ZU VIELE RETTUNGSWESTEN? SEENOTRETTUNG IN ZEITEN DER ABSCHOTTUNG

DONNERSTAG, 12. FEBRUAR 2026

#Engagement, #Interview, #Migration, #Sea-Eye-Nürnberg, #Seenotrettung

Migration ist aktuell eines der heftigsten politischen Streitthemen, wobei es oft mehr um Zahlen geht als um Menschen. Es gibt aber auch jene, die sich unermüdlich dafür einsetzen, den Menschen hinter den Zahlen zu helfen. Was bedeutet so ein Engagement heute? Euer curt-Reporter Silvan hat nachgefragt.

SILVAN: Liebe Nina, du engagierst dich im Team der Nürnberger Ortsgruppe von Sea-Eye, einem gemeinnützigen Verein zur Seenotrettung im Mittelmeer. Was genau umfasst eure Arbeit?  
NINA: Sea-Eye als Verein betreibt ein Rettungsschiff, um damit flüchtende Menschen, die bei der Überquerung des Mittelmeers in Seenot geraten, vor dem Ertrinken zu retten. Wir als Lokalgruppe gehören bei Sea-Eye zur Landcrew, also im Gegensatz zu den Menschen, die tatsächlich auf dem Schiff mitfahren, unterstützen wir die Arbeit von Land aus. Das beinhaltet zum einen Spenden zu sammeln, aber vor allem auch Aufklärungsarbeit und dafür zu sorgen, dass das Thema nicht in Vergessenheit gerät. Dafür haben wir ganz unterschiedliche Formate: Gerade sind wir viel mit dem neuen Film „Kein Land für Niemand“ unterwegs, an dem Sea-Eye neben anderen Organisationen aus dem Search-and-Rescue-Bereich mitgewirkt hat. Seit einer Weile haben wir auch ein Konzept für einen Workshop mit Schulklassen. Ansonsten gab es auch schon eine Lesung, Spendenläufe oder wir sind immer wieder mit einem Infostand bei verschiedenen Veranstaltungen. Zweimal haben wir auch schon einen Soli-Konzert-Abend organisiert. Es ist also sehr vielfältig.

Durch euren Einsatz hat Sea-Eye allein im Jahr 2024 über 700 Menschen gerettet. Gibt es eine Geschichte, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Da ich nicht selbst auf dem Schiff unterwegs bin, erfahre ich die Geschichten zwar auch „nur“ aus zweiter Hand, da gibt es aber immer wieder berührende und auch erschreckende Begebenheiten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Rettung, bei der kurz zuvor eine Frau auf dem Schlauchboot entbunden hatte, also das Kind auf dem Mittelmeer zur Welt gekommen ist.
Leider ist es auch schon passiert, dass Menschen auf dem Schlauchboot bereits verstorben waren, die Rettung für sie also zu spät kam. Das führt einem dann wieder vor Augen, dass das Mittelmeer eine der tödlichsten Fluchtrouten der Welt ist.

Was sind die größten Hürden bzw. Problemstellungen, denen ihr im Rahmen eures Engagements begegnet? 
Hier vor Ort haben wir bisher glücklicherweise nur wenig Schwierigkeiten bei unserer Arbeit.  Insgesamt ist aber schon deutlich zu spüren, dass der Ton über die letzten Jahre rauer geworden ist. Das zeigt sich z.B. auch darin, dass vor kurzem beschlossen wurde, den ohnehin schon sehr bescheidenen Betrag (2 Mio € / Jahr seit 2022), den die Bundesregierung bisher zur Unterstützung humanitärer Rettungseinsätze im Mittelmeer bereitgestellt hatte, komplett aus dem Bundeshaushalt zu streichen. Seit letztem Jahr führt das beschlossene Rückführungsverbesserungsgesetztes zu weiteren Unsicherheiten: Auch wenn ein Passus, der es möglich gemacht hätte, zivile Seenotrettung als Schlepperei zu verfolgen, durch großen Druck von NGOs und Zivilgesellschaft vor der Verabschiedung abgeändert wurde, ist dies immer noch möglich, wenn sich unter den Geretteten Minderjährige befinden. Bisher ist es noch nicht dazu gekommen, aber allein, dass es grundsätzlich möglich ist, ist ein Bedrohungsszenario. Ein anderes Thema, das auf uns zukam, war die Frage der Gemeinnützigkeit, nachdem Anfang des Jahres die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag eine "Kleine Anfrage zur politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen" gestellt hatte. Gefordert wurde eine Überprüfung, ob diese Aktivitäten mit dem Gemeinnützigkeitsrecht und dem Neutralitätsgebot vereinbar sind. Das frisst Energie, die sonst anderswo eingesetzt werden könnte.

Aktuell seid ihr mit der „Sea-Eye 5“ im Einsatz, wenn ich richtig informiert bin … Heißt das, sie ist euer fünftes Schiff?
Ja genau. Vorher gab es schon die "Sea-Eye 4", die "Alan Kurdi", die "Seefuchs2  und die "Sea-Eye 2.

Was ist mit den vorherigen vier Schiffen geschehen?    
Den beiden ersten Schiffen, der "Sea-Eye" und der "Seefuchs", wurde aufgrund von verschärfter Abschottungspolitik die Flagge entzogen. Die "Sea-Eye" ist inzwischen in Hamburg als Dokumentationsschiff. Die "Alan Kurdi" musste wegen wiederkehrender Festsetzungen durch die italienische Regierung im Juli 2021 verkauft werden. Und die "Sea-Eye 4" wird inzwischen von der Seenotrettungsorganisation „Mediterranea Saving Humans (MSH)“ betrieben. Die "Sea-Eye 52 ist sozusagen eine Anpassung an die sich ständig verändernden Gegebenheiten.

Seenotrettung von Menschen auf der Flucht und Migration sind eng miteinander verknüpft. In vielen europäischen Ländern gewinnen rechtsgerichtete Kräfte zunehmend an Macht und Einfluss in der Politik. Wie wirkt sich das auf eure Arbeit aus?
Da lässt sich auf jeden Fall ein Zusammenhang feststellen. In den letzten Jahren ist die EU-Asyl und Grenzpolitik immer mehr zur Abschottungspolitik geworden. Das führt nicht nur zu einer generell wachsenden Ablehnung von Akteur*Innen, die sich für Geflüchtete einsetzten, sondern zeigt sich auch in immer restriktiveren Gesetzgebungen und wachsender Kriminalisierung von Seenotretter*Innen.

Wie ist die aktuelle rechtliche Lage vor Ort?
Die beiden Staaten, die der Such- und Rettungszone am nächsten liegen, sind Malta und Italien. Da Malta seit Jahren alle Notrufe einfach ignoriert, wird eigentlich immer Italien um die Zuweisung eines sicheren Hafens gebeten. Dem kommt der Staat zwar grundsätzlich nach, jedoch ist die zivile Seenotrettung auch seitens Italiens seit Jahren vielfältigen Repressionen ausgesetzt. So wurden immer wieder Schiffe unter fadenscheinigen Gründen festgesetzt, also am erneuten Auslaufen gehindert. Ein besonders absurdes Beispiel: es seien zu viele Rettungswesten an Bord. Seit einer Weile verfolgt Italien nun die Strategie, den Rettungsschiffen nach einem geglückten Einsatz nicht nur zu untersagen, weitere Rettungen durchzuführen, sondern auch sehr weit entfernte Häfen im Norden Italiens als sicheren Hafen zuzuweisen. Dies führt dazu, dass die Rettungsschiffe teils mehrere zusätzliche Tage unterwegs sind, was einen Zeitverlust und eine große finanzielle Belastung darstellt.

Und wie ist es hier in Deutschland?  
Die Streichung der Förderung und die mögliche Kriminalisierung durch das Rückführungsverbesserungsgesetz habe ich ja schon erwähnt. Insgesamt fällt mir auf, dass auch die Art, wie über geflüchtete Menschen gesprochen wird, immer abfälliger und verachtender wird und sehe da schon auch die Gefahr, dass sich das früher oder später auch im Umgang mit Engagement im Migrationsbereich noch deutlicher zeigen wird.

Was müsste sich deiner Einschätzung nach in Bezug auf die zivile Seenotrettung im Mittelmeer ändern? 
Am besten wäre es tatsächlich, wenn es keine zivile Seenotrettung mehr geben müsste. Zum Beispiel, indem legale Möglichkeiten nach Europa zu gelangen und Asyl zu beantragen geschaffen werden. Die Menschen setzen sich ja nicht zum Spaß in die Boote, sondern weil es keine andere Möglichkeit gibt. Zweitbeste Variante wäre eine staatlich finanzierte und koordinierte Seenotrettung, bei der die EU-Länder auf faire Weise zusammenarbeiten. Denn es ist schon auch wahr, dass die EU-Staaten an den Außengrenzen oft mit der Situation allein gelassen wurden und werden. Da das beides leider sehr utopisch ist, wäre aber auch schon viel gewonnen, wenn es zumindest keine Kriminalisierung von ziviler Seenotrettung mehr geben würde. Denn Menschen zu retten ist kein Verbrechen!

Was gibt euch Hoffnung und motiviert euch, immer weiterzumachen?
Manchmal frage ich mich das ehrlich gesagt auch. Es kann schon sehr frustrierend sein, vor allem, weil über die letzten Jahre alles eigentlich immer nur schwieriger geworden ist. Aber dann spüre ich immer wieder Momente, wo ich merke: Da sind noch andere Menschen, denen das nicht egal ist, was da passiert. Und dann kann es sehr empowernd sein, aktiv zu werden und dieser Hilflosigkeit etwas entgegenzusetzen. Weil man nicht alleine ist. Die Gemeinschaft miteinander durch den Aktivismus gibt da ganz viel Kraft.
Und auch wenn es vielleicht ein bisschen pathetisch klingt: Solange durch zivile Seenotrettung auch nur ein einziger weiterer Mensch vor dem Ertrinken bewahrt wird, ist das für mich Motivation genug.

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Sea-Eye Nürnberg
... gibt es bereits seit 2020.
Mehr Input zur Ortsgruppe auf Instragram: @seaeyenuernberg
oder unter www.sea-eye.org/gruppe-nuernberg
Hier findet ihr auch den Veranstaltungskalender und habt die Möglichkeit, die Seenotrettung mit einer Spende zu unterstützen. 
Treffen: Alle 14 Tage, mittwochs um 19 Uhr im Karl-Bröger-Zentrum (Karl-Bröger-Str. 8, Nbg) oder online. 
Sea-Eye freut sich immer über Menschen, die sich auch selbst engagieren wollen. Bei Interesse könnt ihr Kontakt über Instagram aufnehmen oder per E-Mail an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst  




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