Theobald O.J. Fuchs: Die Begabungen einer Insel #2

FREITAG, 31. AUGUST 2018

#Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Es gibt Menschen, da freuen wir uns, wenn wir sie nicht sehen müssen, oder sprechen. Denn sie sind emsig und senden uns ihre Texte von selbst, weil sie wissen, dass sie uns gefallen. Hier mal einen Krimi, dort mal ein Kammerspiel oder wieder einen Roman (an dem gerade geschnitzt wird!) ... Immer her damit, danke, Theo!

C. Flora humana est. Die Nachdem sie das längstmögliche gerade Stück Eisenbahnstrecke gebaut hatten, stellten die Insulaner fest, dass lediglich die Lokomotive und ein Waggon darauf Platz hatten. Anfangs- und Endhaltestelle standen einander auf den Füßen und zankten. Die Eingeborenen erkannten: Betrieb unrentabel, Abbruch – oder besser noch: abwarten, bis das Auto erfunden wird.

Schon in der Grundschule werden die Kinder auf drei Leistungsgruppen verteilt: die kleinen »Schlangen« werden auf den Bau von Serpentinen vorbereitet. Die »Grillen« auf den Brückenbau und die »Maulwürfe« – es ist unfassbar schwer, dies zu erraten – auf das Bohren von Tunneln. Oder Tunnels. Wie auch immer. Und irgendwann einmal im Leben wacht hier jedes Kind schreiend aus einem Traum, in dem es Lokomotivführer wurde. Doch keine Angst, kleiner Insel-Wombel auf deinen kurzen dicken Beinen! Das wird nie geschehen …

Oben im Inselinneren über dem Hochmoor liegt eine zuckerwattezähe Wolkendecke. Eiskalter Wind bläst die weiße Suppe über die Heide, man kann keine fünfzig Meter weit sehen, auch keine fünf, doch der Brodem ist seltsam trocken, kein Tropfen fällt darauf, auch keine Spur von Nässe auf unserer Kleidung. Wir hüpfen über einen messerscharfen Grat und landen sanft 1000 Meter tiefer an der sonnenüberfluteten Küste, die aus Lava modelliert wurde.

In unserem Inselbilderklärer wird von den endemischen Mauereidechsen berichtet, dass man sie getrost mit Obst füttern könne. Eine sehr wichtige und notwendige Information, wie ich finde, genauso wie der Hinweis, dass neben jeder Bananenstaude eine kleine Jungpflanze gesetzt ist, damit dieser Schößling im nächsten Jahr die Aufgaben der alten Staude übernimmt. Eine Mehr-Generationen-Plantage also! Wir sind hier am deadest dead end of land‘s end‘s absolute end. Es gibt in den hinterletzten Tälern, nach kilometerweiten Fußmärschen an schwindelerregenden Abhängen entlang – hier gibt es Tunnel durch gewaltige Berge, durch die offene Wasserleitungen rauschen, und ganz hinten, am anderen Ende des Tunnels, jenseits dieses winzigen Lichtpunktes, dort, wo ein Wasserfall aus unauslotbaren Höhen herabstürzt, dort wohnt der Wärter des Wasserfalls in seiner Wärterklause, mit seinen drei Töchtern und seiner schwachsinnigen Ehefrau, die zugleich seine entfernte Cousine wie auch angeheiratete Tante ist. Sowie vermutlich Großmutter seines Bruders. Wer kennt keine dieser rührseligen Stories über Pariser (Einwohner von Paris) oder Wiener (Einwohner von Wien), die 100 Jahre alt wurden und nie aus ihrem Arrondissement oder Bezirk heraus kamen? Das sind alles Kinkerlitzchen und Papperlapapp: hier gibt es Menschen, die nie das Tal, in dem sie geboren sind und das etwa so lang wie eine Lokomotive ist, verlassen. Die ihr Leben wie Salamander in der Ritze zwischen zwei dunkeln feuchten Felswänden verbringen.

Die Vögel wiederum, die es hier hat, sind putzig wie Rotkehlchen oder Blaumeisen und sehr eingebildet. Sie posieren vor der Kameralinse wie Teenager, die bei »Das Archipel sucht den Super-Vogel« mitmachen wollen. Aber ihnen sei alle Eitelkeit verziehen. Sie sind so süchtig nach Aufmerksamkeit, dass sie ein wanderndes Menschenwesen stundenlang umschwirren, während es durch den tropischen Wald stapft.
Sie flattern vor, hinter und über uns wie Kobolde oder Elfen. Sei es, dass sie uns verjagen oder beschützen wollen, irgendwie macht‘s das voll krass märchenmäßig, magischerheimer und zauberhaftig. Zumal es auf den Wanderungen entlang der verschlungenen, brettelsebenen Pfade entlang der uralten Wasserrinnen überhaupt nicht überraschen würde, wenn uns da tatsächlich ein grün flimmernder Zwerg oder eine schwebende, hebräisch sprechende Hyäne begegnen würde. Es scheint auch keinen Ort auf der gesamten Insel zu geben, wo man nicht regelmäßig das Krähen eines Hahns hören kann. Sogar zur Seilbahn von der Küste hoch hinauf über die Hauptstadt in den Ortsteil Ganzoben – bis in die schaukelnde Kabine dringt alle paar Minuten der Schrei eines gefiederten Napoleons.

Auf der Insel gibt es keine echten Schlangen. Denen war das Gelände zu zerklüftet, weshalb sie zur nächsten Insel weiterzogen, wo es flacher zugeht. In der Folge quaken Tag und Nacht die Frösche ihr Lied, in dem sie davon singen, wie dumm und schwach Schlangen sind und wie stark und tapfer Frösche. In unserer Heimat hört man dieses Lied nicht so oft, und auch kein anderes Lied, weil es bei uns so viele Frösche gar nicht mehr gibt. Katha spricht von »Quaktaschen«, und ich mag dieses Quaken am Abend, weil ich dann die Augen schließen kann und mir vorstellen, ich säße auf der Veranda einer Blockhütte irgendwo in Amerikanisch-Louisiana oder Albanisch-Mississippi.
Sehr viel weiter von zu Hause entfernt wäre das freilich auch nicht.

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[Fotos: Katharina Winter, stets im Bilde: Theo O.W. Fuchs]

UND WAS MACHT THEO WIRKLICH UND SONST SO?
Naja, immer nicht so viel. Ein bisschen Forschung und so, hier und da mal irgendwas lehren. Wissen wir nicht so genau, ist auch egal. Ansonsten wälzt er sich im Ruhm und lässt sich bewundern, denn seine Sucht ist die nach Aufmerksamkeit.




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