Blühende Herzen, freche Klappe: Olli Schulz ganz alein in der Meistersingerhalle

DIENSTAG, 3. NOVEMBER 2026, MEISTERSINGERHALLE

#Konzertkritik, #Meistersingerhalle, #Olli Schulz

Entertainer Olli Schulz war „Allein in deiner Stadt“ – in der vollen Nürnberger Meistersingerhalle. Und kündigt seine Rückkehr an. Von Andreas Radlmaier

Wie das Leben und seine Tour-Pläne so spielen: Nebenan im kleinen Saal der Meistersingerhalle schwor der Schweizer Rechtsaußen-Journalist Roger Köppel, Verfechter der „Man darf ja nix mehr sagen“-These, seine ebenfalls irrlichternden Jünger auf den erwartbaren Untergang ein (Putin steh’ uns bei!). Im randvollen großen Saal beglückte Olli Scholz seine Fans dagegen mit einer gegensätzlichen Botschaft: „Es wird Zeit, dass unser Herz wieder blüht“ singt er gegen Ende des 100-minütigen Solo-Konzerts und ruft ganz zum Schluss der stehenden Begeisterung entgegen: „Lasst euch von der Welt draußen nicht fertigmachen.“ Wenn es gut ist, wird es schön sein.

Dass das leichter gesagt ist als erduldet, wissen wir. Überall köppeln, trumpeln und weideln sie auf unseren Nerven, unserer Zuversicht und Geduld herum. Aber Romantik muss sich wieder lohnen. Menschlichkeit auch. Spott und Häme sowieso. Olli Schulz macht denn auch aus seiner Solo-Performance eine wundersame Werkstatt für Wahnsinn, Witz und Wehmut. „Allein in deiner Stadt“ ist der Abend überschrieben. 25 Jahre ist der Wahl-Berliner aus Hamburg in den schrägen Show-Ecken des Landes unterwegs, das erste Mal seit zehn Jahren wieder solo. Und kann als Entertainer und Bestseller-Podcaster („Fest & Flauschig“), Indie-Rocker und Schauspieler sich auf die Anhänglichkeit seiner Fangemeinde verlassen.

Es gibt sicherlich originellere Texter und bessere Gitarristen als Olli Schulz. Aber wie er immer wieder seine Sozialromanze in die freche Klappe plumpsen lässt, wie er Alltagserlebnisse outet, das Absurde über die Rampe kickt, macht ihn zu einem fabelhaften Geschichtenerzähler. Auf den Schnittkanten von Song und Filmchen, Lästerlichkeit und Lässigkeit balanciert er durch seinen eigenen Quatsch Comedy Kosmos im flimmernden Show-Trash.
Das ist große Kunst, die mit ihrer Selbstverständlichkeit mühelos Raum und Bühne füllt. Otto Waalkes und Rainald Grebe tauchen schemenhaft als Geschmacksverstärker auf. Der Babybel-große Speichel in den Mundwinkeln von „Scorpions“-Gitarrist Rudolf Schenker, der ihn auf einer Party schwer fasziniert, wird dagegen bildhaft konkret, die vom Aussterben bedrohten Gelee-Früchte, die er von Helfern im Parkett verteilen lässt, fehlen da noch. Was, das ist nicht grauenhaft genug? Also erzählt Olli Schulz von seinem peinlich-verstrahlten Auftritt mit Rapper Maxwell im Mega-Park auf Mallorca. Samt Ekstase-Tablette, polnischen Hell’s Angels und langem nächtlichem Fußmarsch nach Hause. Der Echtheit zuliebe dokumentiert mit einem Facebook-Video.

Der grausame „Vorführeffekt“, der Sauna-Aufguss der beinharten Rentner-Gang, das empathielose Pflicht-Selfie der Tochter mit Schulz-Idol Nick Cave in Venedig, der Elternabend als Endgegner, Rio Reiser und Sandra Bullock als Nürnberg-Einsprengsel, das Plädoyer für Figuren, die durch die Maschen des Zeitgeschmacks fallen, Spielerfrauen, Erdbewohner und Sesamstraße – der Mittfünfziger aus dem Humorumfeld von Heinz Strunk, Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf flippert schnoddert sich beherzt durch seine Gefühlswelt.

Jetzt sei die nicht die Zeit für zynische Bob-Dylan-Lieder, sondern für die naive Hoffnung, dass man sich nach dem Tod nicht im Himmel oder der Hölle trifft, sondern in „einem gut sortierten Plattenladen“ mit angeschlossener Buchhandlung trifft. Vorher will Olli Schulz aber nach Nürnberg kommen, nächstes Jahr, dann wieder mit Band.
 
 
 




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