RiP / Interview mit Bembers im Sommer 2015

DIENSTAG, 1. SEPTEMBER 2015, NüRNBERG

#Andreas Radlmaier, #Bembers, #Comedy, #Interview

An einem Freitag, den 13., müssen wir uns auf dem Nürnberger Südfriedhof verabschieden vom Comedy-Original Roman Sörgel alias Bembers. Der diese Welt, die er so gerne und lustvoll aufmischte, völlig überraschend und viel zu früh verlassen hat.
Im Sommer 2015 im Gespräch mit Andreas Radlmaier findet sich auch ein weitsichtiges Statement von Bembers: "Ach, der Mensch ist ja ein Narr! Er ist auf der Welt – und zack (schnippt mit dem Finger) – wieder weg."


Sommer 2015
Andreas Radlmaier im Gespräch mit Bembers, Fränkischer Kultrocker und Proll-Comedian:


„Servusla!“ sagt die Kultfigur aus Metalfranken zur Begrüßung. Neben uns kratzt ein Rechen entspannt über den Kies in der Schanzenbräu Schankwirtschaft in Gostenhof – der Biergarten wird fit gemacht fürs Tagesgeschäft. Genauso entspannt blickt Roman Sörgel, den alle seit vier Jahren “Bembers” nennen, seiner Comedy-Premiere am 19. September im Nürnberger Serenadenhof entgegen. „Rock and Roll Jesus“ heißt das neue Solo.
Es ist das dritte Programm des Mannes, der Grafik studierte und Frontmann bei den Spaßrockern „Wassd scho? Bassd scho!“ ist. Über die programmatische Stoßrichtung gibt’s weiterhin keinen Zweifel: „Es muss weh tun und aufwecken“, sagt Sörgel.

AR: „Rock and Roll Jesus“ heißt das neue Programm. Geht’s da um Erlösung?
BEMBERS: Nee, ich sehe mich auch nicht als Messias. Ich nehme die ganze Glaubensnummer auf die Schippe. Jeder glaubt, er hat den richtigen Glauben – da kann ich mich krank lachen. Wenn man sich menschlich verhält, kommt man nicht drauf, einem anderen den Kopf abzuschlagen, oder?

AR: Geht also in Richtung IS-Abrechnung?
BEMBERS: In alle Richtungen. Auch die katholische Kirche hat genug Dreck am Stecken. Was mich total nervt, sind Leute, die meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und den wahren Glauben – und mich davon überzeugen wollen. Da sag’ ich: Alder, mach‘ dein Ding, aber lass mich in Frieden!

AR: Glaubst Du an Gott, an die Menschen, an die Welt?
BEMBERS: Ach, der Mensch ist ja ein Narr! Er nimmt sich zu wichtig. Er ist auf der Welt und – zack (schnippt mit dem Finger)! – wieder weg. Ob das Leben nach dem Tode unser Lebensziel sein soll, halte ich für sehr fragwürdig. Muss ich freitags immer Fisch essen und wöchentlich in die Kirche, um in den Himmel zu kommen? Wo ist der überhaupt? Ist der schöner als die Hölle? Warum führt man sich nicht lieber zu Lebzeiten anständig auf?

AR: Hört sich fast sozialpädagogisch an …
BEMBERS: Ich bin kein Jesus-Freak, der auch noch die Linke hinhält. Da kann jemand auch von mir eine bekommen. So bin ich aufgewachsen in der Südstadt. Da hat teilweise das Gesetz des Stärkeren geherrscht: Bis hierher – sonst scheppert’s! Manche müssen das offenbar so lernen.

AR: Wie passen der Ruf nach Friedfertigkeit und der von Dir praktizierte Derbton auf der Bühne zusammen?
BEMBERS: Bestens. Es ist doch einfach erklärt: Ich bin ja kein Stand-Up-Comedian, der alle 20 Sekunden eine Pointe, einen Kalauer abfeuert. Ich erkläre die Welt in der Sprache der Straße.

AR: Aber Roman Sörgel ist ja doch ein anderer…
BEMBERS: Aber 60 Prozent vom Bembers bin schon ich selbst. Ich setze mir eben keine Perücke auf, ich lebe den Rock&Roll. Ich kann mir nicht den Rock&Roll auf die Fahne schreiben und dann zu Helene Fischer pilgern. Nicht, dass es für mich ein Problem ist, wenn jemand zu Helene Fischer geht. Allerdings mache ich mir dabei schon Gedanken: Diese Menschen haben ja auch alle Wahlrecht.

AR: Es macht also Spaß den rüpelnden Franken rauszulassen?
BEMBERS: Ja, das macht einfach Spaß. Denn dieser Figur ist wirklich alles scheißegal.

AR: Kann Hardcore liebevoll sein?
BEMBERS: Ja freilich! Der Bembers ist doch ein liebenswerter Assi. Er schlängelt sich so durchs Leben, wenn einer im Weg steht, sagt er: Geh mal auf die Seite! Wenn nicht, schubst er ihn.

AR: Soll Bembers sympathisch sein?
BEMBERS: Ja, er soll ein sympathischer Mensch sein. Allerdings einer, bei dem man sich eingesteht: Eine gewisse Grundangst ihm gegenüber schadet nicht.

AR: Kritiker rügen schon mal Deinen „Kloaken-Sprachschatz“. Warum ist Dir das Derbe wichtig? Der Authentizität wegen?
BEMBERS: Da ist sicherlich die Prägung der Südstadt, wo nicht mit dem Weichzeichner hantiert wurde. Da hat es schon immer „auf die Fresse“ gegeben. Andererseits haben dadurch alle verstanden, worum es geht. Und man kann ja auch freundlich sagen: Ey, Alder, dou amol a weng langsam, sonsd schebberds!

AR: Die Südstadt wird immer wieder thematisiert. In welchem Zustand ist sie Deiner Meinung nach heute?
BEMBERS: Nicht mehr ganz so hart wie früher. Früher gab es an den Spielplätzen mehr Gangs. Das bricht weg, vermutlich spielen sie zuhause Playstation und Ballerspiele. Heute wird nicht mehr im Freien tätowiert. Früher hat man sich, weil man cool sein wollte, schnell von einem Kumpel mal ein Kreuz mit drei Möwen drüber in den Unterarm stechen lassen, mit ein paar zusammengebundenen Nadeln und einer Geha-Patrone. Das war gang und gäbe.

AR: Jetzt aber wird doch der Eindruck einer flächendeckenden Verarmung transportiert.
BEMBERS: Alle reden über die Südstadt und trauen sich nicht hin. Warum? Das ganze Leben ist dort viel entspannter. Jeder kann parken, wo er will, und es funktioniert trotzdem. Babylonische Zustände, 127 Nationen in einem Viertel. Aber man versteht sich. Wolfgang Ambros hat gesungen, dass auf dem Zentralfriedhof Juden mit Arabern tanzen. Genauso ist es in der Südstadt auch.

AR: Worin unterscheidet sich „Rock and Roll Jesus“ vom Vorgänger „Alles muss raus!“
BEMBERS: Ich hoffe, das Programm geht ein wenig tiefer. Bei „Alles muss raus!“ ging’s ja ums Auspacken, sich aufregen. Ich rege mich natürlich wieder auf, aber ich will auch nachdenklich machen. Wir haben ja rund um diese Glaubensfragen, um den Nationalismus fette Sorgen. Und verlieren dabei die wirklichen Probleme aus dem Blick: Nestlé etwa kauft weltweit die Wasservorräte auf und behauptet, Wasser zu haben ist kein Menschenrecht. Da denkt man dann eher an den Einsatz von Schusswaffen.

AR: Bei Deiner Comedy kann man immer auch „politisch korrekte“ Botschaften herausschälen. Geht’s Dir auch um Gesellschaftskritik?
BEMBERS: Na klar. Ich bin nicht krampfhaft auf der Suche nach Problemen. Wenn eine Geschichte lustig, aber oberflächlich ist, werde ich die auch erzählen. Die schönsten Geschichten schreibt einfach das Leben. Und wenn das Gespräch von drei Typen in der Kneipe so bizarr ist, dass man sich wie im Film vorkommt: Warum sollte ich diese Nummer nicht erzählen? Ich bin da wie ein Schwamm, ein Beobachter. Comedy läuft tagtäglich vor unser aller Augen ab. Ob ich mit der U-Bahn fahre oder beim Metzger in der Schlange stehe.

AR: War es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis aus Roman Sörgel die Kunstfigur Bembers purzelte?
BEMBERS: Sie hat da schon immer geschlummert. Ich habe ja auch gerne bei „Wassd scho? Bassd scho!“ Geschichten erzählt

AR: Du warst also schon immer redselig?
BEMBERS: Ich war nie ein Stimmungsschnodder, im Gegenteil.

AR: Eine Stimmungskanone.
BEMBERS: Sozusagen, das war auch in der Schule schon so. Ich will nicht sagen, dass ich der Klassenkasper war – ich war ja auch Klassensprecher.

AR: Das Ganze begann ja Anfang 2011 eher als Video-Spaß für Freunde. Hat Dich der anschließende YouTube-Suchtanfall mit Millionen von Clicks überrascht?
BEMBERS: Ja, an solche Resonanz denkst Du nicht mal in den kühnsten Träumen. Ich wollte ja nur einen Blödsinn für die Region machen. Ich bin Grafiker. Nichts ist da einfacher, als eine Webseite zu kreieren und einen YouTube-Kanal anzulegen – aber dass das dann innerhalb von zwei Wochen im deutschsprachigen Raum durch die Decke geht… Da rief dann auch der Chefredakteur des Metalhammer-Magazins aus Berlin an. Ich dachte zuerst, das ist ein Kumpel, der sein Späßchen mit mir treibt und mich verarschen will. Also habe ich dem Herrn Chefredakteur zunächst geantwortet: Du weißt doch, wir müssen unsere Tabletten nehmen, wie’s der Doktor gesagt hat, sonst kommt es zu solchen Anrufen (lacht).

AR: Du pflegst ja das Image eines Heavy-Metal-Zottels. Machst Du Dich lustig über solche Musikfans?
BEMBERS: Überhaupt nicht.

AR: Sondern?
BEMBERS: Ich bin selber Rock&Roller, ich bin mit AC/DC und Kiss aufgewachsen. Ich möchte gar nicht wissen, was passiert, wenn solche Bands mal aussterben.

AR: Es ist also keine Parodie?
BEMBERS: Definitiv nicht.

AR: Du warst heuer wieder beim berühmten Wacken-Festival. Welche Funktion hast Du da?
BEMBERS: Comedy, jeden Tag eine halbe Stunde. Ich habe mir zum „Triple A“-Pass noch ein T gemalt: Arbeiten An Allen Tagen.

AR: Siehst Du die Erfahrung mit der Hardcore-Comedy als Lebensphase oder als Lebensziel?
BEMBERS: Das ist keine Lebensphase, ich lebe den Rock&Roll. Ich habe schon immer alles hinterfragt.

AR: In welchem Entwicklungszustand ist Bembers jetzt? Bei einem Menschen würde man sagen: Er existiert jetzt vier Jahre, hat damit das Windelalter hinter sich gelassen und steckt im mentalen Kindergarten.
BEMBERS: Der Bembers ist erwachsen, hat sich aber das Kind in sich bewahrt. Es ist ja auch wahnsinnig wichtig, über sich selber zu lachen. Ich schau‘ früh in den Spiegel und denke mir: Den kannst du doch nicht ernst nehmen.

AR: Hast Du ein spezielles Publikum?
BEMBERS: Als es anfing, dachte ich, da sitzen jetzt rock- und metalaffine Typen mit Kutte im Publikum, für die ich Aufnäher ins Merchandising aufnehmen muss. Aber in der Tat macht diese Gruppe eher zehn Prozent aus, der Rest sind die Bausparer und die Kashmir-Rollis. Je derber das dann wird, umso besser wird die Stimmung. Manchmal denke ich mir, ich könnte auch die Reitgerte auspacken.  

AR: Jetzt wird diese Direktheit, der Offensiv-Einsatz des verbotenen Wortschatzes ja gerne mit geistiger Beschränktheit gleich gesetzt …
BEMBERS: … und das macht es ja interessant. Da steht ein Metal-Assler, der wortgewandt ist. Ich benutze dann plötzlich Begriffe, bei dem das Publikum kurz nachdenken muss. Da kommt’s aufs Timing an.

AR: Wen findest Du selber komisch?
BEMBERS: Die sind alle nicht witzig. Nein, im Ernst: Wenn man Vorbilder hat, ahmt man nur noch nach und wird zum Abziehbild.

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Das Interview und das Fotoshooting fanden im Sommer 2015 statt.

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ROMAN SÖRGEL
hat als überzeugter Nürnberger („eine wunderbare Stadt“) Grafikdesign studiert und war Frontmann bei den Nürnberger Spaßrockern „Wassd scho? Bassd scho!“.
Als Kunstfigur Bembers, die 2011 eher zufällig als YouTube-Witz entstand, fand er erst im Netz millionenfach Fans für seinen dialektdurchfärbten Radikal-Humor und auch dann vor allem live auf den Bühnen des Landes.
Beim berühmten Wacken Festival trat er regelmäßig auf.
bembers.de

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INTERVIEW: ANDREAS RADLMAIER
Andreas verantwortete als Leiter des Projektbüros im Nürnberger Kulturreferat u.a. das Bardentreffen, Klassik Open Air, Stars im Luitpoldhain … und war auch verantwortlich für die Entwicklung neuer Formate

FOTOS: CRIS CIVITILLO
www.cris-c.de

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RiP, lieber Roman!
Egal, wo du jetzt bist, bleib weiter schön prollig!


 




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