Horror, Horror, Wahnsinn!

8. DEZEMBER 2018 - 21. JULI 2019, STAATSTHEATER

#Dieter Stoll, #Kritik, #Kultur, #Staatstheater Nürnberg, #Theater

Macbeth – Philipp Preuss macht in Nürnberg aus dem Shakespeare-Klassiker eine verrätselte Kurzfassung und schickt das Fragment in die Endlosschleife.

Nürnberg, 9. Dezember 2018. An Kronen mangelt es in dieser gespenstischen Versammlung von gierigen Häuptern, wie sie Regisseur Philipp Preuss am Nürnberger Schauspielhaus für seine Inszenierung von William Shakespeares „Macbeth“ organisiert hat, wahrlich nicht. Letztlich darf, ja soll jeder Anwesende auf der Bühne mal danach greifen, so wie er auch die vorübergehend verfügbare Titelrolle instandbesetzen kann, und zum späteren Gruppenbild der sechs konkurrierenden Akteure hat die Königsdramen-Requisite sowieso hochkarätige Kopfbedeckungen für alle. Erst wenn der vorübergehende Scheinsieger im zunehmend brutaler ausgetragenen Wettkampf die Macht an sich reißt, also in einer grotesken Anmaßungsattacke das ganze Geschmeide rundum als Zeichen der Selbstermächtigung zur mehrstufigen Juwelenhut-Pyramide für den Eigenbedarf stapelt, wird es richtig problematisch. Die märchenhafte Logik der Geschichte des Feldherrn Macbeth, wie sie ein bislang in dessen Nähe noch nicht gesehener Narr als bizarre Schauergeschichte mit milde höhnender „Es war einmal“-Verzierung erzählt, erlaubt solche Wendungen. Schließlich tragen die Figuren der selbstbewusst eigenartigen Fassung von Shakespeares Tragödie abwechselnd Fragmente des übergewichtigen Schicksals, das da in mehrdeutigen Weissagungen und verhängnisvollen Lockrufen für Anarchie mit Ansage sorgt, durch den Abend und die anhängende Weltgeschichte. Nicht wie ein Staffelholz, eher wie einen Bumerang. Es kommt alles zurück und fällt dem nächsten Akteur zur Weiterbearbeitung vor die Füße: „Horror, Horror, der Wahnsinn hat sein Meisterstück vollbracht“. Die Spirale der Gewalt lässt Philipp Preuss absichtlich immer an der gleichen Stelle bohren, nur die Epochen wechseln und das Personal wird austauschbar. Beweisen will die Inszenierung in „künstlerisch-theatraler Neuerkundung“, wie das Unbewusste die Macht in der Gesellschaft, ach was: in den Gesellschaften, übernimmt. Freilich arbeitet er mit Freuden auch an kleineren Erkenntnissen, etwa der unvermeidlichen Irritation darüber, wer in dieser Story überhaupt noch lebt, wer Gespenst ist oder Opfer oder Restbestand.

Die deutsche Übersetzung, mit der Jürgen Gosch seine legendär brachialpoetische „Macbeth“-Aufführung einst ausstattete, ist in der Nutzung dieser Endlosschleife mit Depressionsgarantie allenfalls eine tröpfelnde Quelle, erfrischend für Hitzewallung im Unterbewussten. Das Assistenz-Quartett für den Einsatz am Titelhelden übernimmt den Mord mit Aussichten in andere Epochen, tauscht Kostüme, wechselt Verpackung, durchquert Jahrhunderte und streckt die Körper ganzheitlich malerisch in Blutspuren. Julia Bartolome, Yascha Finn Nolting, Raphael Rubino und Felix Mühlen bewegen sich bis in die Slowmotion-Räkelei hinein souverän am Kitsch vorbei zur perfektionierten Gruppendynamik. Das Eigenprofil bleibt ihnen versagt. Nur die skrupellose Lady Macbeth, die mit ihrer eiskalten Berechnung im Dunstkreis des Königsmörders („Bist ohne Ehrgeiz nicht, doch mangelt dir die Schlechtigkeit, die ihn begleiten muss“) schon bei tausenden konventioneller Aufführungen die Schuldfrage mit in die Garderobe nehmen musste, schreitet im vorgegebenen Rahmen unablösbar durch die Turbulenzen. Die sichtlich um Charakter ringende Lisa Mies ist die einzige „Identifikationsfigur“, die Philipp Preuss in seiner Inszenierung der eigenen Kürzel-Fassung unter Vorbehalt gestattet, ohne dass man genauer erfährt, warum das so ist. Eigenleben bleibt sonst nur dem erfundenen Narren: Sascha Tuxhorn wühlt sich wie der Duweißtschon aus der Mönchskutte, rappt der Fantasie einen Noteingang zum kopfgesteuerten Konzept und auch wieder raus, kann mit multikomödiantisch gleitender Sprachakrobatik über Stil- und Spielgrenzen hinweg den beschworenen Albtraum-Zustand fixieren. Das kann dem Zuschauer, wird dem Regisseur genügen. Sofern man ihm nicht bis zum Vorschlag folgen mag, dass das Publikum in den drei Hexen mit ihren raunenden Hetz-Kommentaren bitteschön sich selber erkennen möge. Er sagte es im Interview und filmt das voll besetzte Parkett live, als wär´s das Sonderangebot für einen Denkanstoß.

Ausstatterin Ramallah Sara Aubrecht hat aus golden schimmernden Plastikbahnen ihre „Echokammer“ gebaut, ständiger Hinweis auf  Spiegelung der Eitelkeiten, und im Hintergrund einen Flügel mit Mikrophonen integriert. Grundausstattung für ein Leben aus „Sound and Fury“, Schall und Wahn. Der große Bühnenvorhang war derweil schon vor Beginn der Vorstellung und während der laufenden Aufführung immer wieder geöffnet und geschlossen worden, auf und zu und auf und zu wie ein Zeichen der unbeherrschbaren Wiederholungs-Anmahnung eingesetzt. Weiter als bis zum ersten Königsmord des Originalstückes, seiner ständig neu aufgelegten und umgekleideten Analyse, kommt man dabei  lange nicht. Für „Handlung“ interessiert sich die auf Bildbeschaffung im Gedankenspiel setzende Regie nämlich bis zum Schluss nicht sonderlich. Aber am Ende bewegt er sich doch, der Wald. Und der dann etwas um seinen Humor besorgte Narr legt nach mit einer Macbeth-Spezialversion, die da lautet „Es war einmal ein Tyrann von Osaurusrex“…  Dann wurde es still und die Nürnberger Shakespeare-Premiere versickerte im freundlichen Applaus.

Theaterkritik von Dieter Stoll für www.nachtkritik.de (Berlin)

MACBETH
von William Shakespeare, Fassung von Philipp Preuss

INSZENIERUNG: Philipp Preuss
BÜHNE UND KOSTÜME: Ramallah Sara Aubrecht
VIDEO: Konny Keller
MUSIK: Kornelius Heidebrecht
LICHT: Kai Luczak
DRAMATURGIE: Sascha Kölzow

Mit: Julia Bartolome, Lisa Mies, Felix Mühlen, Yascha Finn Nolting, Raphael Rubino, Sascha Tuxhorn

PREMIERE AM 8. DEZEMBER 2018.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-nuernberg.de


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13.12.2018, 19:30 Uhr
18.12.2018, 19:30 Uhr
21.12.2018, 19:30 Uhr
30.12.2018, 19:00 Uhr

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12.07.2019, 19:30 Uhr    
21.07.2019, 19:00 Uhr   




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