Joachim Kersten | Tief

FREITAG, 12. FEBRUAR 2021

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Joachim Kersten, #Locked in, #Malerei, #Schellack

Locked in | 048 – „…Durch unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten und -richtungen, durch nachtäglich ein- und aufgebrachtes Verdünnungsmittel oder durch den noch einmal nachgeschobenen, pigmentierten Schellack entstehen dunkle Chiffren auf rotglühendem Grund, schleierhafte, wolkige Organismen, die wie transluzente Körper in einem unendlich scheinenden Raum schweben.“
(Hans-Jürgen Stahl, Wie man einen farbigen Gedanken auf die Leinwand bringt, 2019)

Ein Schlund in die Unendlichkeit. Das war mein erster, zuckender Gedanke, als ich damals vor einem der großformatigen Werke von Joachim Kerstens roter M42-Serie saß. Warum war das in diesem Moment etwas derart Überraschendes, Verunsicherndes? Die Antwort ist sehr einfach und sehr schwer: Technisch gesehen arbeitet Joachim mit optisch „tiefem“ Material, mit gefärbtem oder schwarzem Schellack. Die entstehende Oberfläche ist glatt, kompakt, und abgründig, oder eher vollmundig. Man kennt solche Effekte aus der Natur: ein vereister See, ein zerborstener Lavastein, auch andere Halbedelsteine haben ähnliche Wirkung auf das Auge. Aber die meisten erzeugen keinen eigenen Raum. Das ist der schwierige Teil der Erklärung: Man kann bei der Betrachtung der organischen, rissigen oder geradezu rostigen Arbeiten einem existenziellen, intimen Gefühl begegnen, das sich vom Erschaffer nicht bewusst reproduzieren lässt. Es sind bei mir gerade die roten Bilder, die mich irrational schaudern lassen, die mich gleichzeitig neugierig machen und auch seltsam zufrieden, alles ohne dass ich je große Angst vor der Hölle gehabt hätte.

Im Interview erzählt Joachim vom Ausstellen in der Kirche, dem Künstler als Langestreckenläufer und dem Malen mit flüssigem Schellack.

Marian Wild: Dein blutroter Tunnel aus der M 42-Serie hat mich gefesselt. Nicht nur wegen der Intensität der Farbe, auch wegen des Materialmixes. Was verursacht aus deiner Sicht Schellack auf einer Leinwand, das Öl- oder Acrylfarbe nicht leisten kann?
Joachim Kersten: Ich arbeite fast ausschließlich mit Acryl Farben, die mir eine große Breite an technischen Gestaltungsmöglichkeiten beim Malen erlauben. Im Lauf der Zeit habe ich sehr viele Variationen ausprobiert. Von sehr dünnen, durchscheinenden Farblasuren, die in vielen Schichten übereinander liegen, bis zu dicken Texturen, wenn die Farbe mit Spachtelmassen und Hilfsmitteln komprimiert wird und mit reliefartigen Strukturen auf der Leinwand Akzente setzen kann. Ich habe mit Sand experimentiert, um die Oberfläche maximal aufzurauen und ich verwende Eisenpigmente, um Rost als gelblich-rötliche Farbe im Kontrast zum Acryl und als Textur in das Bild zu bringen. Der größte Kontrast zur eher stumpfen Acrylfarbe ist aber der Schellack. Ich verwende ihn nicht als hauchdünne Lasur wie in früheren Zeiten die Möbelbauer, sondern als honigdicken „Saft“, den ich aus den verschieden getönten Schellackflocken herstelle und dann mit Pigmenten einfärbe. Schellack ist ein Naturprodukt. Die getrocknete Oberfläche ist sehr dicht und glatt und zeichnet sich durch einen tiefen Glanz aus. Darunter liegende Farben werden in ihrer Intensität verstärkt. Diese Flächen scheinen von unten heraus zu leuchten. Es entsteht ein Raumempfinden, als würden Teile der Bildfläche schweben.

Dein Werk scheint mir insgesamt sehr divers: Wandinstallationen, die teilweise ins Environment, also in einen eigenen gestalteten Raum kippen, sehr zarte wie sehr strahlendfarbige Malereien, hintersinnige Konzeptarbeiten. Du warst an der Akademie Meisterschüler von Prof. Georg Karl Pfahler, einem der international bedeutenden Informell-Künstler Deutschlands und zweifelsfrei ein konzeptstarker Theoretiker und hochsensibler Farbensetzer. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen und wonach suchst du in deiner Kunst?
Die Zeit an der Akademie liegt jetzt schon sehr lang zurück und damit verklären sich natürlich auch die Erinnerungen daran. Aber neugierig zu bleiben und nicht nachzulassen an der eigenen künstlerischen Ausdrucksweise zu arbeiten, ist sicher ein Punkt, den ich von der Akademiezeit mitgenommen habe. Ich versuche, möglichst wenig in routinierten Abläufen stecken zu bleiben und möchte auch nicht erprobte Rezepte einfach nur immer wieder kopieren. Wichtig sind also zum Beispiel Momente, in denen ich von einer eigenen Arbeit überrascht werde und dadurch Wege und Lösungen aufscheinen, die bis eben noch „undenkbar“ waren. Vor einiger Zeit habe ich damit begonnen, neben der Malerei auch Ideen und Konzepte für Objekte, Rauminstallationen und andere Formate zu realisieren. Diese Arbeiten gehen zum Teil auf alte Skizzen und Beschreibungen in Notizbüchern zurück. Sie sind von Anfang an parallel zu den Überlegungen für neue Bilder entstanden. Immerhin geht und ging es in meinen Bildern auch stets um Räume, die auf der Leinwand allerdings allein durch die Farbe erzeugt werden. Die neuen dreidimensionalen Arbeiten erfordern natürlich eine andere Organisation und auch andere Fragen zur Umsetzung als die Leinwände. Meine Leinwandbilder kommen – weitgehend – ohne repräsentative Abbildungen aus. Das bloße Nachahmen realer Dinge interessiert mich nicht. Das Mimetische wird verbannt. Auch bei den Objekten, „Raumbildern“ und Installationen kommt es darauf an, eine emotionale Erinnerung zu erschaffen an Dinge, Erlebnisse und Geschichten, die der Ausgangspunkt für meine Arbeiten sind. Die Arbeiten bewegen sich also oft in einem „Zwischenbereich von Objekt und ungegenständlicher Darstellung“, wie es Barbara Leicht mal schön formuliert hat.

Die Installation „Glaube Liebe Hoffnung“, die 2017 in der Auferstehungskirche in Fürth gezeigt wurde, schien mir spontan die Eucharistie zu thematisieren, also die im Christentum postulierte mystische Verwandlung von Wein in das Blut Christi. Dein Blick auf diesen Vorgang ist hintersinnig, wegen der opulenten Zurschaustellung der roten Flüssigkeit in den verschiedensten Kristallgläsern. Wie waren die Reaktionen der Besucher auf dein Werk?
Der Ausgangspunkt für die Rauminstallation war eine Sammlung verschiedener Kristallglasvasen. Lange war ich unschlüssig, was ich damit anfangen sollte. Es ging los mit einer einzelnen, rot eingefärbten Vase auf einem Sockel und führte in einem langen Prozess zu dieser Rauminstallation. Farbe, die Wirkung von Farbe und ihr emotionaler Gehalt ist in meiner Arbeit ein wichtiger Punkt, meine Vorstellungen auszudrücken. Von dem solistischen Rot war es nur noch ein kleiner Schritt zum Dreiklang rot-grün-blau. Natürlich ist die Behandlung eines solchen Themas besonders von persönlichen Erlebnissen beeinflusst. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Eucharistie hatte ich aber tatsächlich nie im Sinn. Mit dieser Installation versuche ich, den allgemein bekannten Dreiklang Glaube-Liebe-Hoffnung mit anderen Formen neu zu definieren. Die kanonischen Farben bleiben erhalten, statt der abgedroschenen Symbole Herz-Kreuz-Anker verwende ich ein neues System von Formen und Materialien. Auch wenn die Farbe Grün, als Symbol für Hoffnung, zunächst den Raum dominiert, sind die zahlreichen roten Vasen das wichtigste Element. Sie stehen für die unterschiedlichen Formen und Möglichkeiten der caritas, also der Liebe. Alle Vasen sind in Größe und Form Einzelstücke und individuell mit verschiedenfarbigem, rotem Wasser bis zum Rand befüllt. Die mir bekannten Reaktionen beziehen sich erstmal auf die konzentrierte Anmutung des Raumes, auf die besonderen Lichtreflexionen und Spiegelungen der roten Vasen, die auf einer glänzenden Edelstahlplatte stehen. Es entsteht offensichtlich ein sehr beruhigter Raum, der sich insofern von anderen Arbeiten in Ausstellungen unterscheidet. Diese Ruhe, Besucher haben sich oft nur flüsternd unterhalten, bringt dann manchmal auch wieder eine Rückbesinnung der Betrachter auf weitergehende Fragestellungen im Zusammenhang von „Glaube-Liebe-Hoffnung“.

In den letzten Jahren scheint die Richtung der zeitgenössischen Kunst sich wieder einmal zu drehen, mir scheint in Richtung Konzeptkunst und auch Auftragskunst. Die aktuelle Krise wird vermutlich auch verschiedene Verwerfungen hervorrufen. Was ist dein Eindruck, wohin geht die Kunst in dieser Krise und danach?
Darauf eine allgemeine Antwort zu geben, fällt mir schwer. Wie und warum sich die Moden und Trends im Kunstbetrieb drehen und wandeln ist für mich eine Geheimwissenschaft, die wenig mit meiner täglichen Arbeit im Atelier zu tun hat. Und wie bisher auch schon, wird jeder Künstler unterschiedlich auf „seine“ Krise reagieren, sie ausblenden oder als Katalysator betrachten. Die Trends müssen dann später andere ablesen und bewerten. Was aber schon jetzt in der Luft liegt und in der Zeit nach der Krise wohl fast alle Künstler betreffen wird: Wenn die aktuellen Corona Hilfsprogramme für Künstler ausgelaufen sind und sich die allgemeine Lage wieder neu normalisiert hat, wird in der überschaubaren Zukunft für „die Kunst“ viel weniger Geld zu Verfügung stehen als bis zum Februar 2020. Ich fürchte es wird über Jahre negative Auswirkungen auf alle möglichen kulturellen Aktivitäten geben, zum Beispiel weniger Ausstellungen pro Jahr, weniger Aufwand dafür, weniger Geld für Kataloge und so weiter.

Danke für diese offene Einschätzung, wir machen uns ja von allen Seiten gerade nicht nur um die aktuelle Existenz der Kunst Sorgen, sondern natürlich auch um die Kollateralschäden, die am Horizont auftauchen können. Am Horizont tauchen bei Locked in – Locked out aber aktuell auch wundervolle neue Werke sehr vieler Kunstschaffenden auf, darum möchte ich gerne noch Fragen, ob du bereits ein Werk für unsere Ausstellung im Auge hast.
Ich arbeite natürlich weiter wie bisher auch. Künstler sind Langstreckenläufer und nicht nur das persönliche Auf und Ab sondern auch wechselnde öffentliche Umstände und Stimmungslagen gehören zu unserem Alltag. Neben einigen kleineren Arbeiten habe ich gerade zwei große Leinwände fertiggestellt, die gut zu dem Thema der Ausstellung passen.

Weitere Informationen zum Künstler: (KLICK!)




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