71. Musikfest ION: Interview mit Moritz Puschke

24. JUNI 2022 - 3. JULI 2022, NüRNBERG



Moritz Puschke ist vor über einem Jahr von Berlin nach Nürnberg gezogen – der Liebe wegen. Der Liebe zur Musik, zur Kultur, zum Job als geschäftsführender Intendant des Musikfest ION.
Sehr spannend ist auch sein Gedanke, als Gestalter und Festivalverantwortlicher auch Impulsgeber zu sein, der zur Stadtveränderung beitragen kann. Wir haben uns unterhalten.

Lieber Moritz, das erste Jahr in Nürnberg ist erlebt. Du hattest dich auf spontane Begegnungen, Bier am Abend, Konzerte gefreut. Und auf intensives Netzwerken. Wurden deine Erwartungen erfüllt?
Oh ja! Ich habe natürlich noch viel zu entdecken, aber meine Familie und ich sind richtig gut hier angekommen. Wir wurden auch total offen aufgenommen. Wenn ich jetzt mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre, treffe ich immer mehr bekannte Gesichter. Beheimatung läuft für mich immer über Menschen. Als Kulturmanager antworte ich natürlich noch mal anders. Ich sehe die enormen Potentiale der Stadt, sehe eine Stadtgesellschaft, die hungrig ist nach Kultur in all ihren Facetten. Eine Gesellschaft, die auch etwas will, die mitgestalten will. Da beobachte ich dann auch, dass zu selten die richtigen Leute zusammensitzen und im Austausch, in der Kontroverse und der Debatte gemeinsam um die besten Lösungen für die ganze Stadt kämpfen. Ich will das jetzt gar nicht im Einzelnen alles aufrollen, zumal meine Kraft jetzt voll und ganz dem kommenden Musikfest ION gilt. Aber nur so viel: Ich bin noch nicht fertig mit dem Beobachten, Fragen und Analysieren – aber ich merke jetzt schon, dass ich die Beobachtungen nicht einfach zur Seite legen kann. Ich will die Leute zusammenbringen.

Das nächste Musikfest ION findet in Kürze statt unter dem Motto „All you need is...“. Wo knüpft ihr konzeptionell am Vorjahr an?
Nach zwei Jahren Corona und vielen weiteren großen Lebens- und Zukunftsfragen, die wir im Team, mit Künstler:innen, mit unseren Unterstützer:innen und Partner:innen seit geraumer Zeit diskutieren, sind Oliver Geisler, unser Festival-Dramaturg und mein „brother in crime“, und ich zu diesem Festivalthema gekommen: ALL YOU NEED IS... Wir wollen danach fragen, was zählt, was wir brauchen und worauf wir hoffen. Was auf jeden Fall guttun wird, ist, wenn Musik unsere Seele in Schwingung versetzt, Herz und Intellekt berührt und unsere Sinne aufschließt.
Ich bin ja 2019 mit einer Idee im Kopf angetreten, wie ein zeitgemäßes Festival aussehen könnte. Die beiden Corona-Jahrgänge waren dann, neben all den wirklich großen Schwierigkeiten, auch zwei Lern- und Besinnungsjahrgänge und jetzt kommen wir meiner, oder besser unserer Idee einer modernen Festivalarchitektur schon ziemlich nah. Da gibt es die absoluten Highlight-Konzerte mit Gipfelwerken der Musikgeschichte. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Von Händels Messiah über das Requiem von Brahms, kombiniert mit den Musikalischen Exequien von Schütz bis zu einer total spannend bearbeiteten h-Moll-Messe mit dem Künstlerkollektiv Continuum Berlin und schließlich am Ende der große, wuchtige Paulus von Mendelssohn – das wird einfach großartig. Aber wir wollen dann auch vertiefen, wollen diskutieren, wollen zum Mitmachen anleiten, wollen in die Breite wirken und musikalische Kräfte der Stadt stärken. Dafür haben wir mit Hilfe von neuen Förderern wie etwa der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg unser FORUM ins Leben gerufen. Da gibt es Diskussionen und Vorträge, aber auch ganz konkret in Workshops Möglichkeiten, in Themen einzusteigen. Das geht von jüdischer Chormusik bis Social Media für Musiker:innen, es gibt Künstlergespräche und Meisterkurse. Naja, und ganz ‚nebenbei‘ sind bei uns in diesem Jahr rund 1.000 Schüler:innen in unser Orgelschulprojekt und in das Eröffnungskonzert SingBeethoven eingebunden! Dahinter steht unsere eigene Festivalphilosophie, die wir in unserem Viererteam leidenschaftlich diskutieren und immer wieder bearbeiten. Mit geht es um Nähe und Nahbarkeit. Ich will eigentlich alle Besucher:innen am liebsten persönlich an der Kirchentür begrüßen und will wissen, wer sie sind, wie es ihnen geht. Ich möchte so eine Community, die gemeinsam Musik erlebt und dabei einfach auch das Gute vermehrt.

Eure Venues sind Kirchen – als ganz spezielle Orte mit ganz besonderen Vibes, Möglichkeiten und Aufladungen. Was macht Konzerte hier so besonders?
Ich bin mir bewusst, dass etliche Menschen Berührungsängste mit der Kirche haben oder – was mich schmerzt – schlechte Erfahrungen gemacht haben und seelisch verletzt wurden. Ich erlebe Kirchen als Orte der Stärkung, der Hoffnung und des Friedens. Es sind unglaublich auratische Orte. Sie atmen überall Geschichte und sind gleichzeitig immer auch Zukunftsorte. Die Wände sind nicht nur in materieller Hinsicht dick. Da bleibt viel von den Belastungen der Gegenwart draußen. Dadurch sind unsere Spielstätten auch Schutzräume und temporäre Friedensinseln. Unsere fantastischen Kirchen in Nürnberg haben eine richtig gute Akustik, sie bringen einen eigenen Klang ein in das Festival. Wir können da ganz genau überlegen, welche Künstler:innen mit welchem Programm ideal mit welcher Kirche verschmelzen. Und Kirchen sind natürlich auch inszenierte Räume. Wer einmal erlebt hat, wie während eines Konzerts durch die farbigen Kirchenfenster die Abendsonne fällt und den Raum, verbunden mit der Musik, nahezu sekündlich in eine andere Stimmung verwandelt  - das vergisst man nicht so schnell und das geht auch ganz tief in einen hinein. Auch als technische Spielstätten gibt es in Kirchen andere Voraussetzungen, v.a. andere Taktungen. Die Künstler können sich auf das Konzert vorbereiten und haben eine Spielwiese. Was macht das mit den Artists, mit den Aufführungen und auch mit euch als Veranstalter? Ganz ehrlich: Das ist ein Segen für uns, dass wir mit den Kirchgemeinden so gut zusammenarbeiten können und dass wir diese Orte haben können. Und zwar mehrere Tage ohne Unterbrechungen! Deswegen gibt es bei uns dann Konzerte, die immer ein ganz durchdachtes Zusammenspiel aus Künstler:innen, Werken und Raum sind. Und das merkt das Publikum. Sie sind das vierte Element und vollenden das Erlebnis erst durch ihre Anwesenheit. Sie hören nicht nur, sondern bringen ja auch Energien und Stimmungen mit hinein in den Raum. Und wenn wir unsere Arbeit im Team gut gemacht haben, entstehen diese besonderen, irgendwie magischen Konzerterlebnisse. Es stimmt dann einfach und berührt ganz unmittelbar den Menschen. Das ist unser Ziel. Drunter machen wir es nicht. Aber dafür brauchen alle Beteiligten Zeit. Ich wiederhole mich, aber dass wir diese Zeit hier für die Künstler:innen und für uns bekommen, ist ein wichtiges Element für den Erfolg des Musikfests ION.

Mit dem neuen Format NIGHTFLIGHT, das immer um 23 Uhr startet, gibt es „Nachtflüge in Richtung Zukunftsmusik“. Was macht das so besonders?
Die typisch deutsche Unterscheidung von sogenannter E- und U-Musik, von Klassik und Pop interessiert mich nicht. Die nervt mich auch gelegentlich. Was mich interessiert ist, was Musik kann, was sie will und was sie auslösen kann. Und da wollen wir eben in St. Martha ein neues Setting schaffen, einen offenen Raum, wo verschiedenste Musik sich entfalten kann. Die Verbindung der vier Konzerte ist, dass die Künstler:innen, wie ich finde, auf besondere Weise die Menschen berühren. Nehmen wir Weltstars wie Hania Rani oder Pantha du Prince, die eigentlich nie in Kirchen spielen. Wir laden sie ein, im NIGHTFLIGHT was zu wagen, sich auszuprobieren und auf die Aura des Kirchraums einzulassen. Mit NIGHTFLIGHT kommt eine neue Farbe dazu. Da wird die Musik ganz nah, intim, direkt. Es wird sehr persönlich. Und durch den unglaublichen Raum St. Martha und die späte Stunde werden wir, da bin ich mir ganz sicher, ganz besondere Erfahrungen machen.

Auch NEXT GENERATION ist ein neues Format. Was darf man sich unter ‚next generation‘ der Barockmusik vorstellen?
Das ist im eigentlichen Sinne keine Reihe, sondern eine Haltung. Wir suchen im Musikfest ION gezielt nach Künstler:innen, die etwas wagen, die ausprobieren und ihr unglaubliches Können in den Dienst von neuen Ideen stellen. Diesen Leuten bieten wir hier dann Flächen. In diesem Jahr kommt das Künstlerkollektiv Continuum aus Berlin mit zwei Projekten zu uns.

Nürnberg ist eine Stadt der Musikfestivals – so wird sie aber eher nicht wahrgenommen. Was ist zu tun und wer kann helfen?
Es ist unglaublich, was hier in der Stadt los ist. Da ist eine Dichte an Weltklasse-Festivals! Ich kann noch nicht genau sagen, was zu tun ist. Aber weil ich so bin, wie ich bin, fange ich an, mit den verschiedensten Leuten zu reden und ihnen zuzuhören. Mit David Lodhi von Nürnberg Pop, mit Frank Wuppinger von NueJazz, mit Leuten aus der Stadt, mit der CTZ … Mal schauen, was uns da gemeinsam einfällt, um diesen Qualität nach außen zu bringen. Treffen wir, Lampe, uns doch in einem Jahr wieder. Dann haben wir vielleicht schon eine konkrete Idee.

Zurück zum Musikfest ION: Warum ist 2022 das beste Jahr der ION und warum darf man das auf keinen Fall verpassen?
Die kurze Antwort ist: Weil wir etwas anbieten, was den Leuten guttut. Hier gibt es mal einfach gute Unterhaltung, mal Denkanstöße. Es gibt Konzerte, in denen man sich fallen lassen kann, die trösten und Hoffnung geben. Oder welche, die aufrütteln. Man muss überhaupt kein Klassikkenner sein, man muss nur seine Sinne aufschließen. Das Musikfest ION in seiner jetzigen Ausrichtung heißt: Lass dich drauf ein, du bist herzlich willkommen. Lass die Musik an dich ran und du wirst in der Seele berührt werden. Eben einfach: All you need is…
Wir freuen uns auf ganz neue Musikerlebnisse in den Off-Spaces in unserer Musikmetropole!

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71. Musikfest ION
Vom 24. Juni – 3. Juli 2022 in den Kirchen St. Egidien, St. Lorenz, St. Martha, St. Martin, St. Nikolaus ünd St. Ulrich, St. Sebald, Frauenkirche, Nikodemuskirche. Sowie im Eckstein und im Sebalder Pfarrhof. curt ist Medienpartner.
Alle Infos & Tickets unter www.musikfest-ion.de

curtTipp: nightflight St. Martha Kirche, 23 Uhr
24.06.    Hania Rani
25.06.    Mozart in neuem Licht
01.07.    Kristalle
02.07.    Pantha du Prince – Formen von Stille

curtTipp: NEXT GENERATION:
Zwei Konzerte mit dem Künstlerkollektiv Continuum Berlin unter der Leitung von Elina Albach stehen exemplarisch für diese „next generation“ der Barockmusik.
02.07. h-Moll-Messe von Bach
Albach hat Bachs epochales Werk hergenommen und neu bearbeitet für 7 Sänger:innen und ein kleines Barockensemble. Zwischen den einzelnen Abschnitten der h-Moll-Messe gibt es gedichete Reflexionen des Schweizer Poeten Jürg Halter.
03.07. Johannespassion zu dritt
Der Tenor Benedikt Kristjánsson singt allein alle Partien, begleitet nur von dem Percussionisten Philipp Lamprecht und Elina Albach am Cembalo und der Orgel. Dabei ist das Publikum eingeladen, die Choräle mitzusingen.




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