Biografische Aufarbeitung als Performance: Lykke Langers Winterkind
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Performerin Lykke Langer arbeitet in Zusammenarbeit mit Regisseurin Eleanora Allerdings ihre Kindheit in der DDR auf - eine Rezension zur 25. Aufführung.
Besprechung von Svenja Plannerer zuerst erschienen auf www.freieszenenbg.de.
Stellen Sie sich vor: Es ist Sommer, draußen hat es 30 Grad. Sie sitzen, eingepackt in zwei Pullover, lange Hosen, mehrere Paar Wollsocken und einen dicken Schlafsack, und frieren trotzdem. Woher das kommt, können Sie nicht so recht sagen – vielleicht könnte es daran liegen, dass Sie gerade erfahren haben, dass alles, was Sie über ihre Familie zu wissen glaubten, so nicht stimmt. Jetzt müssen Sie Ihre Erinnerungen neu bauen, Ihr Leben neu justieren, entscheiden, was sie glauben.
So ist es Lykke Langer ergangen, als sie in ihrer eigenen Biografie gegraben hat. In “Winterkind – Made in GDR” verarbeitet die 1973 in Leipzig geborene Performerin und Radiomacherin ihre Kindheit in der DDR. Sie wolle ihre Lebensgeschichte nicht reißerisch zur Schau, sondern zur Verfügung stellen, sagt sie – vor allem denjenigen, die Ähnliches erlebt haben wie sie.
Wie viele andere Kinder verbrachte Langer ab einem Alter von sechs Wochen ihre Kindheit im Betreuungssystem der DDR. Das bedeutete Wochen- und Tageskrippen, teils auch in Kinderheime. Die einschüchternde Disziplin und die emotionale Kälte, der sie dort ausgesetzt war, beeinflussen sie bis heute.
Die Bühne für ihre Aufarbeitung ist minimal: Ein paar weiße Hocker, ein paar rollbare Gitterstellwände. Eine davon ist mit weißem elastischen Material überzogen und dient so als zweite Leinwand, zusätzlich zur Rückwand des Raumes.
Langer und Regisseurin Eleanora Allerdings finden so simple wie auch geniale Bilder, um Langers Biografie fass- und fühlbar zu machen. Langer, auf dem Rücken der zwei Hocker liegend, strampelt als sechs Wochen altes Baby im fremden Bettchen der Wochenkrippe, während die Projektion des Weltalls im Hintergrund sie freischwebend im Kosmos verortet, losgelöst, ohne Halt, orientierungslos. Die Familie “sitzt” als vier Essbrettchen um eine auf dem Boden ausgebreitete Stofftischdecke, die, hochgeschlagen und gefaltet, zur Bettdecke wird. Stasi-Akten rieseln erst spärlich, dann in einem großen Haufen von einer der Gitterstellwände.
Sie nutzen Fotos und Videos mit großem Effekt. Mal treten die erwachsene Lykke Langer und ihre jüngere Version als Mädchen gemeinsam auf; doppeln Vergangenheit und Gegenwart. Dann wieder fügt sich die erwachsene Lykke in eine Gruppe Kinder ein, reist zurück in ihre Erinnerung, oder stellt sich mit ihnen in Reih und Glied auf, immer schön brav und ordentlich. Diese Ordnung, als Teil ihrer sportlichen Karriere im Wasserturmspringen, bietet ihr Zugehörigkeit, trotz des strengen und fordernden Alltags. Aber auch dessen wird sie beraubt.
Dazu kontrastieren Langer und Allerdings vielsagend DDR-propagandistische Lieder mit Punk: “Born in the GDR” und “Schweigen und Parolen” der Band Sandow gegen Oktoberklub mit “Wenn Leute unser Land verlassen” und das Kinderlied “Unsere Heimat”.
Nach seiner Premiere 2024 in Dresden hatte “Winterkind” nun seine 25. Aufführung in der Tanzzentrale der Region Nürnberg, und das Nachgespräch beweist, dass Langer und Allerdings‘ Konzept nicht nur als Dokumentarstück auf der Bühne aufgeht: Gleich mehrere andere “Winterkinder” sind gekommen und teilen ihre Erinnerungen mit Langer und den Anwesenden.
“Winterkind” schafft mehr, als nur berührend zu sein. Das Stück reicht tief in die Emotionalität der Zuschauenden hinein und macht es auf wertvolle Art fragil; man möchte es in den Händen halten wie ein aus dem Nest gefallenes Küken und es gleichzeitig schreiend mit allen teilen – eine wundervolle Zusammenführung von Geschichte, Gefühl und Bühnenkunst.
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Lykke Langer: Winterkind. Made in GDR
Gesehen am 03.10.2026, Tanzzentrale der Region Nürnberg.
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