Frauenfußball ist noch authentisch
#Andrea Hintermaier, #Christin Wehner, #Fußball, #Künstlerhaus, #Performance
11 FREUNDINNEN* – Performed-Photography-Premiere von Andrea Hintermaier und Jennifer Schäufelin im Künstlerhaus.
Kritik von Andreas Thamm, zuerst erschienen bei freieszenenbg.de
Schockmoment zu Beginn der Performance! Christin Wehner bläst in die Trillerpfeife. Erstaunlich laut das Ding. Mit strengem Trainerinnenblick beordert die Schauspielerin im roten Adidas-Anzug das Publikum in den Festsaal. Hier hängen, in Aufstellungsformation, die großformatig abgezogenen Bilder von Jennifer Schäufelin von der Decke. 11 FREUNDINNEN* basiert auf einer gemeinsamen Recherche. Regisseurin Andrea Hintermaier und die Fotografin Schäufelin haben Frauen* besucht, portraitiert und interviewt, die den Fußball als Lebensinhalt haben.
Eine Stunde lang führt Wehner durch die Ausstellung und schlüpft in die jeweiligen Sprechrollen. Mal ist das eine kindliche Perspektive, die von den Idolen Klara Bühl, Giulia Gwinn schwärmt, meistens sind es Geschichten der Adoleszenz: „Jeden Tag nach der Schule bin ich auf dem Platz.“
Faszinierend ist es einerseits zu beobachten, wie es Christin Wehner gelingt, sich jede Protagonistin sprachlich „anzuziehen“. Mal tritt sie zaghaft, fast schüchtern auf, mal energisch-kämpferisch, laut werdend, mal komplett breit Hessisch: „Frauefussball is noch audendisch! Da gedds noch um Fussball!“
Beeindruckend andererseits, wie es der Autorin Hintermaier gelungen ist, ganz bei ihren Gesprächspartnerinnen und ihren individuellen, konkreten Erfahrungen bleibend, extrem viel über das große Ganze zu erzählen: Über eine Gesellschaft, in der eine Hälfte der Bevölkerung am mit Abstand beliebtesten Sport des Landes, entweder mitmachen darf oder auch nicht. Es gibt kaum eine Geschichte, die nicht auch, aber unplakativ, die Macht des Patriarchats zum Thema hat.
Hintermaier erzählt von der Tochter des Profis, der nur ihren Bruder mitnahm auf den Platz (hier könnte eine gewisse Verwandtschaft zur Autorin bestehen), von der schwangeren Torhüterin, vom Mädchen, das auf der Straße entdeckt und später tatsächlich Profi wurde, vom lesbischen Paar, das zusammen spielt, sich im Stadion aber nie küsst, vom immensen Druck, der auf ganz jungen Menschen lastet, die von mehr träumen: „Da kannst du dir keinen Fehler mehr erlauben! Da bist du weg vom Fenster!“
Die Performed Photography 11 FREUNDINNEN* schafft es mit wenigen Mitteln, im Grunde als szenische Lesung mit raffiniert gesetztem Licht und schönen Fußballsong-Versionen von Barbara Klara Hofbauer, psychologische Tiefe herzurstellen, gesellschaftliche Konfliktlinien erkennbar und persönliche Widersprüche deutlich zu machen: Warum hat man schlechte Laune, wenn Deutschland verliert, auch wenn man gegen Patriotismus eingestellt ist? Der König Fußball ist selbst das Spielfeld, das Versuchslabor, in dem viel mehr über unser Zusammenleben verstanden werden kann, als man zunächst annehmen würde. Ein Abend, der Gesprächsstoff in die Welt setzt.
#Andrea Hintermaier, #Christin Wehner, #Fußball, #Künstlerhaus, #Performance

















