Zum Frankenderby: curt spielt den Doppelpass!

MONTAG, 11. AUGUST 2014, TROLLI ARENA

#FCN, #Fußball, #Interview

Saisonauftakt, Derbytime, Rippenbruch, Punkteteilung, Auftaktsieg … Die Saison in der 2. Fußball-Bundesliga hat begonnen und sowohl die Nürnberger (leider wieder mal) als auch die Fürther (leider immer noch) mischen mit.

Passend zum 257. Frankenderby am 11. August haben wir zwei Fachmänner schonmal vorab zum Interview-Schlagabtausch antreten lassen. Achtung, das ist fast wie Netzer und Delling auf Schäufele! 

Wenn man uns nach dem ersten Spieltag fragen würde: “Zwei Slapstickeinlagen für und wider die Spielvereinigung und somit ein Unentschieden gegen Bochum, ein Arbeitssieg zum Auftakt gegen Aue für den Club” – das wären unsere Erkenntnisse. Sehr rudimentär, aber zum Glück gibt´s Spezialisten für den heimischen Fußball – und wir kennen welche! Hier sind unsere Spezln und Experten:

Stefan Jablonka, 37, Sportredakteur für die Nürnberger Zeitung, ist Fachmann in Sachen 1. FC Nürnberg.
Martin Schano, 35, Sportredakteur der Fürther Nachrichten, begleitet die Spielvereinigung Greuther Fürth durch die Saison.

Beide haben mit uns aus dem Nähkästchen (oder aus der Sporttasche) geplaudert. Das kleine Journalisten-Derby vor dem Frankenderby:



Abstieg hier, verpasster Aufstieg dort … was ist schlimmer?

Stefan: Ein Abstieg ist eigentlich das Schlimmste, was passieren kann. Außer für einen Club-Fan, der weiß ja, wie sich das anfühlt. Das Schöne am Abstieg ist aber ja, dass man wieder aufsteigen kann. Und Rekordaufsteiger zu sein, hat doch auch was für sich.

Martin: Definitiv der Abstieg. Die Schockstarre in Fürth hielt nur für einen kurzen Moment, schon am Montag hat der Verein begonnen, für die nächste Zweitligasaison zu planen. Die Fans haben sich kurz geschüttelt und dann gesagt: Geile Saison, danke Jungs, weiter geht´s.
 

Wie lief die Vorbereitung?

Stefan: Ich war sehr überrascht, dass das Personalkarussell nach dem Abstieg doch noch so viel Fahrt aufgenommen hat, dass einem beinahe schwindlig wurde. Zunächst sollte die Mannschaft ja weitestgehend gehalten werden. Ehe man sich daran erinnerte, dass man mit den individuell hochgelobten Spielern ja nur 26 Punkte geholt hat. Dass sich acht von ihnen durch einen Wechsel innerhalb der Liga auch weiterhin als Bundesligaspieler bezeichnen dürfen, ist bittere Ironie.
Rund 18 Millionen hat der Verein eingenommen, davon aber nur einen Bruchteil investiert. Der letztjährige Zweitliga-Torschützenkönig Jakub Sylvestr (Erzgebirge Aue, 1,7 Millionen Euro Ablöse) und Dave Bultuis (FC Utrecht, 1 Million) waren die teuersten. In der Breite setzt der Verein aber hauptsächlich auf talentierte Perspektivspieler. Fantasie ist da bei vielen durchaus vorhanden.
Aber wir sind ja nicht bei Wünsch-dir-was. Die beiden Neuzugänge Even Hovland (Molde FK) und Danny Blum (SV Sandhausen) sind die Pechvögel und fallen gleich mit schweren Verletzungen aus. Dafür scheint Timo Gebhart endlich mal wieder positive Schlagzeilen schreiben zu wollen. Er ist körperlich fit und machte in der Vorbereitung einen guten Eindruck.
Ich denke, dass insgesamt viel von einem guten Start in die Saison abhängt. Misslingt er, wird man beim Club personell sicher nachbessern, dafür auf dem Transfermarkt dann aber vermutlich noch einen hohen Preis zahlen müssen.
Die Testspiele waren wenig verheißungsvoll. Es ist noch vieles Stückwerk, aber man steigt ja auch nicht am ersten, sondern am letzten Spieltag auf.

Martin: Ein Kreuzbandriss bei Ersatztorhüter Mark Flekken im Trainingslager plus drei Spieler, die nicht fit sind: Rückrundenbomber Ilir Azemi hatte einen Bänderriss, die Neuzugänge Johannes Wurtz (Paderborn, Patellasehnenprobleme) und Zhi Gin Lam (HSV, Schambeinentzündung) haben Verletzungen mitgebracht, die sie hier erst in den Griff kriegen müssen.
Die Spielvereinigung hat alle bis auf ein Testspiel gewonnen, darunter gegen die guten russischen Erstligisten FK Rostow und Lok Moskau.
 

Welcher Spieler hat in der Vorbereitung überzeugt?

Stefan: Ich fand Alessandro Schöpf beeindruckend abgeklärt. Man merkt sofort, dass er durch die Schule des FC Bayern München gegangen ist. Auch der Ex-Fürther Niklas Füllkrug konnte überzeugen, muss im Abschluss aber noch zulegen. Und der von Fortuna Düsseldorf ausgeliehene Ecuadorianer Cristian Ramirez wird auch noch viel Freude bereiten. Jan Polak schien seiner Rolle als Kapitän und Führungsspieler gerecht werden zu können, ehe er sich nun zum Auftakt gegen Aue zwei Rippen brach. Sein Ausfall wiegt extrem schwer.

Martin: Marco Stiepermann aus Cottbus wird sofort eine Rolle spielen als Zehner, vor ihm wird Kacper Przybylko, zuletzt in Bielefeld, auflaufen. Als wäre er nie weg gewesen, spielt Stephan Schröck, der Fanliebling.
 

Neu zusammengestellte Teams: Fluch oder Chance?

Stefan: Ich denke, dass es einfacher wäre, mit einer eingespielten Mannschaft wieder aufzusteigen. Es ist aber nunmal so, wie es ist. Und deshalb versuche ich, das Positive in dem Komplettumbau zu sehen. Und es besteht ja durchaus die Chance, dass die Verjüngungskur den erhofften schönen und vor allem erfolgreichen Fußball mit sich bringt.

Martin: Bei der Spielvereinigung ist es ja Programm. Dass der Umbruch wieder so krass ausfallen wird mit 13 Zu- und 12 Abgängen, das hatte eigentlich niemand auf dem Zettel. Außer Präsident Helmut Hack, der wieder einen kleinen Millionenbetrag an Transfererlösen erzielte, um in den neuen Kleeblatt-Campus und das Nachwuchsleistungszentrum zu investieren. Insofern: Chance, dass es mit einem immer stärker werdenden professionellen Umfeld Stück für Stück bergauf geht.
 

Die Trainer: Wie macht sich der neue FCN-Coach Ismael? Und warum ist Kramer nach wie vor der Richtige für die Spielvereinigung?

Stefan: Ismael ist ein arkibischer Arbeiter und kommt sehr selbstbewusst und selbstreflektiert rüber. Er hat eine eigene Philosophie und ist von seinem Handeln überzeugt. Seine Art ist professionell-distanziert, dabei ist er im Umgang sehr höflich. Frank Kramer passt mit seiner unaufgeregten Art perfekt zu Fürth. Er ist kein Lautsprecher, sondern ein sachlicher Analytiker mit Sinn für Humor.

Martin: Der Gymnasiallehrer Frank Kramer trägt die Ausbildungsphilosophie des Vereins voll mit, ohne zu murren. Sicher würde er auch gerne zwei Saisons hintereinander mit dem Kern einer Mannschaft den Aufstieg anpeilen. Aber er kann die jungen Wilden führen und ihnen modernen Fußball beibringen.
 

Eure Prognose für die Saison?

Stefan: Nürnberg wird sich lange Zeit sehr schwer tun, der Erwartungshaltung gerecht zu werden, dabei aber einen langen Atem entwickeln, der dazu reichen sollte, im Saisonfinale noch ein Wörtchen um die Aufstiegsplätze mitreden zu können.

Martin: Ich will erst ein paar Spiele sehen, dann weiß ich, ob der Club aus den guten Individualisten mit einem No-Name-Trainer vorne mitspielen kann. Fürth wird erneut unterschätzt und landet wie immer auf einem der vorderen Ränge, wird aber nicht aufsteigen. Denn diesmal drängen mehr Mannschaften an die Spitze, die im Winter noch einmal den Geldbeutel aufmachen können, als in der Vorsaison.
 

Welcher Ligakonkurrent kommt den Franken in die Quere?

Stefan: Ich fürchte, dass das Aufrüsten von “Red Bull” Leipzig nicht ohne Folgen bleibt. Auch mit Braunschweig, Düsseldorf und Kaiserslautern wird zu rechnen sein.

Martin: RB Leipzig - wie hoch die gegen Paris St. Germain verteidigt haben, das war Powerfußball pur. Und dann wird es in Heidenheim und Darmstadt eklig, wenn es nach 70 Minuten noch Nullnull steht.
 

Welcher Spieler könnte diese Saison prägen?

Stefan: Erwartet wird es ja von Jan Polak, der als Pokalsieger von 2007 im und um den Verein herum noch großes Ansehen genießt. Zutrauen würde ich eine gute Saison aber auch Alessandro Schöpf und Niklas Stark, der als frischgekürter U19-Europameister als einer der wenigen mit einem Erfolgserlebnis in die neue Saison gehen kann.

Martin: Robert Zulj, der Österreicher. Er ist leiwand am Ball, trägt im Training ein Silberkettchen um den Hals und hat ein spitzen Ballgefühl. Er wird zunächst als Joker einige Spiele entscheiden, am Ende werden sie ihn auf Händen aus dem Ronhof tragen.
 

Und jetzt gleich das Derby … wie geht’s aus?

Stefan: Schlecht für den Club, befürchte ich. Weil Fürth einfach die bessere Derby-Mentalität hat und über den Kampf und Leidenschaft ins Spiel findet, und der Club wie eigentlich immer viel mehr zu verlieren hat – und so etwas lähmt mitunter die Beine ganz gewaltig.

Martin: Gegen den Glubb strotzt das Kleeblatt vor Selbstbewusstsein, doch das Derby endet zweimal Unentschieden, weil niemand verlieren will.
 

Wer hat das schönere Trikot?

Stefan: Ganz klar der Club. Die aufgedruckte weinrote Schärpe auf den neuen weißen Auswärtstrikots dokumentiert ja bereits das Schönheitsideal.

Martin: Das ist mir total wurscht. Im Prinzip gilt: Je minimalistischer ein Trikot, desto mehr steht es für harte Arbeit. Saucool war, als fünf Spieler das schwarz-blaue Auswärtstrikot der SpVgg vorgestellt haben - vor unserem Fotografen haben sie sich die Hosen bis zum Bauchnabel hochgezogen. Ich mag es, wenn Spieler über sich selbst lachen können. Das kommt im ganzen Profifußball viel zu kurz.
 

Ganz allgemein gefragt: Warum Nürnberg, beziehungsweise: Warum Fürth?

Stefan: Wenn man in Nürnberg geboren wurde, gibt es nur den Club. Aber ich hege große Sympathien für die Westvorstädter. Wie sie aus ihren begrenzten Möglichkeiten immer wieder über sich hinauswachsen, das muss man einfach anerkennen.

Martin: Fürth hat den Charme eines Stadtteils, den es in Nürnberg nicht gibt. Und ich mooch di Fäddä. Sie motzen viel und trotzdem mögen sie ihre Stadt.
 

2014/15 wird …

Stefan: … ein Übergangsjahr – weil der Club dann 2015/16 wieder in der Bundesliga spielt.
Martin: … eine spannende Saison, weil zehn Mannschaften um die ersten drei Plätze mitspielen. Die zweite Liga war vergangene Saison sportlich keine Offenbarung, diesmal wird es viel zu berichten geben für uns Tageszeitungen.
 

Welche Geschichte über einhundert Jahren fränkischer Fußballhistorie packst Du aus, um am Stammtisch zu punkten?

Stefan: Die von ‘Bumbes’ Schmidt, der Anfang der 50er Jahre die SpVgg Fürth trainiert und gegen den Club im Frankenstadion 7:2 (!) gewonnen hat. Nach dem Spiel aber hat er dann gesagt: “Die Tränen haben mir in den Augen gestanden, wie die gespielt haben! Und ausgerechnet die Blödel aus Fürth gewinnen das!” … Schmidt hatte zuvor für den 1.FCN gespielt und war halt immer noch bekennender Glubberer. Das sagt einfach alles.

Martin: Andersrum: Wenn ich noch einmal von irgendjemandem die Geschichte höre, dass es einmal eine Nationalmannschaft gab, die nur aus Fürthern und Glubberern bestand, und die einen vorne im Zug und die anderen hinten saßen, den stelle ich vom Platz. Beide Vereine tun gut daran, sich mit der Gegenwart auseinander zu setzen, denn ruckzuck haben einen die anderen überholt. Wer hätte denn gedacht, dass der Rekordmeister 1. FCN nach 40 Jahren keine Rolle mehr im Kampf um Titel spielt? Stattdessen haben wir jetzt Wolfsburg, Hoffenheim und bald RB Leipzig im Oberhaus. "Wer will das sehen?", kann man fragen. Man kann aber auch fragen: "Was haben die richtig gemacht, was die anderen nicht konnten?"
 

Zum Abschluss: Dein liebster Fangesang oder Schlachtruf?!

Stefan: Iiich bin a Glubberer.. und ich werrs a immer bleim … Ogmalt hob ich schwarz und rout mei Fensterscheim ... Mei Nachbarn soong ich ghörrad in a Dherabie … Und an jeds Münchner Auto bruns mer a weng hie!

Martin: Ultras sind die aktivste und interessanteste Jugendsubkultur der vergangenen Jahre. Da ich kein Jugendlicher mehr bin, empfinde ich es oft als anstrengend, ihren Indiandergesängen akustisch ausgesetzt zu sein. Beeindruckt hat mich die Stimmung der Dynamo-Fans in Dresden – es war einfach nur verdammt laut. Ich würde mir eher einen spielbezogenen Support wünschen: Spielt die Mannschaft schlecht, wird sie nach vorne gepeitscht. Spielt sie gut, wird applaudiert. Das kitzelt dich doch auch als Spieler viel mehr. Und darum soll es doch gehen, oder? Aber das ist eben auch Fußball - er gehört allen. Und für jede Gruppierung bedeutet er etwas anderes.


LINK-TIPP: Hier kann man Artikel über den Club und übers Kleeblatt online lesen – auch die von Stefan und Martin:
» zum 1. FC Nürnberg
» zur Spielvereinigung Greuther Fürth



 

2. FUßBALL-BUNDESLIGA: 2. SPIELTAG ... DAS FRANKENDERBY!
Montag, 11.08.2014 // 20:15h

SPORTPARK RONHOF
Laubenweg 60
90465 Fürth
www.greuther-fuerth.de




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#FCN, #Fußball, #Interview

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