Panoptikum: Fieberlampe im Unterwasserstaat

3. FEBRUAR 2026 - 8. FEBRUAR 2026, NüRNBERG



Volle Häuser, gemischte Gefühle: Die 14. Ausgabe des Internationalen Kinderfestivals Panoptikum landete im Besucherrekord – ein kleiner Streifzug. 
Von Andreas Radlmaier

Am Anfang war das nächtliche Campingabenteuer mit tanzenden Figuren und exotischem Zirpen aus Frankreich, am Ende der akrobatische Tanz um eine schwarze Bank aus Dänemark. Dazwischen begegnete man an sechs Tagen in 55 Veranstaltungen „Wutschweigern“ und Wertschätzern, „Fieberlampen“ und Hasenangst, Quatschköpfen und politischen Beistandsparolen, Überraschungen und Enttäuschungen, wie ein kleiner Streifzug unterstreicht. Auch aufs Eis ging der ganze Festivaltross mit seinen „Delegates“ wieder, am Freitagabend im Zirndorfer Playmobil-Funpark. Wenn’s dem Kindertheater wohl ist, darf’s auch aufs Eis.

Einen „Bonus“ beim Publikum registriert denn auch Andrea Maria Erl, als Chefin des federführenden Theaters Mummpitz gleichzeitig Erfinderin und Leiterin des Panoptikum-Festivals. 5000 Gäste kamen, darunter doppelt so viele Fachleute wie zuletzt. Über 90 Prozent Auslastung, rekordverdächtig. Die politisch vertiefte Corona-Delle beim jungen Publikum mit Rückzug ins Private und die elektronische Selbstbefriedigung ebbt ab. 
„Absolut“ zufrieden ist Erl mit der Resonanz und der Qualität der anreisenden Ensembles. Diese spiegeln den Festivalmachern ein Nürnberger Publikum, das „wahnsinnig neugierig und aufmerksam“ ist. Will sagen: Auch Fehlschüsse werden gutwillig goutiert.

28 Jahre vertrauensbildende Maßnahmen lügen bei Panoptikum eben nicht, wie der Blick in die acht Spielstätten zwischen Kulturwerkstatt auf AEG und Tafelhalle belegt. Die Zuschauerkulisse (vor allem bei den Abendvorstellungen) pulverisiert das zähe Vorurteil, dass Kindertheater nichts für die Großen ist. Eher gilt: Schwaches Kindertheater ist auch nichts für die Kleinen.
Dabei sind die Rahmenbedingungen, der finanzielle Kostendruck und das Allgemeinverständnis für kulturelle Bereicherung, nicht besser geworden, betont auch Andrea Erl. Europaweit. Gastspiele brechen ein, kleine Ensembles der freien Szene geben auf, Lobbyarbeit und eine verwinkelte Förderstruktur wird zum auslaugenden Energiefresser, obwohl man ja eigentlich Kunst machen wolle.

Bei einer Podiumsrunde zur „Aktuellen Situation in der Förderlandschaft“ mit einer imponierenden Runde von acht Talkgästen im Kachelbau entschied Grete Pagan, Intendantin des Jungen Ensemble Stuttgart, die Qualitätsfrage mal gleich mit dem vertraut verengenden Blick der Kulturszenen. Die mit angeblich durchweg gutem Kindertheater Angefütterten würden dann am Ende vom Abendspielplan „verschreckt“, dessen Themen bekanntlich „total langweilig“ seien. Sich gegenseitig ausspielen zu lassen, war für die politische Seite allerdings schon immer eine willkommene Methode, Klagen und Defizite zu ignorieren. 
Marcus König, Nürnbergs Oberbürgermeister, konstatierte denn auch: „Am Ende ist es immer ein Verteilungskampf“. Aber Nürnberg werde nie ein Kindertheater „sterben lassen“. Dass er dann als Beispiel eine lange zurückliegende städtische Rettungsaktion für die in wirtschaftlicher Schieflage befindlichen Nürnberger Häuser ins Feld führte, war bemerkenswert. Entscheidend wird also sein, ab wann es in den öffentlichen Haushalten zum (Über-)Leben zu wenig wird. 
Jürgen Enninger, Kulturreferent der Stadt Augsburg und ebenfalls Podiumsgast, plädierte denn auch dafür, Kunst und Kultur zur „sozialen Pflichtaufgabe“ zu erklären. Bei den sogenannten freiwilligen Leistungen zeige sich der „Gestaltungsraum der Kommune“. Gleichzeitig empfahl er den Akteuren verschiedener Gattungen als Grundeinstellung ein „Sowohl-Als-auch“ kein „Entweder-Oder“, also Solidarität statt Egozentrik.
Kultur gehört immer noch nicht zum gesellschaftlichen Selbstverständnis. Leerstellen zu Schule und Bildungssystemen haben eine lange Tradition. Schulrätin Tanja Beitelstein konstatierte denn auch, dass die Beschäftigung mit Kulturangeboten und deren Vermittlung leider immer noch „sehr personenbezogen“ sei. Meike Fechner, Leiterin des Kinder- und Jugendtheaterzentrums der Bundesrepublik Deutschland, hatte schon vorher darauf hingewiesen, dass Kultur „eine zu geringe Rolle“ in Ausbildungsplänen spielt. Skandinavien mit verpflichtenden Besuchen wurde genannt, die Einrichtung eines Schulfachs Kunst und Kultur, die Suche nach neuen Verbündeten. Und die auf „Highlights“ fixierte Förderstruktur ist durchaus kontraproduktiv. Dass man dabei in der Wirtschaft umfassend belastbare Partnerschaften und Förderer finde, wollte interessanterweise keiner in der Runde bejahen.
„Niemals aufgeben!“ hatte Kulturbürgermeisterin Julia Lehner da schon beim Auftakt den Verantwortlichen zugerufen, auf bröckelnde „Toleranz“ und eine „aktuell bittere Bilanz“ hingewiesen. Man müsse aber doch den Kindern, in deren Händen das Morgen liege, eine Chance geben. Die wie immer animierende Mummpitz-Theaterband steuerte Stings „Fragile“ bei der stimmigen Eröffnung bei, den Hinweis auf die Zerbrechlichkeit von Zusammenhalt und Menschlichkeit. Resignation, Ängste, Wegducken dürfe man sich nicht leisten, sagte auch Andrea Erl bei der Eröffnung.
Die ausgewählten Produktionen transportieren denn auch vielfach einen politischen Kontext. Gerne auch als Anleitung für weitere Impulse. Erl hat mit Sabine und Elena Zieser Begegnungen mit Gostenhofer Kindern zum Mini-Hörspiel „Ungehaltene Reden ungehaltener Kinder“ verdichtet, in dem um die Traute geht, einfach den Mund aufzumachen, weil es da ja diese „Fieberlampe“ gibt, also das Lampenfieber in der ganzen Aufregung. Und dann purzeln die Gedanken, die Weltsichten, die Wohlgefühl-Wünsche, die Familien-Philosophien heraus in eine verdichtete Arena, wo die Quadratur des Stuhlkreises schon von der Sitzungsordnung her sichtbar gemacht ist.
Haltung fordert auch die Autokraten-Anklage „Der bleiche Baron“ vom flämischen Kinderkunstzentrum Kopergietery aus Gent ein, wo reihenweise große Themen und kleine Grammatik, krachende Musikfetzen und flackernde Propaganda auftauchen im fiktiven „Unterwasserstaat“, der seine Legitimität einem abgebrochenen Einhorn verdankt. Das Chaos irrlichtert durchs dramaturgische Unterholz. Als sei der Weg zu Gleichschaltung und Exil eine misslungenen Lehrprobe. 

Musik und Bewegung, Objekt und Akrobatik prägten viele Aufführungen. Nicht nur die gelungene Mummpitz-Inszenierung „Freddie und die ganze Katastrophe“, die wie andere Nürnberger Produktionen als Beweis fürs gerne aufgepappte Qualitätslabel „Kindertheater-Hochburg“ ins Gesamtprogramm eingefädelt wurde. Auch sonst grüßte Panoptikum wieder verbindlich zum (übrigens auch finanziell bedrohten) großräumigen Figurentheater-Festival. 
Die Eröffnungsproduktion „Unterwegs“ des Franzosen Philippe Lefebvre gehörte sicherlich dazu. Mit Taschenlampen, Schattenwurf und Minikameras zaubert er ein nächtliches Naturreich, in dem Personen und Phantasie tanzen und als Projektion auf der gespannten Leinwand Rehböcke am Hinterkopf des Träumers äsen dürfen. 
Glückssuche hat eben viele Gesichter. Bei der französischen Compagnie Des Formis dans La Lanterne aus dem nordfranzösischen Lille tragen sie wahlweise Züge von großäugigen Figuren und warm leuchtenden Hausfassaden. Davor dominieren auf Spieltischen Paketboten und Schachterlteufel „Unsere kleinen Schwächen“ (so heißt die Inszenierung), die sich problemlos auch auf den quietschenden Comic-Sprech der Quatschköpfe beziehen lässt.
Die dunkle Seite des Heimwerkens bockte das faszinierende Akrobatik-Trio Michael Zandl, David Eisele und Kotja Huneck in ihrer hinreißenden „Symphonie der Sägespäne“ auf. Es wird geschraubt, genagelt, geleimt und gesägt, was die Ideenwerkstatt hergibt. Menschen versinken in Bottichen, Hämmer fliegen quer durch den Raum, eine Motorsäge entdeckt ihre sensible Seite als Kreisel-Motor, Zimmermannsnägel werden schadlos in menschliche Schädel geklopft. Es gibt immer was zu tun. Teern und federn war gestern. Leim und Sägespäne sind heute. Ab in den Baumarkt.  
Auch diese „Symphonie der Sägespäne“ führt Andrea Maria Erl als Beleg dafür an, dass man bei der Programmauswahl weniger auf rituelle Wiederbegegnungen setze, sondern eher Neuentdeckungen und die jeweilige Qualität im Blick habe. Die europäische Theater-Szene gibt das (noch) her. Die Panoptikum-Macher haben die 15. Ausgabe im Jahre 2028 schon im Blick. Die „Fieberlampe“ leuchtet weiter.

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Ein Nachbericht zu
Panoptikum – Europäisches-bayerisches Kindertheaterfestival
3. bis 8. Februar 2026, verschiedene Spielstätten in Nürnberg 

 




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