bringen konnten wir über das tschechische Weltraumprogramm. Es ist still darum geworden in den letzten Jahren. Vielleicht weil kein Flug ins All je an die halluzinogene Wirkung heranreichen kann noch können wird, die sich nach dem Genuss von sieben tschechischen Halben einstellt.

Auf dem Rückweg noch ein Abstecher zum Hyper-Extra-Tesco-Markt. Bitte einmal alles, sage ich, ich bin Deutscher. Man versteht mich nicht, daher erwerbe ich statt der verdienten Tracht Prügel nur zwei Freizeithemden, die dafür aber Hallo! Tadelloses Preis-Leistungsverhältnis.

Morgen wird der alte Golf beim Fränky vorbeischauen, das Pfand fürs Leergut reicht allemal für eine Tafel Pfefferminzschokolade. Ein Fest wird das! „Niemand ruht ewig“ - ich nehme das wörtlich. Weil: ich hab's ja selber geschrieben. 

[Fotos: Katahrina Winter]

UND WAS MACHT THEO WIRKLICH?
Nach dem er sich ausgiebig in seinem brandneuen Geldbad kultiviert hat, wird er zusammen mit Michael Ströll am Sonntag, 21. August ab 18 Uhr in der Galerie Bernsteinzimmer ausnahmsweise mal was Gutes tun: Für die Aktion Artists For Refugees werden beide einen köstlichen Musik-Literatur-Salat kredenzen: Michael spielt auf seiner Gitarre ein schönes Lied, danach liest Theo eine schöne Geschichte vor, während sich Michael das nächste Stück aus seiner Sammlung wählt. Dasselbe spielt er, woraufhin Theo den nächsten Text hervorzaubert, und so weiter und so weiter, bis die Zuhörer satt sind. Oder pleite – denn für jede Runde Text und Lied muss bezahlt werden. Pro gespieltem Lied plus pro gelesenem Text mindestens ein Euro von jeder Person aus dem Publikum. Alle Spenden gehen direkt an Artist For Refugees.

www.artistsforrefugees.de/project/theobaldfuchs_michaelstroell/
 




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