Otakar Skala | Remix der Gegenwart

DONNERSTAG, 16. APRIL 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in

Locked in | 004 | – Ein blutender Kopf, der das Eis langsam rot färbt. Ein mit grobem Tau gefesselter Körper, Orchideen dazwischen eingeklemmt, Honig und eine weiße Flüssigkeit läuft von der ganzen Szenerie herab. Der Soundtrack dazu: Bedřich Smetanas „Moldau“, das berühmteste Musikstück des tschechischen Komponisten und eine weltbekannte Melodie. Wenn Otakar Skala eine Medienarbeit oder eine Performance vollzieht, scheint es keine Tabus zu geben, schonungslos lässt er uns Zuschauer oder die Kamera ganz nah an ihn herankommen, die Intimität verstört mitunter.

 Das ist in der Performance-Tradition einer Marina Abramovic einer der Goldstandards, in ihren aufsehenerregenden Darbietungen wäre sie mitunter um ein Haar vergewaltigt, verstümmelt oder ermordet worden. Diese Radikalität macht ihr Werk authentisch, und doch könnte man niemandem mit gutem Gewissen raten, diesen Weg einzuschlagen. Otakar erreicht diese Authentizität mitunter, er geht einen experimentellen Weg, manchmal warten Rückschläge, manchmal entstehen großartige Bilder wie in „neo“: Der Künstler, in hochhackigen Pumps und Netzhemd, zielt mit einer Pistole auf einen Blumenstrauß, welch ein Angriff auf das Schöne und Harmlose! Das Private ist Politisch in diesen Arbeiten, innere Haltung ist äußere Handlung. In der Wandarbeit „Neon“ bildet das Leuchtkabel einen surrealen Irrgarten, an der Wand befestigt mit schwarzen Pflastern. Legt man Strom an werden die Klebestreifen zu Wortlücken, und die Kurven zu Wörtern, in all der medialen Überforderung unserer Zeit entsteht so eine beinahe klassische Konkrete Poesie.
Es sind Remixe unserer Zeit, die in den Werken überspringen, und auch im ersten Trailer für seinen LOCKED OUT Beitrag verbinden sich seine Eindrücke der Corona-Krise zu einem vielstimmigen multimedialen Chor zwischen Hysterie und Stille.
 



Im Interview erzählt er uns von Schubladendenken, safe spaces und der Bedeutung des Zuschauers für die Performance:
 
Marian Wild: Du bist aktuell während der Quarantäne bei deiner Familie in Tschechien, hier ist auch der Trailer für dein "Locked in - Locked out"-Projekt entstanden. Wie ist die Stimmung bei euch in der Familie, und wie stark bekommst du die Krise aktuell in der analogen Welt mit?

Ich glaube, dass es bei uns daheim gerade eine ähnliche Situation wie gerade überall auf der Welt gibt. Wir wissen nicht wie lange dieser Zustand noch dauert, wir wissen nicht mal wie es in den nächsten Tagen ausschaut und ob es noch Klopapier geben wird. Die Lage in Tschechien ist vergleichbar mit der in anderen Staaten. Was es aber hier noch „besser“ macht ist unser Ministerpräsident Babiš, der sich diese Pandemie zu seiner eigenen politischen Kampagne macht [#überLeichengehenbekommtneuesFormat].
Aber von den ganzen schlimmen Dingen abgesehen muss ich eigentlich sagen, dass so eine Zeit, wo man sich zurück auf Familie und sich selbst besinnen kann, mir nicht schlecht tut.
 
Du beschäftigst dich in deiner Kunst stark mit gesellschaftlichen Rollenbildern, mit queeren Lebenswelten und mit der Rolle des Digitalen in der Kunst. Aktuell wird das Digitale immer wichtiger, du warst deiner Zeit also voraus. Wo ist ein Handyremix anders als ein klassisches Video?

Da würde ich gerne erst etwas sagen...
Klar, kann man meine Arbeit als Beschäftigung mit Rollenbildern und Queerness bezeichnen oder sehen, aber in erster Linie geht meine Praxis von der Beschäftigung mit mir selbst und meiner Umwelt aus. Wenn man von gesellschaftlichen Rollenbildern spricht, ist es nichts Besonderes sich damit zu beschäftigen. Jeder von uns nimmt verschiedene Rollenbilder ein. Jeden Tag. Man verhält sich anders daheim als auf der Arbeit oder mit Freunden, auf einem Date oder wo auch immer. Man ändert sich selbst dadurch und nimmt verschiedene Rollen auf der daily basis ein. Wo ist der Unterschied, wenn man es bewusst macht?
Was „queere Lebenswelten“ angeht... Leider gibt es diese Bezeichnung. Heutzutage wollen wir alles in bestimmte Kategorien stecken, so dass wir eine klare Übersicht haben. Die Welt und die Gesellschaft kann man nicht so sehen. Sollte man zumindest nicht. Wir sind alle Menschen und das bedeutet, dass auch jeder unterschiedlich ist und jeder unterschiedliche Ansichten und Meinungen hat. Warum sollte man das aufteilen (müssen)? Es gibt keine „queeren“ Lebenswelten. Es gibt Lebenswelten. So wie es nicht „queere“ Menschen gibt, sondern Menschen.
Aber zurück zu deiner Frage. [Lachen]
Es gibt manche und es gibt keine Unterschiede zwischen klassischem Video und Handyvideo. In erster Linie sind es beides Mittel, die man benutzen kann um etwas auszudrücken. Und wenn man begrenzte Ressourcen hat, wie gerade eben, muss man damit klar kommen, was man nutzen kann.
Aber der größte Unterschied liegt darin, dass ein klassisches Video auch meistens „klassisch“ präsentiert werden muss oder wird, so dass man als Betrachter die entsprechende Wirkung hat. Man braucht die große Projektionsfläche und den „guten“ Sound. Bei einem Handy-Remix-Video hat man das Format, welches man tagtäglich in der Hand hält. Es spielt sich auf dem Medium, welches man heutzutage am meisten benutzt, ab. Man kann es somit überall sehen und hat dieselbe Wirkung. Es ist viel direkter und persönlicher.
 
Deine Performances leben ja auch davon, analog im öffentlichen Raum mit Besuchern stattzufinden. Denkst du als Performer, dass man Performances auch ohne diese Öffentlichkeit sinnvoll durchführen kann? Wie würde das aussehen?

Natürlich kann man sinnvoll Performances auf die Art und Weise durchführen. Ich bin aber leider kein Vertreter davon. Wenn ich eine Performance mache oder plane, denke ich meistens an die Betrachter und derer Sicht. Da bin ich sehr „klassisch“. Eine sehr klar gezogene Grenze zwischen mir und dem Publikum brauche ich als safe space. Sonst wird es mir unangenehm und ich fühle mich sehr unsicher. Denn wenn ich auf der „Bühne“ bin, habe ich quasi alles unter Kontrolle und für mich, einen totalen control freak, muss es so sein. [Lachen] Davon abgesehen, dass ich den spotlight bei einer Performance nicht teilen will. [mehr Lachen]
 
Du arbeitest in deiner Kunst sehr schonungslos und mutig mit deinem eigenen Körper, deinem Privatleben und deinen eigenen Erfahrungen. Gibt es Dinge, die du vor dem Publikum zurückhälst, oder anders gefragt, gibt es eine Grenze, an der du stoppen würdest?

Ich habe mehrmals versucht mir so eine Frage zu stellen, da es auch schwierig ist die ganze Zeit persönlich in den Arbeiten zu sein. Aber andersrum ist es auch einfach, da ich immer ich bin und so direkt, wie es nur geht. Also muss ich nichts vortäuschen.
 
Aber wo und ob es so eine Grenze bei mir gibt... Ich weiß es nicht.
 
Das einzige, was ich bei meinen Arbeiten immer wieder sehe und feststellen kann ist, dass ich immer bestimmte Filter auf die Sachen und Emotionen in meinen Arbeiten lege. Und die meisten Betrachter sehen nur den obersten Filter. Was aber auch nicht bedeutet, dass es nicht die ehrliche Seite wäre. Da frage ich mich selbst ob es so etwas, wie „ohne Filter“ überhaupt gibt. Wann ist man einfach man selbst und täuscht nichts vor?
Ich verstecke immer wieder persönliche easter eggs in meinen Arbeiten. Ist ein Hobby von mir [Lachen]. Die meisten passieren auch unbewusst, also ich finde immer wieder Sachen in meinen Arbeiten, die mich selbst überraschen [Lachen].
 
Ob das jetzt eine „gute“ Antwort war, weiss ich auch nicht. [Abschlusslachen].
 
(Das curt-Team findet schon. :D )
 
Weitere Informationen zum Künstler (KLICK)




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