Andis Katerfrühstück_4 - China, Brückenfestival, Pharrell Williams

MONTAG, 12. AUGUST 2019



Der curtblick auf die Woche vom 05. bis 11.08.

Hat auch mit Nürnberg zu tun, wenn auch erst auf den zweiten Blick: Shenzhen wird zur Modellstadt für den Sozialismus chinesischer Prägung. Jawohl. Als die Stadt im Süden Chinas, Metropolregion Greater Bay Area, 1997 Städtepartnerin der Stadt Nürnberg im Süden Deutschlands wurde, hatte sie gerade mal läppische 6 Millionen Einwohner. 2019 sind es 12,5 Millionen. 1979 waren es noch 30.000. Da hat der Chines‘ den Franken mal eben lässig überholt, könnte man sagen.    
Das hängt vor allem damit zusammen, dass die ziemlich genau 9.000 Kilometer entfernte Partnerin ihrerseits das chinesische Silicon Valley darstellt, wo Huawei, ZTE und Tencent zukunftsmäßige Technologie zusammenschrauben, während das mit der Technologie hier bekanntlich Vergangenheitsschmonz ist, aufrecht erhalten von radikalgeomretischen Gebäuden und Geländen, in die sich die kreative Szene erfolgreich unterstützt von curt einzeckt. Im Endeffekt heißt das Spendenlohn statt Hungertuch und viel auf Sofa liegen und Radler süffeln statt 72-Stunden-Tag, äh, Woche, von daher: mal wieder alles richtig gemacht.

Apropos Radler süffeln bzw. Weinschorle: Ganz Nürnberg hat an diesem Montag noch immer den Ohrwurm und summt und murmelt in den Büros vor sich hin, Brü-Brü-Brü-Brückenfestival-Brückenfestival… Das vollkommen umsonste Open-Air an der Theodor-Heuss-Brücke ist ja eh so ein Highlight aller Weinschorlensüffler und Musikgernhörer, ein Event, wo man hingeht, weil man weiß, dass das gut ist, weil mit Liebe und Herzblut und tollem Line-Up gesegnet. Der Moment, der denjenigen, die da waren aber sicherlich am präsentesten im Gedächtnis bleiben wird, war natürlich meine Lesung bei Kabeljau&Dorsch, nein Unsinn, das Unwetter. Puts Marie, die Armen, standen schon Sound checkend auf der Bühne, als am Freitagabend so absolut plötzlich alle Wolken begannen, heftigst auszuspucken. Aber dermaßen. Die Menge triebs unter die Brücke, in irriger Hoffnung, dort trocken stehen zu können. Der Wind peitschte ihnen den Regen schräg in die verdutzten Gesichtlein. Und mit jeder Böe, die Kanister über uns ausleerte, hallte ein Quietschen und Kreischen von den Brückenwänden, das ein bisschen von Panik erzählte und ein bisschen von Lust. Und über allem, in stoischer Wiederholung, die Lautsprecherdurchsage (von Bird Berlin?): Bitte verlasst das Gelände. Smells like Extremwetterlage.

Sommerloch hätte ich hingegen fast geschrieben, um auf den kleinen Jauchzer hinzuweisen, der über Nürnberg hinwegfegte, als in einem Nürnberger Sushirestaurant niemand geringeres als, jetzt kommts, Lothar Matthäus?, nein Quatsch, Pharrell Williams gesichtet wurde. Hat natürlich, so wie irgendwie immer, wenn so ein minderwertigkeitskomplexeunterstützender Star-Alarm ausbricht, mit Adidas zu tun, das Popkulturheldinnen und -helden anlockt wie Speck die Mäuse oder Geld halt Menschen. Und einige dieser Mäuse verirren sich dann in schöner Regelmäßigkeit vor Normalverbraucher-Handykameras in der Metropolregion. Zuletzt gesichtet: Adriana Lima, Selena Gomez. Diese Jagd hört nie auf und es wäre doch vielleicht mal reizvoll, das nur so als Idee oder Auftrag, die Trophäen dieser Jagd zu präsentieren in einer medial kritischen Bilderausstellung. Neues Museum? Ich würde hingehen.
Jedenfalls: Hat mit Sommerloch gar nix zu tun, weil das ist fucking Pharrell Willimas, da kann man schon mal hysterisch werden und hat alle guten Gründe auf seiner Seite.  
 
Gesprächsthema in dieser Woche lieferte der bislang vollends unbekannte CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann, indem er so unbeholfen wie juristisch fragwürdig formulierte, wer nicht gscheit Deutsch kann, der habe in der Grundschule ja nix zu suchen. Und weil der das so blöd knackig-populistisch und statistisch schludrig rausdampfte und dann doch nicht so meinte oder wie auch immer, wird am Ende natürlich wieder eine Meta-Medien-Diskussion draus, die pfeilgrad vorbei geht an der Sache mit den SchülerInnen, die freilich am besten in die Schule kommen, wenn sie das einigermaßen können und freilich nicht segregiert werden sollten von Gleichaltrigen und drittens ja auch irgendwie, wenn ich mich nicht täusch‘, da hingehen, um was zu lernen. Und dafür gibt’s zum Beispiel Deutschförderklassen, so heißt das in Nürnberg und anderswo anders, muss man wissen.
Womit wir beim Eigentlichen wären: Murat Akgül scheint mit der deutschen Sprache keine Probleme gehabt zu haben. Der Mann lebte 30 Jahre lang in Nürnberg, hatte einen Arbeitsplatz und eine, deutscher geht’s kaum, Eigentumswohnung, als die Polizei anrückte und den türkischen Kurden abschob. Akgül war beim im Rahmen von Demos wohl beim Schwenken einer YPG-Fahne erwischt worden, also des Symbols einer mit dem Westen verbündeten Miliz im Krieg in Syrien. Andererseits steht die YPG der in Deutschland verbotenen PKK nahe und das macht den Nürnberger Akgül in den Augen des Staatsschutzes zum Extremisten. Sounds like Erdogan, dem und dessen Paranoia mit solchen Praktiken natürlich auch noch zugearbeitet wird. Die ganze Geschichte hat die NN aufgeschrieben.

Entschuldigung, ich verfranste mich im Politischen, das soll so nicht sein und wird nicht wieder vorkommen. Es gibt ja immer viele schöne Dinge in dieser Stadt. Curt bleibt dran und hält euch auf dem Laufenden. Und ich verbleibe mit einem leicht wehmütigem Brü-Brü-Brü.

Es kann weitergehen. 

Euer,
Andi
 
 
 
 




Twitter Facebook Google



20191201_Staatstheater_50Abos
20191201_Blaue_Nacht_2020
20191201_Umweltbank
20191118_ARENA_Premium_Paket