Theobald O.J. Fuchs: Die Legende von der heiligen Übermutraud

FREITAG, 1. MAI 2026, AUF EINEM BERG



Ü. wird in der röm.-kath. Kirche als Heilige bis zum heutigen Tage verehrt und zwar so etwas von. 
hilft Kindern und Jugendlichen, die im Herbst schwere Steingutöpfe mit den Sukkulenten in den Keller schleppen müssen und sich dabei mit Widerhaken bewehrte Stacheln ins Gesicht rammen. 
wird weltweit angerufen, wenn die Stacheln von Opuntien, die sogenannten Glochiden, nur beschwerlich aus Wange, Stirn und Kinn herauseitern. 
Schutzheilige der Blechdosenmacher, der Verplappervögel und der der amateurmäßigen Spione. 
Darstellung: mit Pinzette und Dosenöffner in den Händen.


Auf einem sehr felsigen Berg neben einer sehr verschlafenen Stadt lebte die Eremitin Übermutraud [Übermutraud - mit »au«, nicht zu verwechseln mit Untermutrude, die im mittelspäten Byzanz verehrt und über ziemlich verwickelt Umwege Patin für den osmanischen Vorname »Umut« wurde.]. Seit Jahrhunderten tat sie das, denn sie hatte geschworen, erst wieder von dem Berg herabzusteigen, sobald eine Kuh die Stadt regieren würde. Sie versprach sich davon Vernunft und Gerechtigkeit für die Menschen, die sie komplett durchschaut zu haben meinte. Ganz im Vertrauen: Es gab nicht wenige, die ihr darin zustimmten. 

Ü. kam aus einer Lebenserfahrung hervor, die nicht im geringsten von Auffälligkeit geplagt war. Sie lebte wirklich, kein Scheiß, einfach so oben auf dem Berg, in einer Höhle, die dort in den Fels hineintunnelte. Wie eine Bergziege soll sie über die steinigen Hänge gehüpft sein, trittsicher und unerschrocken. Dass sie obendrein zaubern konnte, stand unstrittig fest, denn sie trug alle Woche ein neues buntes, wallendes Kleid, ohne dass jemand hätte sagen können, woher dieses stammte. Selbst nach Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als es üblich wurde, die Aktivitäten der Heiligen von einer der drei Aussichtsterrassen der Stadt per Fernglas zu »watchen«, konnte niemand beobachten, wie sich Übermutraud mit den Gegenständen des Alltags versorgte. 

Doch der Reihe nach*.
Es ist, in kosmischen Maßstäben gemessen, noch nicht allzu lange her, dass ein Ritter namens Guiltiero [Heute als Vorname »Walter« mehr oder weniger gebräuchlich, insbesondere bekannt durch Mike Krüger, der 1975 seinen ersten Plattenerfolg mit dem Lied »Mein Gott, Walther« hatte, das 32(!) Wochen auf Platz eins der deutschen Hitliste stand.], welcher auf der Suche nach einer potentiellen Ritterin war, die er umwerben könnte, von Übermutraud hörte und stante pede** beschloss, dass sie es sei und sonst keine. Das aber geschah zu einer Zeit, als Ritter noch in einen Panzer gehüllt durch die Landschaft hoppelten, von den eisernen Hosen und Schlappen, die alles andere als für eine sportliche Nutzung im Gebirge „designt“ waren, ganz zu schweigen. 

Übermutraud war der Sache gegenüber nicht grundsätzlich abgeneigt, allerdings fühlte sie das Bedürfnis, den Kandidaten – wenigstens der Form halber, wie sie dachte – zu „challengen“, ob er für das Leben in der steinigen Steilheit geeignet wäre. Deshalb gab sie ihm ein unmissverständliches Zeichen, dass es sich lohnen würde, ihr auf dem Fuße zu folgen und hüpfte den Berg hinan, um etwas oberhalb, hinter einer weiteren Kehre des Weges über einen barbarisch tiefen Spalt im Fels zu springen. Es ist durchaus möglich, dass der Spalt für Leute, die die lokalen Gegebenheiten nicht unbedingt bis ins letzte Detail kannten, etwas schwierig zu bemerken war. Vielleicht war da auch ein Gebüsch, das sich darüber neigte oder der etwas ungünstige Schatten eines niedrigen Kaktusgewächses – im Nachhinein spielten die genauen Umstände keine Rolle mehr. 

Besucher, die auch in den folgenden Jahren allenfalls sporadisch auftauchten, berichteten, Übermutraud habe stets bestritten, die felsige Einöde alleine zu besiedeln. Vielmehr habe sie Leutchen, die sich einfühlsam nach ihrem Liebesleben erkundigt hatten, zum Spalt im Fels geführt, dort einen Stein vom Boden aufhoben und in den trockenen Riss fallen lassen. Woraufhin aus der Tiefe blechernes Klappern, eine Art hohles Läuten wie der Schlag eines Klöppels an eine leere Zinkwanne erklungen sei. 

Irgendwann allerdings wurde Übermutraud sehr traurig, weil sie halt überhaupt gar keine Menschlein mehr sah, und man kennt die Legende, dass ein kleines blaues Vögelchen sich ihr genähert und ein Geheimnis ins Ohr gezwitschert habe – das Vögelchen habe die Einsiedlerin zu einer unscheinbaren Öffnung in der Felswand geschickt, in der Übermutraud bisher nichts anderes vermutet habe als einen verschissenen Nistplatz für Tauben. Doch stellte sich als zutreffend heraus, was das Vögelchen sprach. Dass dieser Spalt nämlich durch den ganzen Berg hinabreichte bis in ein Gewölbe, welches den hinteren Teil eines Wirtshauses darstellte, das wiederum unter den auskragenden Berg gezimmert worden war. Diese wundersame Röhre gestattete es der Eremitin, den Gesprächen in der Herrenstube zu lauschen, die dort ein paar Kilometer entfernt allabendlich geführt wurden. Dem Inhalt dieser abgelauschten Reden gebrach es selbstverständlich an Niveau, ja es ist sogar anzunehmen, dass es der Entwicklung von Übermutrauds kulturellem Geschmack nicht wirklich zuträglich war, all die dümmlichen Kalauer, Frauen verachtenden oder rassistischen Sprüche und Zoten sowie ordinären Beschimpfungen mitzuhören. Angesichts des barbarischen Mülls, der heutzutage unseren Internet-Endgeräten entströmt, jedoch wiederum unfassbar harmlos. 

Ein wirklich unglaubliches Wunder geschah dann bei der letzten Wahl für den Stadtrat. Denn auf verschlungene, nachgerade komplexe Weise ergab es sich, dass im Parlament die links gerichteten progressiven Kräfte auf genau die gleiche Anzahl Abgeordneter kam als die rechten, konservativen Parteien. Außerhalb der beiden verfeindeten Blöcke verblieb nur noch die singuläre Abgeordnete einer einzigen weiteren Partei, nämlich der Tierschutzpartei. Der wirklich strengen, ultimativen Tierschutzpartei, deren Anhänger so ultimativ den Schutz der Tiere verfolgten, dass sie – wer hätte es nicht längst erraten? – eine Kuh in den Stadtrat schickten. Bei allen Abstimmungen ergab sich nun die unzweideutige Situation, dass die Stimme dieser Kuh über das Endergebnis entschied. 
Und so kam es zum zweiten Mal dazu, dass aus der Stadt das blaue Vögelchen herauf flog und auf Übermutrauds Schulter landete. Es überbrachte die frohe Nachricht: »Es ist so weit: die Stadt wird von einem echten Rindvieh regiert. Nun kannst du hinab kommen und das ganz große Kasperletheater, das wir da unten aufführen, ›joinen‹.« 
Übermutraud stieg, wie sie einst geschworen, herab vom Eremitenberg, kaufte sich ein Motorrad und wurde eine regional leidlich bekannte Comedienne. Der großen Erfolg blieb ihr aber versagt, denn das Publikum besteht halt aus männlichen, weißen, wohlstandsverwahrlosten Boomern, denen kein Haudrauf-Humor zu abgedroschen ist, solange er ihre Vorurteile aus den guten alten Didi-Hallervorden-Jahren bestätigt. Leider nur sehr mühsam totzukriegen, der Quatsch. 

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Dies und alles Weitere findet man auf der wilden Website 
www.theobald-fuchs.de
 
Fußnoten 
* diese Phrase ist ironisch gemeint, nur für den Fall, dass jemand mitliest, der/die noch nicht bemerkt hat, wie diese völlig verblödete Mode in-
zwischen die verschiedensten Journallien und Magazine infiziert hat. Manchmal erscheint es echt so, als müsste man heutigen Tages wirklich jede Anspielung und jegliche Ironie mühsam aus-ixen, aber alles der Reihe
nach. 
** bei einem Ritter muss man daher freilich davon ausgehen, dass es sich bei dem »stehenden Fuße« um einen eisernen handelte. Interessant und komplett zusammenhangslos an dieser Stelle die Konnotation mit »Eisenfuß«, welcher ungefähr zur Zeit meiner Jugend genutzt wurde, um auf dem Gaspedal eines KFZ zu stehen – oder gründeln hier in den dunkelsten Untiefen der Sprache gleichsam noch unentdeckte Zusammenhänge? Wir werden sehen! 




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