Biografische Aufarbeitung als Performance: Lykke Langers Winterkind

SAMSTAG, 3. OKTOBER 2026, TANZZENTRALE REGION NüRNBERG E.V.

#Kritik, #Lykke Langer, #Performance, #Tanzzentrale, #Winterkind

Performerin Lykke Langer arbeitet in Zusammenarbeit mit Regisseurin Eleanora Allerdings ihre Kindheit in der DDR auf - eine Rezension zur 25. Aufführung.
Besprechung von Svenja Plannerer zuerst erschienen auf www.freieszenenbg.de.

Stellen Sie sich vor: Es ist Sommer, draußen hat es 30 Grad. Sie sitzen, eingepackt in zwei Pullover, lange Hosen, mehrere Paar Wollsocken und einen dicken Schlafsack, und frieren trotzdem. Woher das kommt, können Sie nicht so recht sagen – vielleicht könnte es daran liegen, dass Sie gerade erfahren haben, dass alles, was Sie über ihre Familie zu wissen glaubten, so nicht stimmt. Jetzt müssen Sie Ihre Erinnerungen neu bauen, Ihr Leben neu justieren, entscheiden, was sie glauben.

So ist es Lykke Langer ergangen, als sie in ihrer eigenen Biografie gegraben hat. In “Winterkind – Made in GDR” verarbeitet die 1973 in Leipzig geborene Performerin und Radiomacherin ihre Kindheit in der DDR. Sie wolle ihre Lebensgeschichte nicht reißerisch zur Schau, sondern zur Verfügung stellen, sagt sie – vor allem denjenigen, die Ähnliches erlebt haben wie sie.

Wie viele andere Kinder verbrachte Langer ab einem Alter von sechs Wochen ihre Kindheit im Betreuungssystem der DDR. Das bedeutete Wochen- und Tageskrippen, teils auch in Kinderheime. Die einschüchternde Disziplin und die emotionale Kälte, der sie dort ausgesetzt war, beeinflussen sie bis heute.

Die Bühne für ihre Aufarbeitung ist minimal: Ein paar weiße Hocker, ein paar rollbare Gitterstellwände. Eine davon ist mit weißem elastischen Material überzogen und dient so als zweite Leinwand, zusätzlich zur Rückwand des Raumes. 

Langer und Regisseurin Eleanora Allerdings finden so simple wie auch geniale Bilder, um Langers Biografie fass- und fühlbar zu machen. Langer, auf dem Rücken der zwei Hocker liegend, strampelt als sechs Wochen altes Baby im fremden Bettchen der Wochenkrippe, während die Projektion des Weltalls im Hintergrund sie freischwebend im Kosmos verortet, losgelöst, ohne Halt, orientierungslos. Die Familie “sitzt” als vier Essbrettchen um eine auf dem Boden ausgebreitete Stofftischdecke, die, hochgeschlagen und gefaltet, zur Bettdecke wird. Stasi-Akten rieseln erst spärlich, dann in einem großen Haufen von einer der Gitterstellwände.

Sie nutzen Fotos und Videos mit großem Effekt. Mal treten die erwachsene Lykke Langer und ihre jüngere Version als Mädchen gemeinsam auf; doppeln Vergangenheit und Gegenwart. Dann wieder fügt sich die erwachsene Lykke in eine Gruppe Kinder ein, reist zurück in ihre Erinnerung, oder stellt sich mit ihnen in Reih und Glied auf, immer schön brav und ordentlich. Diese Ordnung, als Teil ihrer sportlichen Karriere im Wasserturmspringen, bietet ihr Zugehörigkeit, trotz des strengen und fordernden Alltags. Aber auch dessen wird sie beraubt.

Dazu kontrastieren Langer und Allerdings vielsagend DDR-propagandistische Lieder mit Punk: “Born in the GDR” und “Schweigen und Parolen” der Band Sandow gegen Oktoberklub mit “Wenn Leute unser Land verlassen” und das Kinderlied “Unsere Heimat”.

Nach seiner Premiere 2024 in Dresden hatte “Winterkind” nun seine 25. Aufführung in der Tanzzentrale der Region Nürnberg, und das Nachgespräch beweist, dass Langer und Allerdings‘ Konzept nicht nur als Dokumentarstück auf der Bühne aufgeht: Gleich mehrere andere “Winterkinder” sind gekommen und teilen ihre Erinnerungen mit Langer und den Anwesenden.

“Winterkind” schafft mehr, als nur berührend zu sein. Das Stück reicht tief in die Emotionalität der Zuschauenden hinein und macht es auf wertvolle Art fragil; man möchte es in den Händen halten wie ein aus dem Nest gefallenes Küken und es gleichzeitig schreiend mit allen teilen – eine wundervolle Zusammenführung von Geschichte, Gefühl und Bühnenkunst. 

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Lykke Langer: Winterkind. Made in GDR
Gesehen am 03.10.2026, Tanzzentrale der Region Nürnberg.




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#Kritik, #Lykke Langer, #Performance, #Tanzzentrale, #Winterkind

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THEATER MUMMPITZ. Man kann ja nie früh genug mit der Gruppen-Therapie der German Angsthasen und ihrer immerwährenden Vollkasko-Mentalität anfangen. Also schickt das Nürnberger Theater Mummpitz zum Auftakt in die 46. Saison die Generation 6+ mit der hausgemachten Uraufführung Schlimm Schlimm aufs heilende Chaka-Karussell zwischen Schießbude und Geisterbahn. Ja, wenn’s hilft, lautet die sanft blinkende Botschaft.

Der Plüsch-Angsthase erobert symbolisch die Kulisse und Aufmerksamkeit, noch bevor nostalgischer Schallplatten-Sound, wie von Geisterhand in Gang gesetzt, durch die fahle Kinderzimmer-Szenerie knistert. Am Ende überlistet die trostreiche Absicht dieses durchweg leichtfüßigen Mutmachwerks doch glatt die Logik der Wirklichkeit. Dann ist der ganze Spuk in der Geisterbahn Schlimm Schlimm vorbei. Und mit ihr die Ängste, die die neunjährige Luzie mit Vorliebe im Bett umstellen. Ob Mörder, Monster oder Marder, Nacktschnecken oder schlechte Noten, Phantasie-Monster oder Schulflegel – das Gruselige ist immer und überall: Lauert unterm Teppich und dem Bett, als Skelett im Bühnen-Hintergrund oder als handfester Raufbold auf dem Pausenhof.

Meist hilft da eine Stinkbombe oder ein Handkantenschlag zur Bereinigung der bedrohlichen Situation. Manchmal aber auch, den Angstgegner einfach wegzuzwinkern. Weiß die schnelle Eingreiftruppe aus den Erinnerungsfetzen der Filmgeschichte, die mit allen Ticks und Tricks arbeitet und dem Mädchen zur Seite steht. Die Geisterjäger, die man rief, leisten denn auch ganze Komödiantenarbeit. Judy Punk (Sabine Zieser im fließenden Rollentausch zwischen Kraft-Punk und Luzie-Leidensdruck), CoolCool7 (Michael Schramm im James-Bond-Smoking mit Schuhtelefon und Cocktailglas) und Herr Dutschke (Özgür Kantar als schlappohriger Gefühlsanker) treiben diese Suche nach dem Selbstvertrauen voran. Lustigsein verscheucht die Monster in uns und macht gute Laune.

Regisseurin Andrea Maria Erl hat mit dem Trio und Bühnenbildnerin Maria Pfeiffer ein typisches Mummpitz-Stück geschaffen, das Musik und Moral, Humor und Bildwitz vereint. Luzies Bett mutiert zur Riesenrad-Gondel, dient als Schießbude oder fährt als Geisterbahn-Wagen durch den Kleiderschrank. Die Inszenierung setzt mit Schlagzeug, Gitarre und Sax auf den Charme des Dilettantischen und kitzelt auch sonst an den Nerven, legt sie aber nicht blank. Da gerät auch der Schrecken der Geisterbahn zum Schauplatz einer Verwandlung und macht aus Luzie einen ganz neuen, mutigen Menschen. Das Leben könnte so einfach sein. Man müsste einfach mehr auf den Rummelplatz gehen. Diese Besuche sind bekanntlich immer Mutproben.

Die Mummpitz-Gemeinde feierte die Schlimm Schlimm-Premiere jedenfalls. Auch wenn dieses Mal das Ergebnis hinter der Idee zurückblieb. Glanzleistung hin oder: Illusionen dürfen sich weiter lohnen. 

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Theater Mummpitz: Schlimm, schlimm (6+)

Termine

Di 13.10.2026, 10:00 Uhr
Mi 14.10.2026 10:00
Do 15.10.2026 10:00
Fr 16.10.2026 10:00
Sa 17.10.2026 16:00
So 18.10.2026 15:00
Di 20.10.2026 10:00
Mi 21.10.2026 10:00
Do 22.10.2026 10:00
Fr 23.10.2026 10:00
Sa 24.10.2026 16:00
So 25.10.2026 15:00
Mo 26.10.2026 10:00
Di 27.10.2026 10:00
Mi 28.10.2026 10:00
Do 29.10.2026 10:00

Eine Wiederaufnahme ist für Mai 2027 geplant.

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KULTURWERKSTATT AUF AEG. Berühmt wurde die Niederländerin Margaretha Geertruida Zelle durch exotische, verführerische Tänze, berüchtigt weil ihr während des erste Weltkriegs die Rolle einer Agentin für die Deutschen nachgesagt wurde, Deckname H 21. 1917 wurde sie hingerichtet, bis heute bleibt ihre Schuld jedoch umstritten. Als Mata Hari wurde Margaretha zum Mythos, zur Projektionsfläche und zum Symbol nicht nur für Verführung und Geheimnis, sondern auch für die Macht des Erzählens an sich. Die Choreografin Eva Borrmann und die Tanzwissenschaftlerin Dörte Kordzumdieke widmen sich diesem Mythos in der Lecture Performance Plan Mee: Salon Mata Hari in der Kulturwerkstatt auf AEG. Als Lecture Performance versteht man eine Aufführung an der Schnittstelle von Vortrag und theatraler Performance. Borrmann und Kordzumdieke bauen aus biografischen Fragmenten ein Porträt, das bewusst auch die Leerstellen der Überlieferung offenlegt. Im Fokus stehen Brüche, Widersprüche und das Unausgesprochene – jene Momente, in denen Biografie zur Behauptung und Interpretation zur Waffe wird. Premiere am Samstag, 10.01., 20 Uhr in der Kulturwerkstatt auf AEG. 

Weitere Termine:
11.01.2026, 19Uhr
24.01.2026, 20Uhr
25.01.2026, 19Uhr

Außerdem im Experimentiertheater der FAU in Erlangen: 
22.04.2026, 19Uhr                                   
23.04.2026, 19Uhr

Weitere Infos: www.planmee.de  >>
TAFELHALLE. Es gibt ein neues Kunstkollektiv in Town, das einen tatsächlich sehr radikal eigenen Ansatz der Performance wählt: roams (wohl bekannt aus der Nürnberger Szene: Harald Kienle, Michaela Pereira Lima, Veith von Tsotzhousn und Maria Trunk) verbinden bildende und darstellende Kunst in einem drei Tage andauernden Tanz ums Holz.

Konkret handelt sich bei der Aufführung roams: adventures um ein Bühnenstück mit einem wachsenden Bühnenbild, das selbst Kunstwerk und Protagonist ist. Dieses Bühnenbild von Harald Kienle wiederum setzt sich aus Klanghölzern zusammen, die von Veith Michel bespielt werden, gibt also auch einen Sound ab und verändert sich unterm Einfluss der Choreografie der Performenden Pereira Lima, Markl und Bess. Inhaltlich dreht sich das experimentelle Stück um das Ursprüngliche, das die Gesellschaft zusammenhält, symbolisch verbildlicht im Holz. Das Spiel drum herum ist auch eines mit dem Risiko, die Performenden setzen ihr eigenes Bühnenbild aufs Spiel: Wird es zusammenkrachen wie ein Jenga-Turm? “Das Fallen, das Zusammenkrachen, das Ungeplante ist stets Teil des Prozesses”, sagt Maria Trunk aus dem Produktionsteam. 

Die drei Aufführungen von roams_adventures bauen aufeinander auf und funktionieren jeweils für sich. Sie sind sind in allen Sprachen, Kulturen und Generationen verstehbar. Das Publikum wird Teil eines skuplturalen Erlebens und eines Dialogs zwischen Raumkörpern, Menschen, Hölzern und Klängen. 

Spannendes Projekt, alle Infos hier:

roams: adventures
20.-22.11., Tafelhalle


Konzept, künstlerische Leitung & Produktionsleitung: Michaela Pereira Lima & Harald Kienle
Regie: Nicole Schymiczek
Soundkunst: Veith von Tsotzhousn
Performance: Michaela Pereira Lima, Miriam Markel, Barbara Bess
Video: Linda Havenstein
Lichtdesign: Gunnar Tippmann und Saša Batnozic
Grafik: Steffi Probst
Klangstapler:innen: Moritz Kienle, Natacha Cayrol, Chan Bess, Lola Pereira Lima
Ground Control: Maria Trunk
Coaching: Katharina Tyllack
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ZUKUNFTSMUSEUM / AEG. Das Brachland-Ensemble zieht bei seiner neuesten Produktion alle technischen Register, sie findet nämlich im Zukunftsmuseum statt. Interspecies Families ist vieles: ein Theater-Performance-Talk, Infotainment, TechNovela. Bezugspunkt ist die Familie, die sich nicht mehr nur aus Mensch und Tier zusammensetzt, auch die KI ist Teil des Haushalts. Wir haben Theo Fuchs zur Premiere geschickt, er schreibt: "Es bleibt letzten Endes der Mensch und seine Körperlichkeit im Mittelpunkt. Der bodennahe Ausdruckstanz, den Sarah Plattner im Duett mit einem der Regenwürmer auf dem Körper improvisiert, während Ludger Lamers das Winden und Wälzen filmt, hinterlässt wohl den stärksten visuellen Eindruck der Vorführung." Ganze Besprechung HIER. Weiter geht's mit der TechNovela am 26.04. Dann monatlich bis Oktober. Gäste und Inhalte wechseln, es lohnt sich also, jede Folge zu sehen.

Etwas wieder ganz Anderes präsentiert Brachland in der Kulturwerkstatt auf AEG. Am 09.05. feiert dort The Beginning Premiere, ein inklusives Projekt in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe, das Science Fiction und Dokumentation, Performance und Film vermischt. Das Projektteam hat sich mit dem Ende der Menschheit auseinandergesetzt, mit dem Weiterleben der Spezies auf fernen Planeten, mit realen Szenarien für die Erde. Auf der Leinwand werden Expert:innen-Interviews zu sehen sein. Auf der Bühne setzt sich die Gesellschaft zusammen, eine mixed-abled Gruppe, die eine Zukunft eerdenkt und vielleicht neue konstruktive Lösungen entwerfen kann. Weitere Aufführungen am 10. und 11.05.

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Brachland-Enssemble
Im Zukunftsmuseum und in der Kulturwerkstatt Auf AEG
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GOSTNER HOFTHEATER. Das Gostner in seiner Spielzeit der Wagnisse lässt auf die Thamm-Uraufführung eine Stückentwicklung folgen. Was heißt, aus Bochum wurde das Theater- & Performancekollektiv von Patricia Bechtold und Johannes Karl, äöü, eingeladen, das sich mit Produktionen an der Schnittstelle zwischen Theater, Performance und Installation einen Namen gemacht und bereits einige Preise eingeheimst hat. In Nürnberg setzten sich Bechtold und Karl und ihr Team (auf der Bühne neben den beiden: Matthias Eberle und Robin Braun) mit einer Flaneurin auseinander, die auf alles kackt, was uns lieb ist, einer Großstadtbewohnerin mit fragend geneigtem Köpfchen, der bislang selten zugehört wurde: Wenn die Tauben singen ist ein verspielter, musikalischer, schillernd bunter Abend, der wie ein Kessel 60s-Showkonfetti daher kommt und am Ende aber noch ein paar ernste Botschaften mit im Gepäck hat. Läuft bis 12.04. Und wird in diesem Gostner Hoftheater direkt von der nächsten Stückentwicklung abgelöst: Das neue Ensemble des Gostner, Johanna Steinhauser, und die vom Tanz her kommende Regisseurin Johanna Heusser untersuchen anhand der sieben biblischen Todsünden Faulheit, Neid, Hochmut, Völlerei, Gier, Lust und Zorn, wie das Bild der Frau von der Geschichte genährt wurde und was passieren würde, wenn die Frau aufhören würde, gefallen zu wollen, sich zu benehmen, sich anzustrengend. Die Zornigen – ein Stück mit viel Bewegung und ohne Worte, ab 15.05.  

Gostner Hoftheater   
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