Jetzt erst recht: Interview mit Marian Wild über den CSD Berlin 2026 und den Anschlag

27. JULI 2026 - 31. AUGUST 2026, BERLIN



Wenn die bunten Farben des CSD plötzlich von blindem Hass überschattet werden, fehlen einem schlichtweg die Worte. Der Anschlag auf die Parade in Berlin am vergangenen Wochenende hat uns in der Redaktion fassungslos gemacht. Wie geht man mit so einer Nachricht um? Wie findet man eine Haltung, die dem Terror nicht die Deutungshoheit überlässt?

Unser Redakteur, Marian Wild, war am Wochenende in Berlin vor Ort und schnell bereit für ein spontanes Interview. Was als vorsichtige Anfrage begann, wurde zu einem rasanten, trotzigen und unglaublich kraftvollen Gespräch über queere Lebensfreude, gefährliche politische Fehlentwicklungen und die unerschütterliche Stärke der Community.

Interview mit Marian Wild über den CSD Berlin 2026 und den Anschlag
 
 [10:24, 27.7.2026] curt über WhatsApp:
Lieber Marian, ich bin absolut schockiert über den Anschlag auf dem CSD. Es tut mir unglaublich leid, was dort passiert ist. Auch wenn der Zeitpunkt vielleicht schwierig ist, wollte ich dich kurz fragen: Hättest du Zeit und Kraft, dass wir mal kurz telefonieren? Wir fänden es sehr wertvoll, wenn du dir vorstellen könntest, deine Gedanken und deine Perspektive in einem Text für die aktuelle Ausgabe zu teilen. Das ist nur eine ganz vorsichtige Frage. Wenn du das gerade nicht kannst oder möchtest, ist das völlig verständlich und absolut in Ordnung. Meld dich einfach, wie und wann es für dich passt.
 
[10:25, 27.7.2026] Marian: aber klar!
[10:25, 27.7.2026] Marian: jetzt gleich?  ❤️❤️❤️
[10:25, 27.7.2026] Marian: ihr seid solche sweeeties

 
Wir telefonieren, Marian redet schnell. Er ist nicht bedrückt, er ist voller Energie, scharf im Geiste und ein Stück weit trotzig, sich dem Diktat der Gewalt nicht zu unterwerfen. Er sagt viele schlaue Sätze, die ich mir aber alle nicht so schnell notieren kann… kein Diktiergerät: Anfänger halt. Ich gebe es so gut wieder wie ich kann:
 
curt: Marian, was fühlst du, was ist dir gerade wichtig?
Marian: Ich glaube, es ist erstmal wichtig zu verstehen, wie groß der CSD in Berlin eigentlich ist. Man kann es sich so vorstellen, dass in Berlin im Grunde 300 CSDs parallel zum Backbone der Großen Parade stattfinden, an unzähligen Kreuzungen und Plätzen. Es ist eine riesige Party, überall in der Stadt finden Happenings statt, an vielen Ecken wird gefeiert, eben nicht nur bei der Hauptkundgebung im gesicherten und gesperrten Bereich. Es haben wohl mehr als 1 Mio. Menschen teilgenommen. So etwas lässt sich nicht komplett eingrenzen und absichern. Es war ein liebevolles Fest voller bunter Lebensentwürfe, gewaltiger kreativer Kraft, mit glücklichen Menschen. Pure bunte positive Reaktionsenergie. Ich möchte, dass dieses Bild überwiegt und nicht das Bild des Anschlags! Wir sind so viele. Der Attentäter war nach aktuellem Stand ein einzelner Spinner.
Der CSD ist wohl die größte Bürgerrechtsbewegung weltweit und der Ursprung liegt in einer kämpferischen Demo; wir haben schon immer gekämpft, sind angegriffen worden. Wir werden unsere Stellung friedlich und kreativ verteidigen. Nach Schätzungen sind 10 bis 15% der Menschen queer, ähnlich viele wie Linkshänder. Wir verschwinden nicht. Wir tragen Stonewall und die Emanziaptionsakte der Christopher Street jetzt erst recht im Herzen und weichen nicht zurück. 
 
curt: Die Rechtspopulisten und Rechtsextremen feiern den Anschlag im Netz ab, mit Kommentaren wie „wenn die Linken jeden ins Land lassen, passiert sowas“. Was denkst du bei solchen Bemerkungen?
Marian: Es war ein in Deutschland geborener verwirrter junger Mensch mit zu viel Hass im Kopf. Er repräsentiert erstmal keine Community, Ethnie oder Religion. Es gibt leider in allen Ländern eine sehr kleine Gruppe von gewaltbereiten Irren. Dass der Anschlag von Rechtsaußen gefeiert wird, ist mehr als eklig und bedenklich, zeigt aber einmal mehr, dass wir mehr in das gemeinsame Zusammenleben, in Kultur und Herzensbildung investieren müssen. Leider kürzt die Bundesregierung unter Friedrich Merz genau diese Bereiche weg: Das Familienministerium unter Leitung von Karin Prien hat zum Beispiel dem queeren Jugendnetzwerk Lambda e.V. Mitte Juli 2026 die Rahmenvereinbarung zum Jahresende gekündigt. Lambda ist eine der wichtigsten bundesweiten Anlaufstellen für queere Jugendliche. Die haben am Samstag nur Stunden nach dem Anschlag eine ehrenamtliche Seelsorge-Hotline für die Betroffenen eingerichtet! Aber auch dem Bundesprogramm Demokratie Leben! und 200 anderen wichtigen Einrichtungen werden massiv Gelder gekürzt oder ganz gestrichen. Wir bewegen uns in einer Zeit mit immer mehr Konfliktpotential. Die Bundesregierung legt hier in meinen Augen fatal falsche Schwerpunkte, wenn sie Strukturen schwächt, die solche Konflikte managen.  
 
curt: Wie sind die Menschen nach dem Anschlag mit der schwierigen Situation umgegangen?  
Marian: Die Veranstalter haben die Veranstaltung ruhig, sachlich und pietätvoll beendet. Es gab eine geordnete Auflösung der großen Kundgebung. Es ist Berlin, die Zeit danach wurde bestimmt sehr unterschiedlich gehandhabt. Es gab sehr viele Menschen, die zu schockiert waren, um weiterzufeiern, aber sicherlich auch solche, die dem Terror keinen Raum gegeben haben.
Ich war nach einem langen Tag auf der Parade einfach zu müde und war schon auf dem Nachhauseweg mit meinen Liebsten, als es passiert ist. Aber die Info kurz nach 22 Uhr war natürlich ein Schock, und es war berührend, wie viele Leute sich sofort nach unserem Wohl erkundigt haben. Ich will noch hervorheben, obwohl ich kein gläubiger Mensch bin, dass die Kirchen am nächsten Tag auf das Thema eingegangen sind und ihre Predigten den Opfern und Familien gewidmet haben. Auch die Katholische Kirche in Berlin ist da ein starker Verbündeter. 
 
curt: Noch ein letzter Gedanke von dir? 
Marian: Die queere Szene ist verspielt, liebevoll, sexy oder drollig wie die aktuell in Berlin stark wachsende Puppy-Community, die ja wirklich niemand nicht liebhaben kann. Ich glaube, Menschen, die noch ein konservativeres Rollenmodell leben, sollten auch mal zum CSD dazustoßen und sich Denkansätze holen. Männer, die auch mal Komplimente von Männern über ihre Frisur bekommen wollen zum Beispiel, oder einen Blumenstrauß. Wir sind als Gesellschaft so viel stärker, wenn wir vielfältig sind. Die Herausforderungen nehmen ja weiter zu. Wir müssen die Höhle nicht mehr gegen den “anderen Neanderthaler“ verteidigen, wir können ihn inzwischen zum Mammutsteak einladen.
Warum lassen sich Menschen immernoch so leicht gegen “andere” Menschen aufhetzen, von Religionen, Sekten oder der Politik? Hier sind wir alle gefragt, die Wählenden, um diesem Hass endlich eine Abfuhr zu erteilen.




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