Premiere am Gostner: Die Familie muss zur Therapie
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Aktuelle Antike: „We Are Family“ am Gostner Hoftheater als feministische Utopie
Von Andreas Radlmaier
Als sich der aufdringliche Pulverdampf samt schwermetallischem Spratzelsound aus dem Gostner Hoftheater verzogen hat, gibt es freie Sicht auf die „Stille eines kollektiven Burnouts“, auf Wunschdenken und Utopie. Dann fällt die rächende Königstochter Elektra „aus der Rolle“, verzichtet auf die Vierteilung der Mutter als Hauptgang (was bei Klytaimnestra zu gewisser Erleichterung führt) und spricht von „Neuanfang“, „Selbstbestimmung“ und „Gleichheit“. „Ich will“, sagt sie im gemeinsamen Chor der Frauen, „dass diese Familie eine Therapie macht“. Und die Menschheit gleich mit. Die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt. Oder gar nicht mehr.
„We Are Family“ heißt das Stück der erfolgreichen Berliner Autorin Tine Rahel Völcker, in dessen Titel der Soulklassiker der Disco-Titanen Nile Rodgers und Bernard Edwards ebenso mitschwingt wie festgetackerte Rollenbilder der Menschheit. „Überschreibung“ nennt sie diese beachtliche Kernbohrung in die antike und doch ewig zeitlose Tragödienwelt. In neunzig pausenlosen Minuten werden nicht nur die 16.000 Verse von Homers „Ilias“ abgeräumt, sondern die Atriden-und-Orestie-Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides gleich mit.
Als zornige Revolutions- und Wortführerin führt Völcker die (historisch verbürgte) Figur Phryne ein, eine „Hetäre“, sprich: Callgirl mit höherem Bildungsniveau, die sich schon vor dem eigentlichen Beginn gleich mal wegen der bestehenden Gewaltlinien zwischen weiblicher Unterdrückung und lachhaftem männlichem Helden-Habitus in die Ecke des Zuschauerraums übergeben muss. Die Würgegefühle werden nicht weniger: Denn erst wird Iphigenie, bereits im Brautkleid bereit für die Zwangsehe mit Muckibuden-Poser Achill) von Vater Agamemnon zur Schlachtbank geführt (was will man machen, wenn die griechische Flotte „günstige Winde“ braucht, um gegen Troja loszusegeln?), dann übernimmt Klytaimnestra nach der Rückkehr und anschließenden Ermordung Agamemenons (ein Unfall im Badezimmer, was sonst) die Regentschaft, mit allen bekannten Patriarchats-Parolen.
Das Konzentrat erzählt erstaunlich verständlich, prägnant und pointiert diese archetypische Geschichte, die vom Mythos überhöht und von unkaputtbaren Verhaltensmustern getragen wird. Und damit auch im Heute verankert ist. Vor der holzvertäfelten Herrscherwand, die nah an der Bühnenkante verankert ist, bleibt für die Figuren da nur wenig Bewegungsspielraum, um nicht aus dem Geschehen und dem Gesellschaftssystem zu kippen.
„We are Family“ setzt den aktuellen Gostner-Spielplan konsequent fort: Regisseurin Ragna Kirck konzentriert sich auf den feministischen Blickwinkel. Das Bühnengeschehen ist in weiblicher Hand. Es geht um die Frage, wie Frauen männliche Machtmuster auch in ihrem eigenen Handeln abschütteln können und warum sie auch noch nach 3000 Jahren im Wald lieber Schutz bei den Bären als bei den Männern suchen sollten. Laut und erregt gehen vier Schauspielerinnen (Rebecca Kirchmann, Franziska Maria Pößl, Anna Rödiger, Barbara Seifert) in acht (auch männlichen) Rollen diesen Schicksalsbehauptungen nach. Alarmstimmung.
Der Ruf nach „Gleichheit“ ist in Krisenzeiten mit den verblüffend zu beobachtenden Geschlechterrollen rückwärts sicherlich hochaktuell. Und damit hätte „We Are Family“ auch bestens zum diesjährigen Jubel-Programm des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums, 500 Jahre alt und damit Deutschlands älteste höhere Schule, gepasst. Der Mensch lernt – offensichtlich – nie aus.
Weitere Aufführungen bis 7. Februar 2026
www.gostner.de
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