Von der Freude an der Menschenverachtung

27. FEBRUAR 2026 - 27. FEBRUAR 2026

#Coaching, #Leo von Trapp, #Marian Wild, #Megaplot, #Silvan Wilms, #Weh uns

Die Veranstaltung WEH UNS! Ist uns noch zu helfen? „Wie wir Gemeinschaft werden“ von MEGAPLOT ist nach hinten losgegangen, auf die übelste Art. Was als „Abend der Solidarität“ versprochen war, wurde zur bodenlos schädlichen Groteske. Ein Kommentar von Marian und Silvan.

Man wird schon stutzig, als an der Kasse verschiedenfarbige Armbänder verteilt werden. Die Veranstaltung sei interaktiv, erfährt man. Nichts Neues im heutigen Theater, denkt man sich, und verlässt den Raum nach zwei Stunden doch fassungslos. Doch von vorne: MEGAPLOT, das sind Martin Fürbringer und Claudia Schulz, die sich für die fünf Vorstellungen, deren Premiere wir beiwohnten, „einen Experten auf dem Gebiet der Solidarität ins Boot geholt“ haben, wie der Infotext auf der Veranstaltungsseite behauptet. „Leo von Trapp aus Biehl (Schweiz) ist Solidaritätstrainer sowie systemischer Coach. Er ist spezialisiert auf die Arbeit mit größeren, heterogenen Gruppen.“
So beginnt der Abend mit kostenloser Suppe und einem schneidigen Mann, der seinen Workshop startet. Man sitzt an Tischen in einem altertümlichen Wirtshausraum, etwa 25 Personen haben sich eingefunden. Leo von Trapp, über den man keine weiteren Infos findet, weil er die Kunstfigur ist, die MEGAPLOT gescriptet haben, beginnt sein Coaching mit klassischem Flipboard und Edding. Die Botschaften sind klischeehaft, der Ton des Coaches ist offensichtlich bewusst aggressiv und unsympathisch, soweit, so erträglich. Auch die Steigerung – erwartbar: Coaching-Spiele, Quiz, Petition, dazwischen Arbeiterlieder von Karl Marx, in zunehmend autoritärerem Duktus. Man fühlt sich an „Die Welle“ erinnert, das Buch, in dem ein Lehrer seine Klasse Schritt für Schritt zu einer faschistoiden Einsatztruppe formt, bis ihm sein Werk entgleitet. Entgleiten, das trifft hier auch den Kern. Das offensichtlich intendierte Sozialexperiment geht schief, das Publikum ist entweder still oder macht gute Miene zum bösen Spiel. Als doch einmal eine Person verhaltenen Widerspruch aus dem Publikum äußert, fällt das Wort „Jude!“, als aggressive Beschimpfung. Dieser widerwärtige Übergriff ist für uns unerträglich genug, nicht auszudenken es träfe etwa tatsächlich eine jüdische Person, deren Anwesenheit im Publikum keineswegs ausgeschlossen werden kann. Man fragt sich, auf wessen Kosten der bittere Scherz gehen soll, der hier veranstaltet wird, wenn der Coach teilweise antisemitische Äußerungen und massenweise Fake-News in seine Monologe einstreut, die oftmals subtil verpackt sogar ganz seriös daherkommen. Denn es sind nicht nur offensichtlich satirische Imitationen rechter Hetze, sondern eben auch vermeintlich wissenschaftlich mit Zitaten untermauerte Behauptungen, etwa zu einer angeborenen Solidaritätsfähigkeit des Menschen. Entwicklungspsychologisch ist das völliger Humbug, aber man hat nicht den Eindruck, dass das den meisten Anwesenden bewusst wäre.  Geschmacklose Scherzchen über den Tod eingewoben in eine manipulative Pseudo-Psychologie. Was wird vorgeführt? Die Willfährigkeit, Autoritarismus geschehen zu lassen, weil niemand einschreitet? Nein, denn die Veranstaltung ist deutlich zu sehr als theatralische Aufführung erkenntlich, gleichzeitig wird die berühmte vierte Wand des Theaters so penetrant durchbrochen, dass alle Anwesenden in die Veranstaltung hineingezogen werden – ob sie wollen oder nicht. Irgendwie sollte das ganze wohl der brachial aus dem Ruder gelaufene Versuch einer Brecht-Hommage sein, zumindest wird er viel zitiert an diesem Abend. Aber auch dieses Konzept geht nicht auf. Denn genau genommen ist das scheinheilige Hologramm einer vierten Wand, das da projiziert wird, weder wirklich gebrochen noch wirklich vorhanden: Theater genug, damit man sich denkt, dass das ja immer noch irgendwie nicht echt, irgendwie nur ein Spiel „als ob“ wäre; und gleichzeitig zu real, zu wenig „als ob“, zu viel echte Manipulation. Dieser Rückzug in die Ambiguität ist zwar rechtlich ganz im Rahmen der Kunstfreiheit, aber weder künstlerisch gelungen noch gesellschaftlich verantwortungsvoll. Tatsächlich ist er gefährlich und feige.
Falls diese Farce Satire sein sollte, so war sie zu uneindeutig als Satire gekennzeichnet. Falls es Humor sein sollte, so war dieser im besten Falle geschmacklos und in den übelsten Fällen schlicht menschenverachtend. Falls es entlarvend sein sollte, so fand zu wenig Entlarvung statt, denn die Imitiation faschistoider Mechanismen ist noch lange kein Antidot gegen solche. Dabei sollte es doch ein Abend sein, der Solidarität fördert.
Um es deutlich zu sagen, das hier ist keine Kritik an einem schlechten Theaterstück, es ist der Hinweis, dass diese Veranstaltung in unerträglicher Weise Themen und Mechanismen an einem Publikum auslässt, die an psychologische Misshandlung grenzen, ohne irgendein Sicherheitskonzept, ohne jegliche Intention die Menschen emotional wieder aufzufangen. Ein zynischer, auch am Ende unaufgelöster Gewaltakt. Bis zuletzt wartet man noch auf eine theatralische Wendung, und verlässt doch nach zwei Stunden bebend vor Wut den Saal, ohne, dass es eine moderierte Anschlussdiskussion oder irgendeine Einordnung gegeben hätte. Kulturschaffende haben eine Verantwortung, wenn sie sich wichtigen Themen widmen. Die Würde der Anwesenden zu achten, nicht nach unten zu treten, komplexen Themen wie der NS-Zeit mit der nötigen Ensthaftigkeit zu begegnen. Und sich nicht hinter einem ausgedachten Lebenscoach zu verstecken und einem Infotext, der keiner ist, sondern bereits Teil der Täuschung:

Fürbringer/Schulz: „Wir haben Herrn von Trapp und seine Arbeit im vergangenen Jahr auf einem Kongress zum Thema Demokratie und Gesellschaftsorganisation in Berlin kennengelernt und schnell gemerkt, dass wir an den gleichen Inhalten interessiert sind. Während wir mit theatralen Mitteln arbeiten, greift von Trapp auf wissenschaftliches und psychologisches Know-How und auf seine jahrelange praktische Coaching-Erfahrung zurück.“

Nichts davon ist wahr.

Nicht in Kontext gesetzte Fake News, psychologische Manipulation, mit der man die Besuchenden danach allein lässt, verbale Übergriffigkeiten und „Mitmachaktionen“, die geeignet sind, Leute ohne Einwilligung bloßzustellen, das sind die Zutaten, aus der die bittere Suppe dieses Events gekocht ist. Der Erkenntnisgewinn beschränkt sich darauf, wie Menschen wohl in einer Sekte landen, freudig johlend. Eingeordnet wird so gut wie nichts. Wenn dieser antiaufklärerische Abend irgendetwas gefördert hat, dann sicher keine Solidarität, sondern Misstrauen, Verunsicherung und Falschinformationen.

Man hätte es besser sein lassen.
 




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