Zukunftsmuseum: Schweben im Stau

MITTWOCH, 1. JUNI 2022, ZUKUNFSTMUSEUM NBG



Kaum hatten wir in der Vergangenheit 252 curt Magazine herausgebracht, berichteten wir direkt und exklusiv aus der Zukunft. Nein, aus dem ZUKUNFTSMUSEUM – man muss schon korrekt bleiben. Extra dafür haben wir einen unserer schlaueren Mitarbeiter engagiert, den Theobald O.J. Fuchs, seines Zeichen Doktor der Physik und Röntgenforscher. Mit ihm in dieses Museum zu gehen, das ist schon sehr nerdig. Alles wird kommentiert, gewusst, besser gewusst. Und selbst kann man nur zuhören und sich wundern.
Ähnlich ergeht es uns mit diesem wissenschaftlich fundierten Fachartikeln. Aber lest selbst!

Meine Maschine kreist nun schon seit 45 Minuten über Ziegelstein. Ich kriege keinen Landeplatz. Klar habe ich längst beim Lampe Bescheid gegeben, der wiederum hat im Museum Bescheid gegeben, dass wir zu spät kommen würden für die feierliche Einweihung des neuesten Exponats. Was genau es ist, kann ich nicht wirklich sagen, wir schreiben das Jahr 2051 und ich fühle mich langsam aber sicher wirklich alt. In meinen Augen sieht eine neue Technologie wie die andere aus. Alles winzige Elektronikchips, irgendwelche stecknadelgroßen Quantencomputer-KI-Systeme, die vollautomatisch in meinem Körper oder Gehirn bestimmte Zellklumpen ansteuern, um einerseits bösartige Ecken auszuschalten und andererseits Wissen und angenehme Erlebnisse einzupflanzen.

Das neue Exponat wird an der Stelle stehen, wo zur Zeit der Eröffnung das fliegende Auto ausgestellt gewesen war. Das ist jedoch 30 Jahre her, auch das Museum der Zukunft ist in der Zukunft angekommen und die meisten Objekte von 2021 sind in der Tafelhalle gelandet, wo sie hingehören: im Museum für Technikgeschichte.

Inzwischen bezweifle ich ernsthaft, dass wir das neue Exponat heute noch in Augenschein nehmen werden. Es gibt keine freien Flying-Carports mehr in Ziegelstein, wo Chefredakteur Lampe mit Frau, siebzehn Urenkeln und drei elektronischen Chihuahuas von Boston Dynamics in einem denkmalgeschützten Reihenhaus wohnt. Ein schrulliger Alter, der die Nachbarskinder erschreckt, indem er sich aus Spaß von der eigenen Mülltonne vollautomatisch überfahren lässt.

In Ziegelstein reiht sich ein Hochhaus der größten Europäischen Banken ans andere. Es gibt keinen einzigen freien Slot für mein Quadrotaxo™, ein komplett autonomes graues Fluggerät, das von vier winzigen Turbo-Ventilatoren in der Luft gehalten wird und auf meine Sprachbefehle reagiert, sobald es eine Bluetooth-Verbindung zu dem paypal-Chip in meinem linken Handballen hergestellt hat. In Ziegelstein stapeln sich auf den verschiedenen Freiflugebenen die Multicopter, irgendeine große Konferenz findet statt, in irgendeinem der riesigen Türme aus Gold und Glas, und jeder Doldi meint, mit dem eigenen Quadrotaxo™ anreisen zu müssen. Die Luft brummt, der Himmel ist verfinstert.
Man hatte damals, um das Jahr 2030 herum, nicht damit gerechnet, dass es bei der Einführung fliegender Autos für Privatleute oder Fahrdienste größere Schwierigkeiten geben würde. Schließlich war es 2019 beim Auftauchen der eScooter in allen größeren deutschen Städten – bis auf winzige Unregelmäßigkeiten – zu keinerlei Problemen gekommen. Nur wenige Ältere erinnern sich noch an diese Zeit, aber in den historischen Berichten des Verkehrsministeriums steht zu lesen, dass die Menschen von Beginn an verantwortungsbewusst und vernünftig mit den elektrischen Tretrollern umgegangen waren. Sie hatten sich an alle Regeln gehalten, waren stets einzeln auf einem Gefährt auf der rechten Straßenseite gefahren, hatten Radwege – soweit vorhanden – genutzt, hatten sich ans Alkoholverbot gehalten und die Gefährte nach Fahrtende ausnahmslos an den markierten Sammelstellen abgestellt, so dass sie weder für Radler noch Fußgänger, etwa an den Straßenkreuzungen oder den U-Bahn-Aufgängen, ein Ärgernis dargestellt hatten.

Umso größer dann war die Enttäuschung, als nach der Freigabe des fliegenden Individualverkehrs das blanke Chaos ausbrach. Niemand hatte damit gerechnet, dass sich die Nutzer der Brummflügler so rücksichtslos und undiszipliniert verhalten würden. Es gab endlose Unfallserien, betrunkene Luft-Cowboys rumpelten in Glasfassaden und Hochspannungsmasten, Quadrocopter landeten auf den Bäumen des Reichswalds oder in den Strudeln der Pegnitz, auf jedem Schulhof qualmte das ausgebrannte Wrack eines Schulwegunfalls.

Zuerst wurden die Dinger wieder aus dem Verkehr gezogen, beim nächsten Regierungswechsel aber dann wieder erlaubt, schließlich wurde der Antrieb von Batterie auf Plutonium aus den Hunderten Kernkraftwerken umgestellt, die nicht mehr benötigt wurden, weil die Chinesen riesige Solarparks auf dem Mond errichtet hatten. Irgendwann gab‘s eine Wirtschaftskrise, da waren sie mal für zwei, drei Jahre verschwunden, bis dann, als sich die Ökonomie für immer erholte, der große Boom losbrach: Absolut jede Person auf der Welt schaffte sich ein fliegendes Auto an.

Die Luft wurde dick, wer konnte, vergitterte seine Balkone mit robusten Stahlkäfigen, Gartenbesitzer errichteten ganze Wälder von Metallspießen, die in den Himmel zeigten. Lampe benutzte noch eine Weile sein altes Teil, das mittlerweile als Oldtimer galt. (Er hatte wie immer die Garage jahrelang nicht aufgeräumt, da hatte sich das rare Teil, das noch sehr nah an den Entwürfen aus den 2020er-Jahren dran war, versteckt.) Und heute surren an einem Samstag so viele Quadrocopter über der Nürnberger Innenstadt, dass es aus der Ferne wie ein Fliegenschwarm aussieht.

Da die Energie praktisch kostenfrei aus radioaktiven Abfällen erzeugt wird, braucht man zum Parken nicht unbedingt mehr einen Stellplatz. Man lässt das Gefährt einfach über dem Laden schweben, den man aufsucht. Zum Teil bis in 800 Meter Höhe stapeln sich die geduldig wartenden Flugautos, während auf dem Erdboden unfassbar viel Platz für all diejenigen entstanden ist, die sich bei der Fortbewegung lieber auf Räder als auf Rotoren verlassen. Last but not least: die Unfallrate sank auf exakt Null.

Während ich einen weiteren Kreis über Ziegelstein ziehe, erinnere ich mich an den letzten Crash, von dem ich selbst gehört habe. Lampe natürlich. Hatte im betrunkenen Zustand gemeint, er müsste den Weg zu einem Meeting abkürzen, für das er bereits etliche Stunden zu spät dran war. Verfehlte prompt die Dachkante, krachte mit seinem Oldtimer durch die Scheibe, aber zum Glück in ein Zimmer neben dem Besprechungsraum, wo ein Haufen bunter Sitzbälle (eine dieser kindischen »New Work«-Ideen, als ob man kreativer wäre, wenn man die Schuhe auszieht und sich auf einem riesigen Gummiklumpen wälzt) seinen Absturz bremste.
Ein interessanter Gerichtstermin war das damals. Natürlich verlor er seine Flugerlaubnis, aber darüber hinaus wurde er verdonnert, sich eine digitale Aufpasserin anzuschaffen, eine KI, der er sagen muss, was er als nächstes vorhat, und die dann entscheidet, ob es gefährlich für die Allgemeinheit wird oder nicht. Der Grund für diese damals noch ungewöhnliche Strafe war vielleicht, dass anstelle des Richters oder der Richterin ein digitales Expertensystem das Urteil fällte. Wie ja überhaupt der reibungslose Flugverkehr von heute nur möglich wurde, weil die Computer den Menschen das Steuer aus der Hand nahmen. Jedes Fluggerät wird von einem autonomen Computer-system gelenkt. Einer KI, die mit allen anderen KIs auf der Welt vernetzt ist, so dass unsere Verspätung natürlich schon längst gemeldet, eine neue Vorhersage unserer Ankunftszeit berechnet und die ganze Party solange verschoben worden war, bis wir angekommen sein würden. Futur 2 wird im Zukunftsmuseum großgeschrieben.

Ohne uns kann es einfach nicht losgehen: Wenigstens das hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert.

---

CURT-LESER*INNEN-ZUKUNFTSQUIZ

Wie viele Rotatoren hat ein Quadrotaxo™?
A] 4      
B] 13      
C] nur 1, quadratisch

Was ist das coole Exponat im Zukunftsmuseum, von dem Theo in diesem Beitrag so intensiv schwärmt (siehe auch Bild rechts)?
A] Ein fliegendes Auge    
B] Ein fliegendes Auto    
C] Eine Fliege

Elektronischen Chihuahuas von Boston Dynamics sind ...
A] fliegende Fische    
B] Fliegen    
C] quadratisch

Die richtigen Antworten ergeben das zukünftige Lösungswort.
Viel Spaß!




___

Deutsches Museum Nürnberg – Zukunftsmuseum
Augustinerhof, 90403 Nbg
Öffnungszeiten: Di-So 10–18 Uhr. Montags geschlossen.




Twitter Facebook Google



20210318_machtdigital
20210304_Mam_Mam_Burger
20220601_Science_Slam
20220601_Staatstheater
20210201_Allianz_GR
20220615_texttage_nbg
20220601_nbg_dig_fest
20220613_sustainable_conference
20220601_NMN_Double_up
20220608_Lesen_Fürth
20220601_diff
20220601_stars_luitpoldhain
20220520_ION
20220601_Hofpfisterei
20220321_Woehrmuehle
20220601_klassik_open_air
20220401_esw_schorsch
20220613_E-Werk_40Jahre
20220601_Kaweco
20220201_berg-it
20220601_GNM
20220415_CURT-_25JAHRE