Ethische Abseitsfallen: Premiere des FCN-Stücks am Staatstheater

SONNTAG, 19. APRIL 2026, STAATSTHEATER



Gelungene Uraufführung: Das Fußballstück „Heulen mit den Wölfen“ von Maren Zimmermann und Ron Zimmering in den Nürnberger Kammerspielen
Von Andreas Radlmaier

„Bleibt mutig!“ lautet die finale Aufforderung dieser Aufführung. Dann flattern die Archivfotos mit den unangenehmen Erinnerungen an Feigheit und Verrat, an Sündenböcke und Stumpfheit aus den geöffneten Spinden in der Sportkabine. 90 Minuten läuft da das überraschend starke Spiel in den Nürnberger Kammerspielen, und dieses Doku-Drama über den Mythos Fußball im Allgemeinen und den Club im Besonderen hat längst gewonnen. „Heulen mit den Wölfen“ sucht in der Verschränkung von Nazi-Ungeheuerlichkeit und heutiger Fan-Begeisterung die Standortbestimmung von scheinbar unausrottbarer Diskriminierung, die von Ängsten und Vorurteilen befeuert wird. 1933. Aber auch 2026.

Die Spielanordnung der Uraufführung liest sich auf den ersten Blick wie auf dem Reißbrett der viel beschworenen Erinnerungskultur angelegt. Doch die Erwartung wird enttäuscht, der Zeigefinger piekst spielerisch in die Hohlräume der Menschlichkeit. Autorin Maren Zimmermann, vor etlichen Jahren Dramaturgin am Staatstheater, hat mit Regisseur Ron Zimmering die Buchvorlage des FCN-Spezialisten Bernd Siegler weitergesponnen in die Gegenwart. Im vorauseilenden Gehorsam löschte der „Club“ damals 142 jüdische Mitglieder aus dem Verein und sammelte nach dem NS-Wahnsinn natürlich Persilscheine, bis hinauf zum Vereinspräsidenten, der 19 Jahre im Amt blieb. Heulende Wölfe, selbstheilende Wirkung. Nazi war niemand, logisch, Opfer immer. Passierte ja alles nur, „um diesen Verein vor dem Zugriff der Partei zu schützen“ und, naja, die „deutsche“ Kultur zu pflegen.

Der Fußballplatz ist auch ein Festplatz für alle Verdrängungskünstler. Für Menschen wie mich, die immer wieder staunend an der Seitenlinie des Lebens stehen, wenn Urlaube mit Kreuzfahrtschiffen oder Autorennen Begeisterung auslösen, gehört auch die Hardcore-Hingabe zum (Geschäfts-)System Fußball dazu, der ja gerne politische Neutralität für sich in Anspruch nimmt.

Von „Alltagsfluchten“ und dem „letzten sozialen Lagerfeuer unserer Gesellschaft“ ist dann auf der Bühne auch die Rede, vom Wunsch, einmal Held in Haßfurt zu sein und eine Leidenschaft, die Leiden schafft und Heimat liefert, als Lebensgefühl zu kultivieren. Diese Legende bleibt kleben. Als die Mannschaft auf der Bühne die FCN-Hymne „Die Legende lebt“ schmettert (übersetzt obendrein von einem jugendlichen Gebärdendolmetscher), singt der Saal mit und spendet Szenenapplaus wie für einen ans Herz gehenden Spielzug.

Möglicherweise wäre das Morlock-Stadion der noch bessere Resonanzraum, Tat- und Spielort für dieses Stück, das immer wieder auf die ethischen Abseitsfallen des Fußballs weist. Maren Zimmermann und Ron Zimmering wählen eine kluge Strategie, verknoten im vermeintlichen kühnen Sprung Diktatur und Demokratie, Empathie für den Ball und Befremden mit den alltäglichen Begleiterscheinungen.

Dazu wird Recherchematerial eingeblendet mit dem ehemaligen Club-Präsidenten Thomas Grethlein, mit der Ethnologin Rachel Etse und der Kriminologin Thaya Vester, die sagt: „Fußball hat nicht die integrative Kraft, die ihm zugeschrieben wird.“ Später wird diese Aussage von einer munteren Kickerin im Dress relativiert werden. Es gebe die verbindende Kraft, aber die Frage sei doch, für was und gegen wen der Fußball sich verbinde.

Der kollektive Ansatz der Inszenierung spannt Laien und Profis (Valentina Schüler, Stephan Schäfer, Justus Pfankuch) überzeugend zusammen. Die 13-köpfige Mannschaft spielt präsent und individuell, anrührend und ungeglättet, aber dadurch von charmanter Authentizität. Positive Energie strahlt das auch noch aus. Die Figuren erzählen von sich zwischen Saunagang und Aufwärmtraining, zwischen Hooligan-Attacke und reiner Lust. Frisch und frech wie Annemarie Oyelade, die es leid ist als Nürnbergerin im Z-Bau als Aufklärungsbeauftragte zu fungieren. Wenn Christian Stuhlfauth, im wirklichen Leben Pfarrer und Großneffe der Torwart-Legende Stuhlfauth, eine Kabinenpredigt einbaut, wo es um die Parallelen von Messe und Stadion geht, um Rituale und Skepsis und die Frage, ob Gott nicht letztendlich der Ball im ganzen Spiel ist, betont das den ganzen Reiz des Abends.

Die Spielregeln des Fußballs taugen, so die Botschaft, auch fürs ganz normale Zusammenleben. Stehende Begeisterung in den Kammerspielen für eine der stärksten Produktionen in der laufenden Saison.
Infos unter: www.staatstheater-nuernberg.de.

Weitere Termine:
So., 26.04.2026, 18 Uhr
Do., 30.04.2026, 19.30 Uhr
So., 03.05.2026, 18 Uhr
Mi., 13.05.2026, 19.30 Uhr
Sa., 30.05.2026, 19.30 Uhr
Do., 18.06.2026, 19.30 Uhr
Sa., 27.06.2026, 19.30 Uhr
 




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