Andis Katerfrühstück_18 - Alles über den Xavier und den Kollegah

MONTAG, 9. DEZEMBER 2019



Der curtblick auf die Woche vom 02. bis 08. Dezember

Die Vorweihnachtszeit ist, wie ihr alle wisst, die Zeit der kontroversen Konzertveranstaltungen in dieser schönen mittelfränkischen Metropole. Über die Böhsen Onkelz, die aber erst im neuen Jahr kommen, haben wir uns an dieser Stelle ja bereits meinungsmachend ausgelassen. Jetzt kommen bzw. kamen zwei weitere Kaliber der Geschmacklosigkeit auf die Kulturkalender-Tagesordnung.

Noch im November stand der singende Reichsbürger, der seine kruden Ansichten mit samtigem Schmelz ummantelnde, der wie Weltraumschrott wirr dem rechten Rand zutrudelnde Xavier Naidoo auf der Bühne der Nürnberger Arena, die, wenig überraschend, ausverkauft war. Wenig überraschend, ja, aber dennoch ausreichend verwunderlich, selbst wenn Naidoo keinen Verschwörungsquatsch salbadern und nur von Bärchen und Birnbäumen singen würde. Seriously: Das war auch musikalisch schon immer scheiße.

Wenige Wochen vorher entschied übrigens ausgerechnet das Oberlandesgericht Nürnberg, dass Xavier Naidoo nicht Antisemit genannt werden darf. Was man sicherlich weiterhin analysieren darf, ist, dass der Mannheimer einerseits süße Schmusesongs für Konfektnascherinnen Ü 40 im Angebot hat, andererseits auch diffus politisch engagiertes Zeug, das antisemitische Stereotypen aufgreift, sich gedanklich an die antisemitische Theorie von der jüdischen Weltverschwörung ranschmust und nebenbei auf obszönste Weise Homophobie verbreitet (wenigstens feige versteckt im Hidden-Track). Wer behaupten mag, das alles sei böswillig an den Schmierhaaren unter der Schiebermütze herbeigezogen, lese die entsprechenden Textzeilen noch einmal in Ruhe und mit Muße und muss das dann kein zweites Mal behaupten. Die taz hat das beispielsweise ganz anschaulich nebeneinandergestellt.  Und der Musikjournalist Staiger analysiert für die Zeit.

Erstaunliche Parallelen tun sich auf, schaut man sich das Werk eines zweiten Künstlers an, der ebenfalls nach Nürnberg kommt, Felix Blume aka Kollegah. Kollegah begann als schwammig und nach Bluthochdruck aussehender Mann mit beeindruckenden Rapskills und überfordernd gereimten Texten, die immer den Eindruck erweckten, da habe man einen Künstler vor sich, schlauer als seine Kunstfigur, der seinen überbordenden Quatsch immer mit leichter Selbstironie abfederte. Geiles Entertainment, gar keine Frage. Diese Tage sind vorbei. 2019 hat Kollegah der Boss endgültig von Felix Blume Besitz ergriffen wie der Ophiocordyceps-Pilz von einer Ameise und die Steuerung über sein Tun übernommen, aus dem Musiker ist ein Motivationstrainer und Mentor für all jene geworden, die ihre fragile Männlichkeit an den Krücken Bodyflexing und Machosprech aufrichten müssen.

Kein Wunder, dass im Fahrwasser dieser noch ulkigen Haltung Textzeilen mitschwimmen, die weniger harmlos sind. Aber ist das etwa schon Sexismus, wenn Frauen zu Tode gefickt und tatsächlich gar Homophobie, wenn Hunde auf Homosexuelle gehetzt werden? Ist das gar Antisemitismus, wenn einer rappt, sein Körper sei definierter als der von Auschwitzinsassen? Na ja, ja, und wie. Und nichtmal die Entschuldigung, einfach ein Depp zu sein, kann Felix Blume überzeugend vorbringen, der Jurastudent mit den eher komplexen als stumpfen Textzeilen. Auch bloß plumpe, aufmerksamkeitsheischende Provokation, die ja einen Rest Legitimität für sich beanspruchen könnte, ist das ganze Ding nicht mehr, spätestens seit dem Musikvideo zu Apokalypse, das, ganz im Naidoo-schen Sinne eindeutig antisemitische Symbolik bedient. Was sagt der Musiker selbst zu den Anschuldigungen? „Kunst ist Kunst“. Na gut, und Müll ist halt Müll.

In Nürnberg gibt es im Vorfeld eine breite Front gegen den Auftritt. Sowohl das Bündnis gegen Rechtsextremismus als auch die Frauenbeauftrage der Stadt positionieren sich klar gegen Kollegah, wohl wissend ein solches Konzert nicht verhindern zu können. Es ist ein Teil des Problems, das beide, der Xaver wie der Felix, sich nach wie vor und trotz beliebiger Außenseiter-Attitüde so gefällig im Mainstream suhlen, dass ihre Äußerungen nicht als vernachlässigbar abgetan werden können, während ihre Auftritte für die Veranstalter Goldgruben sind. In Offenbach hängt anscheinend gar die Solvenz der Stadt von diesem Auftritt ab. Also bitte.

Wir alle können froh sein, in einem Land zu leben, in dem auch sehr großer textlicher Abfall von der Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt ist. Kollegah und Xaver, sie sollen auftreten, wenn es denn sein muss. Die Leute sollen da hingehen dürfen. Darum geht es nicht. Aber immerhin mündig und wohlinformiert sollen die Nürnbergerinnen und Nürnberger sein, wenn sie ihr hart verdientes Münzgeld auf den Tickettresen legen und wissen sollen sie, in welchen Dunstkreis sie sich integrieren, in welche Reihen sie sich einreihen und, wie man so schön sagt, wes Geistes Kind diejenigen sind, denen da so frenetisch zugejubelt wird. Lol ey, Genitiv. Am Ende haben wir alle selbst die Wahl, was und wen wir veranstalten und wen wir unterstützen wollen. Und ganz so, dass man Musik heutzutage nur noch von so Verschwörungsdeppen bekommen würde, so ist es ja nicht. Zuweilen machen die anderen, die nicht homophob oder antisemitisch sind, sogar die bessere Musik, man mag es kaum glauben.

Welchen Künstler sollen wir als nächstes doof finden? Schreibts uns in die Kommentare.

In dem Sinne. Es muss weitergehen.
Euer Andi
 
 




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