Premiere im Staatstheater: Anspielen gegen die Grausamkeit
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Kritik von Andreas Thamm, zuerst erschienen bei nachtkritik.de.
Mit orange-gelbem Tuch verhüllte Gebilde dominieren die Bühne, eines will wie eine Kirche scheinen. Fünf Personen bahnen sich tastend ihren Weg: Die im blauen Mantel wird Ellen sein, von der es im Off-Text vom Band heißt, sie befände sich auf einem Schiff. Entlang der Westküste sammelt das Schiff immer noch Kinder auf. Ellen sieht die Freiheitsstatue, sie erreicht Hawaii.
Aber der Erzählung ist von Anfang an nicht zu trauen. Ellen ist nicht wirklich gerettet, sie hat geträumt. Sie steht einem Konsul gegenüber (Amadeus Köhli in einem übergroßen gelben Mantel). Er soll ihr um Gottes Willen ein Visum geben, denn ihre Mutter sei bereits ausgereist!
"Die größere Hoffnung" ist der einzige Roman, den die auf kürzere Erzählformen und Lyrik spezialisierte, bedeutende österreichische Nachkriegsschriftstellerin Ilse Aichinger hinterließ. Er ist autobiographisch, geschrieben 1948 unter dem direkten Eindruck ihres isolierten Überlebens als Tochter einer Jüdin in Wien. Erzählt wird die Geschichte von Kindern mit den "falschen Großeltern" im Dritten Reich.
Die Schweizer Choreografin und Tänzerin Salome Schneebeli hat mit Dramaturg Paul Berg eine Fassung fürs Nürnberger Staatstheater erarbeitet. Von Anfang an macht sich die Inszenierung die inneren Logiken der Vorlage zu eigen. "Die größere Hoffnung" ist ein rätselhafter, von Allegorie und Symbolik durchdrungener, schwer zu greifender Text. Die "Geheime Polizei" ist noch der eindeutigste Hinweis darauf, dass von Nazideutschland die Rede ist, die Erzählperspektiven wechseln, nahezu realistische Momente gehen in traumartige Sequenzen über. Der Roman erzählt das Ringen um Sprache, die Suche nach einer Möglichkeit, überhaupt zu erzählen, mit.
Auf der Bühne kommen Aichingers Worte, wie am Anfang, vom Band, sie werden ins Mikrofon am linken Bühnenrand gesprochen oder von den Spielenden. Die blass durchscheinenden Kostüme haben etwas von Schlafanzügen an sich. Der elektronische Soundtrack von Alexandra Holtsch, mal unheilvoll dröhnend, mal fieberhaft technoid, treibt das Ensemble in Tanzsequenzen auf der sich drehenden Bühne.
Ellen lernt andere Kinder kennen. Die treffen sich am Fluss, um auf ein ertrinkendes Kind zu warten, das sie retten können. "Damit der Bürgermeister sagt: Eure Großeltern sind euch vergessen." Bibi will wieder in die Tanzschule, Knut wieder Fußball spielen dürfen. Ausgerechnet Ellen, die doch nur zwei "falsche Großeltern" hat und noch auf allen Bänken sitzen darf, birgt das Bündel aus dem Fluss.
Es ist zusätzlich irritierend, dass die Dialoge in ihrer Rätselhaftigkeit eine gewisse Komik mit sich bringen, die insbesondere vom Kostüm mit witzigen gelben Hüten gesteigert wird. Im Saal ist manches Kichern zu vernehmen. Es dauert, bis man sich in die unwirkliche Atmosphäre dieses Stücks hineinfinden kann. Auch weil die Inszenierung, wie der Text, die Eindeutigkeit vermeidet: keine Hakenkreuze auf der Bühne, kein schwarz-weiß-rot.
Vom Stern ist immer wieder die Rede, den die Kinder tragen müssen – und Ellens Großmutter. "Ellen hatte die Kinder immer um den Stern beneidet." Sie nimmt den Mantel der Großmutter, bevor sie für Georg eine Torte kaufen geht. Und wird von der Konditorin keifend hinausgejagt. In solchen Momenten taucht die Realität aus dem Albtraum auf, die existentielle Drastik wird auf einmal ganz spürbar.
Während die Kinder sich verstecken oder im Leichenwagen fliehen oder ein Krippenspiel aufführen und Kinderlieder singen, wird das orangene Tuch Schicht um Schicht abgetragen. Das Verborgene, das Eigentliche wird offen gelegt. Die Großmutter (Marion Bordat im blassgelben, bodenlangen Kleid) bittet die Enkelin um das Gift in der gläsernen Phiole. Ellen verlangt eine Geschichte als Gegenleistung, die sie selbst erzählen muss. Von einer Mutter in Amerika und vom Rotkäppchen. Ein Monolog, in dem es Marie Dziomber als Ellen wundersam und erschütternd gelingt, das Rätselhafte mit dem Eindeutigen zu versöhnen und den ganzen Schrecken, die ganze im kindlichen Spiel versteckte Angst vor der unaussprechlichen Grausamkeit in die märchenhaften Worte zu legen.
Am Ende steht nichts mehr. Nur die Scheibe dreht sich. Der Krieg hat aus einer Welt in der Verschworenheit eine aus feindlichen Fremden gemacht. Dziomber und der äußerst geschmeidige Alban Mondschein tanzen ein letztes Duett vom Fallen und sich wieder Aufrichten, bevor sie ihn unter einem riesigen nachtblauen Tuch begräbt.
Und so schwer es bisweilen gefallen sein mag, sich in diesen Abend hineinzufinden, so deutlich ist es mit seinem Fortschreiten geworden, dass Salome Schneebeli etwas Erstaunliches gelungen ist: Sie hat für einen schwierigen Text eine Form gefunden, die die Vorlage nicht bricht oder übersetzt, sondern mit neuen Theaterbildern auf frappierende Weise akkurat fortschreibt. Und ganz neue Möglichkeiten des Verstehens oder Erfühlens eröffnet. Nachhaltig beeindruckend.
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Die größere Hoffnung
von Ilse Aichinger
In einer Fassung von Salome Schneebeli und Paul Berg
Regie und Choreografie: Salome Schneebeli, Bühne: Damian Wohler, Kostüme: Una Jankov, Annina Gull, Dramaturgie: Paul Berg, Musikalische Leitung: Hubert Wild, Komposition: Alexandra Holtsch, Licht: Jan Hördemann, Ton: Vasileios Makris.
Mit: Marie Dziomber, Marion Bordat, Alban Mondschein, Amadeus Köhli, David Gavrila.
Deutsche Erstaufführung am 20. Februar 2026
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-nuernberg.de
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