Sabine Schuster | Seidenpapier mit Schachtelfalz

FREITAG, 2. OKTOBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Sabine Schuster

Locked in | 029 – Die Hochhäuser der Minicity leuchten horizontal in den Raum hinein. Wie der Prototyp eines exzentrischen Lampendesigners glühen runde, kugelförmige, eckige und spitze Grundformen auf dem rechteckigen Eierkarton, und doch kann man sich sofort vorstellen, durch das Modell zu wandern, als Stadtteil im nächtlichen Singapur womöglich.

Städtebau ist nicht immer die erste Themenwahl bei Kunststudierenden, das Thema Architektur ist allgemein komplex und in sich nach außen und innen abgeschlossener als andere Bereiche der bildenden Kunst, ein spielerischer Umgang mit solchen Strukturen ist aber wichtig, weil es die Orte sind, in denen wir zusammenleben und uns treffen. Corona hat uns in den letzten Monaten deutlich gezeigt, was architektonische und städtebauliche Defizite den Leuten in Krisen antun: die Grünflächen sind bis heute stärker besucht als vor der Krise, viele Plätze sind trotz oft fehlender Alternativen zur Freizeitgestaltung genauso menschenleer wie vorher. Es lohnt sich also nachzudenken, warum das so ist. Sabine Schusters architektonischer Ansatz erwächst erstaunlicherweise aus dem Malerischen, nämlich der Frottagetechnik, und den dreidimensionalen Eigenschaften, die sie dem Seidenpapier einbeschreibt. Ziegelsteine, Beton, Natursteine, verschiedene Putze, das alles kann man in ihren Malereien und Objekten erkennen, die spezifische Atmosphären einfangen. Der Übergang zur Plastik ist dabei konsequent. Für den „Kunstautomaten“ (der regelmäßig mit neuen Kunsteditionen bestückt wird) entwickelte sie 2018 eine bemerkenswerte gattungsüberschreitende und inzwischen ausverkaufte Serie: Es war eine Mischung aus Frottage und Falttechnik, durch die das Bild zusammengeklappt als Schachtel, geöffnet als Zeichnung wirkt, mit zwei sich überlagernden Rastern, dem der Faltung und dem der Frottage; andernorts hängen grünleuchtende Kugeln wiederum wie futuristische Habitate im Raum. Es sind Malereien, die manchmal zu Stadt werden.

Im Interview erzählt Sabine von haptischen Reizen, Verschiebungen der Realität und Pop-Up-Ateliers.

Marian Wild: Die Oberfläche deiner Bilder wirkt oft organisch, ich sehe mitunter verwitternde Steine und alternde Wandflächen darin. Auch in deinen Installationen beschäftigst du dich mit Architektur. Was fasziniert dich am Baumaterial und an der Architektur?
Sabine Schuster: Das Material ist für mich immer Ausgangspunkt in meinen Werken, egal, ob es sich um die Frottagen auf Seidenpapier, Objekte oder Malerei handelt. Städtebau und Stadtentwicklung sind vielleicht nicht mein Hauptschwerpunkt, interessieren mich aber dahingehend, dass hier Strukturen geschaffen werden, die den Menschen die Möglichkeit geben, sich in ihre Höhle zurückziehen und sich gleichzeitig vernetzen zu können. Letztendlich ist – abstrakt betrachtet – eine Stadt eine Ansammlung von organisch gewachsenen Formen, die mich aus ästhetischen Gesichtspunkten interessiert. Natürlich kommunizieren Städtebau und Architektur auch immer etwas über die Gesellschaft. Untersucht habe ich das zum Beispiel während des Engineering Projects der Zentrifuge, wo ich ein Modell für das Jahr 2050 entworfen habe. Trotzdem sind alle meine Arbeiten stets menschenleer! Meine Installationen und Minicities sind also ein spielerischer Umgang mit den Formen und dem Material, eine Art skizzenafter Modellbau, der sich mit Utopien und Dystopien auseinandersetzt und mir letztendlich auch einfach Spaß macht.

Eine der in der Galerie gezeigten Arbeiten ist eine Gabe aus dem wie ich finde großartigen Kunstautomaten in der Nürnberger Sterngasse. Da konnte man für ein paar Euro eine kleine Schachtel ziehen, in der ein Werk des aktuell im Automaten bestückten Kunstschaffenden deponiert ist. Deine Frottagen, die inzwischen ausverkauft sind, ergänzen sich wunderbar mit den Knickspuren des Papiers. Was macht diese Art der Verbreitung mit einem Kunstwerk?
Das serielle Arbeiten zwingt einen, das Motiv auf ein Minimum zu reduzieren – hier habe ich mich für das Naheliegende entschieden: Die Pappschachtel, die die Kunstwerke für den Kunstautomaten beinhaltet, wird selbst zum Motiv, in aufgeklapptem Zustand. Gleichzeitig habe ich die Maße der Außenkanten als Maß für die Faltung genutzt. Das zwingt einen, konzeptionell vorzugehen. Es war mir aber ebenfalls wichtig, den Käufern der Minifrottagen das haptische Erlebnis des Seidenpapiers mitzugeben, das für meine Frottagearbeiten als Trägermaterial dient. Die 24 Arbeiten ähneln sich durch das wiederholte Durchreiben der Schachtelstruktur stark, andererseits ist jedes Werk aufgrund der Technik ein Unikat.

Du hast vor dem Kunststudium unter anderem Archäologie in Erlangen studiert. Wie verändern diese Eindrücke die künstlerische Haltung? Ich erinnere mich noch gut an die hochwertige Gipsabgusssammlung dort …
Da ich schon immer eine Sammlerin alter, benutzter und vom Großteil der Menschen unbeachteter Dinge war lag das Archäologiestudium neben dem Kunstgeschichtsstudium meinen Interessen nahe. Trotzdem habe ich mich sehr bald zu einem Kunststudium an der Akademie entschieden, da das eigene Gestalten wichtiger für mich ist. Vermutlich ist es kein Zufall, dass ich die Frottage für mich entdeckt habe: Es ist auch eine Technik in der angewandten Archäologie, um Strukturen (Reliefs, Grabinschriften oder ähnliches) mittels Durchschraffieren abzunehmen. Durch das Mitnehmen von örtlich fixierten Strukturen und Formen kommt es zu einem Displacement-Prozess (die Verschiebung eines Gegenstands in einen anderen Kontext, Anm. d. Interviewers), den ich grundsätzlich interessant finde. Ich kann also in mein Atelier Motive oder Gegebenheiten eines anderen Ortes mitnehmen, das Material nutzen und etwas völlig Neues entstehen lassen. Und ja – das Archäologie-Institut in Erlangen ist ein wunderbarer Ort der Ruhe – mittlerweile gehe ich aber nur noch mit meinen SchülerInnen zum Zeichnen hin.

Durch die aktuelle Krise sind wir stark auf unsere eigene Wohnung zurückgeworfen, einigen wird wohl momentan auch klar, welche architektonischen Defizite da so herrschen. Wie geht es dir aktuell in deinem Zuhause und mit der Quarantäne insgesamt? Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?
Durch verschiedene Lebenssituationen habe ich mir bereits vor Jahren angewöhnt, mich auf die jeweilige (Orts-)Situation einzustellen und die Gegebenheiten sogar bestenfalls in meine Arbeiten einfließen zu lassen. Dazu kommt, dass ich vorletztes Jahr mit dem Konzept des „Temporären Ateliers“ begonnen habe: Die Grundidee ist es, für eine begrenzte Zeit einen anderen, für mich neuen Ort aufzusuchen, um dort inspiriert von den dortigen Gegebenheiten künstlerisch etwas entstehen zu lassen – so eine Art Selfmade-Artist-In-Residence. Paris war meine erste Station, doch wegen Zeitmangel und der jetzigen Situation muss ich im Moment pausieren und deswegen habe ich mir zuhause ein kleines, temporäres Atelier eingerichtet. Dort male ich aktuell kleine Bilder und vor allem zeichne ich täglich in mein „Corona-Skizzenbuch“, eine Art Quarantänetagebuch. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mittlerweile wieder regelmäßig in mein Atelier auf AEG fahre, um dort an Großformatigem zu arbeiten. Eigentlich bin ich gerade dort von der Außenwelt richtig isoliert und kann mich voll auf die Kunst konzentrieren. Krasser an der Situation finde ich aber, dass der Austausch zu anderen Leuten und die Inspirationsquellen des Kulturlebens weitestgehend fehlen. Auch der Überlebenskampf unserer Kulturschaffenden in der Region geht mir im Moment sehr nahe.

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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