Trouble in Paradise: Das System liegt zerbrochen vor uns

MITTWOCH, 29. APRIL 2020



Das feministische DJ- und VJ-Kollektiv TROUBLE IN PARADISE gehört seit 2014 zu den treibenden Kräften der Subkultur Nürnbergs. Nicht nur wegen der wilden Nächte mit Techno, Trance und Trap im Ohr und dem entsprechenden ästhetischen Konzept drum herum, sondern auch wegen des Einsatzes des Kollektivs für mehr Sichtbarkeit weiblicher und nonbinärer Menschen in der Szene. Kein Wunder, auch Trouble in Paradise haben den offenen Brief der Kulturschaffenden in Coronazeiten unterschrieben. WIr wollten genauer wissen, wo die Schuhe drücken. 

CURT: Ihr habt den Appell der Kulturschaffenden an die Stadt Nürnberg mit unterzeichnet. Welche Reaktion erhofft oder wünscht ihr euch jetzt von der Stadt? 
TROUBLE IN PARADISE: Wir wünschen uns, dass die Stadt Nürnberg ihn ernst nimmt und möglichst bald konkrete Maßnahmen erarbeitet, die Gelder für diejenigen zur Verfügung stellen, die sie gerade so sehr benötigen. Damit ist auch die Einsicht auf Seiten der Stadt gemeint, dass auch freie Kulturschaffende in den letzten Jahren einen großen Beitrag dazu geleistet haben, die Stadt Nürnberg zu dem zu machen, was sie heute ist. Deswegen halten wir es für unerlässlich, dass die hiesige Kulturszene auch durch direkte Zuwendungen oder Hilfeleistungen der Stadt unterstützt wird.

Bekommt ihr als Kollektiv oder Einzelpersonen bereits Hilfen auf irgendeine Art? 
Weder noch. Da wir als Kollektiv ohne festen Veranstaltungsort oder Angestellte gerade keine Betriebskosten haben, ist das zum Glück nicht notwendig. Was uns aber sehr am Herzen liegt – und die Unterstützung fehlt – sind die für uns so essentiellen Locations, die uns den Raum geben, unsere Partys und Workshops zu realisieren. 
Da unsere Veranstaltungen nicht darauf ausgerichtet sind, Gewinn zu erzielen, haben wir nicht den finanziellen Spielraum uns selbst für das Engagement zu bezahlen. Da viele von uns als Kunst- oder Kulturschaffende arbeiten und keine aktuell irgendeine Art von Unterstützung bekommt, bringt das so manche in finanzielle Engpässe und konfrontiert sie mit der Frage, ob sie dies so weiter ausführen kann oder möchte, mit so wenig staatlicher Unterstützung.
 
Was könnte die Stadt Nürnberg aus dieser Krise lernen, um ihre Kulturpolitik entsprechend anzupassen? 
Eine sehr schwierige Frage. Die Krise zeigt uns ja deutlich, dass wir uns – nicht nur im kulturellen Bereich – sondern auch gesamtgesellschaftlich ein wahnsinnig fragiles System geschaffen haben, das jetzt zerbrochen vor uns liegt. Im Kulturbereich rächt sich nun deutlich, dass viele von der "Hand in den Mund" leben. Es wird deutlich, dass Kulturorte und auch viele Gastronomiebetriebe wenig Rücklagen und Sicherheiten besitzen, auf die jetzt zurückgegriffen werden kann. Kulturelles Schaffen will eben oft ohne kapitalistische Absichten geführt werden, um die künstlerischen Freiheiten zu wahren, um sich eben nicht anzupassen. Das war bereits vor der Krise schon prekär und nimmt jetzt dramatische Züge an. Von der Stadt wünschen wir uns, den Begriff der Kultur weiterzudenken und zu öffnen. Nicht nur die fünf bekannten Großveranstaltungen und Orte zu unterstützen, sondern auch gezielt kleinere Initiativen zu fördern, die oft untergehen, weil sie nicht den Massengeschmack treffen. 
Wir hoffen, dass mit dem politischen Wechsel im Rathaus auch weiterhin Veranstaltungen und Initiativen aus alternativen, subkulturellen und linken Bereichen Gehör finden und dass die jetzige Situation zeigt, dass unser Wirtschaftssystem nicht unfehlbar ist und hinterfragt werden muss. Wir wünschen uns, dass die Kulturförderung nicht der erste Topf ist, bei dem Gelder als Resultat aus der Krise gestrichen werden und, dass nicht nur Einzelpersonen gefördert werden, sondern die Stadt Nürnberg auch gezielt die Initiativen fördert, die die Interessen der Veranstaltungsorte vertreten und eine strukturelle Änderung erreichen wollen. Das ganze Geld an einzelne Künstler*innen bringt nicht viel, wenn es die Orte und selbstverwaltete Strukturen nicht mehr gibt.
 
Worin besteht für euch als Musikerinnen und Künstlerinnen derzeit die größte Gefahr, fürchtet ihr um das Überleben von Locations? 
Ja, wir fürchten um das Überleben der Locations, aber auch um alle, die im Kulturbereich tätig sind – von den Künstler*innen auf der Bühne bis zum Theken- und Reinigungspersonal – und um den Stellenwert der Kultur in der Gesellschaft. Vor allem um diejenigen, die nicht gewinnorientiert aufgestellt sind und arbeiten. 
 
Worin besteht momentan eure Arbeit und könnt ihr den Lockdown in gewisser Weise nutzen?
Wir sind gerade auf unterschiedlichen Ebenen aktiv. Die einen verfolgen weiter ihren systemerhaltenden Beruf, die anderen sind künstlerisch am Schaffen – es wird an Streaming-DJ-Sets gebastelt, gezeichnet, eine Band gegründet, sich ausgetauscht über Videochat und viel gelesen. Wir haben einen Lesekreis gegründet, den wir digital abhalten und der sich im Moment mit dem Thema Intersektionalität und Rassismus beschäftigt.
Weiterhin stecken wir in der Konzeption und Planung des body on-Festivals, das wir eigentlich Mitte Juni u.a. gemeinsam mit dem Künstlerhaus und dem Musikverein veranstaltet hätten. Hier wollen wir weiterarbeiten und all die Energie, die wir bis jetzt hinein gesteckt haben, für die Umsetzung des Festivals nächstes Jahr nutzen. Desweiteren beschäftigen wir uns mit der Frage, wie es im Herbst weitergeht und wann unsere nächste eigene Veranstaltung stattfinden kann.
Wir versuchen weiterhin positiv zu bleiben und wissen, dass wir uns als Kollektiv noch in einer komfortablen Situation befinden, weswegen es wichtig ist, die Initiativen und Orte zu unterstützen, denen die Krise stark zusetzt.
 




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