Deutscher Kabarettpreis 2026: Schlachtfest in der Gemütlichkeit
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Matthias Egersdörfer prägte die Verleihung des 35. Deutschen Kabarettpreises – obwohl er kein Preisträger war. Von Andreas Radlmaier.
Draußen vor der Tafelhalle lauerte die berühmte mittelfränkische Schneehölle (1 cm! Chaos!). Aber das war gar nichts verglichen mit dem 20minütigen Wintersturm, den Matthias Egersdörfer während der Verleihung des 35. Deutschen Kabarettpreises im ausverkauften Saal entfachte. Als Vorjahrsgewinner des Hauptpreises war er traditionell Moderator mit eigenem Redeanteil. Den nutzte er zu einem Schlachtfest inmitten satirischer Gemütlichkeit. Die Temperatur sank, es fröstelte. Da zog mancher den Rollkragen höher. Im Zentrum der Abrechnung: „Nürnbergs erste und letzte Kulturbürgermeisterin“ Professor Dr. Julia Lehner und ihr ebenfalls anwesender Mann, Immobilien-Mogul Gerd Schmelzer. Das katapultierte den Abend vom Status „unverfänglich“ in „unvergesslich“.
Eingangs hatte Julia Lehner auf der Bühne (letztmals) als Vertreterin der Stadt, die seit jeher die Preisgelder stiftet, noch eine tagesfrische Anekdote vom Neujahrsempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten in der Münchner Residenz erzählt, wo sich jemand über die Verleihung des Deutschen Kabarettpreises in Nürnberg (und nicht in Berlin) mokiert habe, weil man doch hier wenig zu lachen habe. Lehners Konter gegenüber dem Aufschneider, es komme nicht darauf, wie häufig man, sondern „an welcher Stelle man lacht“. Ein Bumerang, der bei Egersdörfer landete und Lehner auf die Füße fiel. Denn seine ätzende Attacke konnte man beim besten Willen nicht weglächeln. Sie ging zielgerichtet über Scherzgrenzen hinweg, als unversöhnlicher Kommentar, wie er früher im kritischen Lokaljournalismus seinen Platz fand.
Also haute der grimmige Satiriker erst mal dem Insta-Kanal des Bürgermeisters und der „homöopathischen Schlauheit der Filmchen“ eins drauf und schwenkte dann rasch weiter zu den beiden „Edelsteinen im Stadtbild“, Lehner und Schmelzer. Kommt vom „Geschäft unter Freunden in diesen hartumkämpften Zeiten“, gemeint ist das an den Freistaat vermietete Zukunftsmuseum im Augustinerhof-Areal, zu weiteren „Monopoly“-Spielzügen wie den Tilly-Studios und landet in der Kongresshalle des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes, wo die „Kulturpäpstin“ als Stiftungs-Präsidentin ihr Vermächtnis sieht. Das „Diktatur-Übrigbleibsel zum Wohlfühlen“ sei ein „idealer Ort“ für Kindermalerei, auch für „permanenten Exorzismus“: „Es kann auch ein Genuss sein, den Teufel an die Wand zu malen.“
Verwundert stellt er fest, dass deutsche Leitmedien Kommunal-Wahlkampf für die CSU machen, wenn sie „Deutschlands heikelste Baustelle“ hochjazzen, und hängt als Hohoho-Effekt die 2028 zu erwartenden Feierlichkeiten um Dürer und Führer zusammen. Da seien die Nürnberger „Führer der guten Unterhaltung“ dann traut vereint. Wumms! Provokation als Sprengstoff.
Vorher und nachher zeigte sich der Spott störungsfrei. Hauptpreisträger Christian Ehring, im Öffentlich-Rechtlichen zwischen „Extra 3“ und „Heute-Show“ für die Aufbereitung des Wochen-Wahnsinns zuständig, lieferte Polit-Kabarett im abgesicherten Modus. Der Schleudergang der Tagesthemen als Lernzielkontrolle. Trump, Merz, Putin – unfassbar, diese Buben! Auch bei Frauen (was die für Tampons zahlen müssen – Frechheit!), bei BILD und Boomern (wer sonst soll denn bitte noch die SPD wählen?) – Ehring und wir stehen auf der richtigen Seite. Dass er die 6.000 Euro Preisgeld für Ärzte ohne Grenzen spendet, ist nur logisch. Dass man ihm im Düsseldorfer Kommödchen, seiner ersten Großkarrierenadresse, Schreine der Verehrung gebaut hat, ist allerdings wohl nur ein listiger Einwurf von Egersdörfer.
Auch der satirische Nachwuchs, vor der Pause im Einsatz (wie Ehring auch singend), wollte nicht verstören. Das Hannoveraner Duo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“ frotzelt sich apart durchs immergrüne Revier der reizbaren Zweisamkeit und erkennt mit „Always look on the bright side of life“ die Bibel-Festigkeit des Publikums.
Die 30jährige Fee Brembeck, ein Multitalent aus München, arbeitet sich an mental overload und mansplaining ab, kassiert aber in ihrem glitzernden Operetten-Fummel am meisten Lacher, wenn sie - ausgebildete Sopranistin ist sie ja auch - mit Purzelbaum und Liegestütz die stimmkraftverstärkende Wirkung von vollem Körpereinsatz vorführt.
Auf die belebende Wirkung von Streitkultur und Meinungsfreiheiten verweisen alle Ausgezeichneten an diesem quotengerechten Abend. Matthias Egersdörfer hat diesen Aufruf, Meinungen auszuhalten, vorgeführt. Mit überzeugendem Ergebnis: Im Tafelhallen-Café war nach der Preisverleihung seine Attacke das bestimmende, heiß diskutierte Gesprächsthema. Satire kann das, Satire darf das. Wer den Spott hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen. Oder, um mit Egersdörfer zu resümieren, „kein schlamperter Abend“.
Wo man die Preisträgerinnen und Preisträger demnächst in der Region live erleben kann:
Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie: 18. und 19. September, Burgtheater Nürnberg
Christian Ehring: 30. Mai, Comödie Fürth
Matthias Egersdörfer: 21.Januar, Kunst- und Kurhaus Katana; 22.Januar, Galerie Bernsteinzimmer; 24.Januar, Luna Theater Weißenburg; 31. Januar,Theaterbühne Fifty-Fifty Erlangen; 4.März, Café Belfiore Nürnberg; 7.April, Gostner Hoftheater; 10. April, Bürgersaal Wilhermsdorf
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