Philipp Selig | Angeflickte Tiefenbohrung

FREITAG, 14. OKTOBER 2022

#Altholz, #Bildhauerei, #Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Nähen, #Philipp Selig

Einen hab ich noch: Der Kollege hat sich Anfang 2020 für LOCKED IN angemeldet und war dann fast zwei Jahre einfach still, nix gehört und gelesen hab ich von der untreuen Tomate. Dieses Frühjahr dann die erlösende Nachricht, ihm geht’s gut, er ist dabei. Hier also die Nummer 62, unser später Heimkehrer; Ladies and Gentlemen: Philipp Selig.

Der Kerl näht Holz. Allein das ist schon bemerkens- und liebenswert; aber er näht auch alles andere zusammen, das ihm so in die Finger kommt, Haustechnikschilder, Blechstreifen, Schuhe, Jacken, Stein. Mit Kabeln, Schnüren, Metallfäden, Kunststoffbändern, und was nicht sonst alles. Rauskommen kann dabei alles, Häuser und Menschen, Tiere und riesige Papierflieger, Marionetten und Bildinterpretationen, oder eine Bananenschale in Bronze (ausnahmsweise nicht genäht). Doch Philipp ist mehr als nur ein moderner Dr. Frankenstein mit humanistischer Monumentalnadel, die Nähte sind kein Selbstzweck, sondern Mittel zu seiner persönlichen Poesie. Und er braucht auch keinen Blitzeinschlag, um die rührenden Gestalten zum Leben zu erwecken, sondern stattet sie mit oft lustigen, oft zärtlichen Geschichten und Persönlichkeit aus, die durch Material und Form eine interessante Fähigkeit entwickeln: Räume zu wärmen und wohnlicher zu machen. Vielleicht nicht die schlechteste Eigenschaft in den aktuellen Zeiten.

Im Interview erzählt Philipp von der Einsamkeit der Pandemie, neuen Freunden und Nürnberg als Stadt des Proletariats.

Marian Wild: Du nähst gerne Dinge zusammen, die man normalerweise nicht zusammennäht, wie Stein oder Holz. Wie verändert sich ein Gegenstand, wenn man ihn näht?
Philipp Selig: Ich glaub nicht wirklich, dass der Gegenstand sich durch das Vernähen verändert ... wenn er sich verändert, dann nur durch die Zeit und Auseinandersetzung mit ihm. Aber der Gedanke, dass alles, was man näht, zu einem Flicken wird, ist schon ziemlich lustig; auf jeden Fall könnte man dadurch einige Löcher stopfen ... (lacht)

Du arbeitest mit Fundstücken von der Straße, mit Abbruchmaterialien oder ausgemusterten Geräten wie Straßenlaternen oder Hydranten. Da steckt auch eine Vorstellung von Nachhaltigkeit drinnen, du verwertest vieles neu. Schenkst du den Objekten damit etwas?
In erster Linie beschenke ich mich dadurch selbst: Jedes Mal neues Spielzeug! So altruistisch bin ich dann leider nicht, dafür aber recht vergesslich und freue mich immer wieder über die Augenblicke, in denen ich die Teile fand und später wieder in meinem Rucksack neu entdeckte und mich dann die Frage erschleicht, woher das eigentlich ist, oder was es einmal war. Man könnte auch behaupten, dass ich verschmähten Sachen durch Aufmerksamkeit ein neues Leben einflöße, aber für mich ist es wirklich viel mehr Zeug zum Spielen. Die Frage, was es mal war, und vor allem, wofür es da war, oder auch einfach ein Spektrum an Zeit, das man dadurch beobachtet: Rostausgefressene Bodenbleche, Spuren von Arbeit, auf unterschiedlichste Arten im Material. Die Farben, die uns auf Baustellen täglich im öffentlichen Raum begegnen, das Finden von Straßenkehrmaschinenborsten oder von Bremsbacken im Rinnstein.

Viele deiner Arbeiten reflektieren den menschlichen oder tierischen Körper, manchmal abstrakter, manchmal ganz direkt nachgebaut. Die entstehenden Figuren erhalten durch die schiefen Hölzer etwas sehr Lustiges und gleichzeitig Rührendes. Woher kommen diese Wesen? Sind es Bekannte, Freunde, Verstorbene?
Schwierige Frage ... Angefangen, figürlich zu arbeiten, hab´ ich, glaub´ ich, mit dem „dicken Mann mit ohne Hals“. Irgendwann wurde es recht einsam im Atelier, während des Studiums war irgendwie keiner mehr da. Und da fing ich dann an, mir einen neuen Freund zu bauen. Das wurde auch ein guter Freund, etwas schüchtern und verlegen, aber mit sehr viel Freude ... Dann tat es mir leid, dass ich irgendwann nicht mehr so viel Zeit für ihn hatte, also baute ich dem Freund einen neuen Freund, war aber selbst nicht ganz so gut drauf, eher gesagt: ziemlich motzig... Also bekam der neue Freund ziemlich viel davon ab. So viel, dass er nicht mehr stehen möchte, er hat auch zwei linke Füße und steigt bei jedem Schritt in ein Fettnäpfchen. Sein Name lautet „sitzender Motz“ und so sieht er auch aus. Irgendwann, nach dem ersten Lockdown (ich mag die Zeitrechnung), fiel es mir dann auch schwer, die beiden so still zusammen zu sehen. Im Lockdown war ja auch alles recht still, und man hatte nicht so viel zu erzählen. Aber ich hörte dann von den Maßnahmen während einer Feier im Freien: Man dürfe zwar an seinem Platz tanzen, aber hätte die Arme unten am Körper zu belassen, da der Ausdruck von Freude zu einer Ansteckung von unerwünschtem Enthusiasmus führen könnte. UNERWÜNSCHTER ENTHUSIASMUS! Einfach voll gut, passte einfach zu der Zeit! Und plötzlich waren der „dicke Mann mit ohne Hals“ und der „sitzende Motz“ auch nicht mehr so allein: Es kam eine zarte Figur mit meterlangen Beinen dazu, mit rotem Haar, einem bezaubernden Kleid und der Dreistigkeit, die Arme in die Luft zu erheben! Eine bezaubernde Dame mit dem Titel „unerwünschter Enthusiasmus“. Es steckt immer recht viel Persönliches mit drin, wenn nicht sogar etwas von mir.

Deine Bananenschalenarbeit könnte man als die sehr viel klügere Version des „Comedian“ lesen, der Banane, die 2019 auf der Art Basel an die Wand genagelt wurde. Hast du da einen Slapstick-Urwitz ausgestellt?
JA. Einfach JA. Danke fürs Bemerken. „Klüger“ würde ich aber nicht sagen, materialistischer eventuell, wenn man so möchte. Ich fand es einfach hart übertrieben und absurd: Da isst jemand so eine Kack-Banane, die irgendwer an eine Wand geklebt hat, und der Preis des Konzepts steigt nochmal um die Hälfte! Ist ja verständlich, dass eine Banane, die an der Wand klebt, Kunst ist, auch verständlich, dass eine Banane zu essen eine Performance sein kann. Was mich dahinter so verstört ist das Konzept von Wert. Hoffentlich essen die beiden auch Butter auf ihrem Brot.

Die Lage für freischaffende Künstler*innen ist aktuell nicht leicht, in Nürnberg fehlen immer noch viele bezahlbare Atelierräume, und die letzten drei Coronajahre haben viele kulturelle Strukturen und viel Sichtbarkeit wegbrechen lassen. Wie ging es dir in den Jahren und welchen Schluss hast du aus dem Ganzen gezogen?
Ich glaube, die Zeiten für Kunstarbeitende waren nie leicht. Vielleicht damals in Frankfurt oder Düsseldorf, als unglaublich viel Geld auf der Straße lag und man nur zum richtigen Zeitpunkt die Hand raushalten musste. Aber hier in Nürnberg war es immer ein Kampf, und das mag ich ... Es ist einfach eine Stadt der Proletarier, und da komme ich auch her, aus prekären, proletarischen Verhältnissen. Und deswegen weiß ich auch, dass Arbeit zum Ziel führt. Die Kulturverwaltung der Stadt wirft uns zwar immer wieder mal ein paar Kuchenkrumen aus dem Fenster zu, aber gut, es sind auch nur die Höflinge aus München, die nach wie vor versuchen, sich nicht zu vermessen. Deswegen steht und stürzt alles mit dem Ehrenamt und der Zivilcourage, und das hat hier auch Tradition mit dem ältesten Kunstverein und der ältesten Akademie. Sogar das „Künstlerhaus“ wurde aus der Bevölkerung heraus finanziert, was auch nur mit der Stadt ermöglicht wurde, weil München da halt schon ein, zwei Jahre früher dran war …

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Weitere Informationen zum Künstler: (KLICK!)




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