OB-Kandidatin Britta Walthelm: Politik als Stabilitätsanker

SONNTAG, 8. MäRZ 2026, NüRNBERG



Sie will Oberbürgermeisterin werden. Und bringt schon mal die verwaltungsseitige Erfahrung mit: Seit 2020 ist Britta Walthelm berufsmäßige Stadträtin für Die Grünen – und Leiterin des Geschäftsbereichs Umwelt und Gesundheit der Stadt Nürnberg mit 1.400 Mitarbeiter:innen. In ihrer Verantwortung liegen Klimaschutzziele und Grünanlagen, aber auch die Herausforderungen der Pandemie.
Kann Britta Walthelm auch das große Ganze?

Welche vordringlichste Aufgabe sehen Sie für die kommenden sechs Jahre?
BRITTA WALTHELM:
Ich finde Nürnberg ist eine super Stadt. Angesichts Strukturwandel in der Wirtschaft, Klimakrise und Stadtwachstum müssen wir uns aber wieder neu erfinden. 
Ich will das Miteinander in Nürnberg stärken – weg von Bubbles und Polarisierung und hin zu mehr füreinander Einstehen. Wir brauchen außerdem einen Stadtumbau: mit modernen Schulen und Kitas, klimafreundlichen Heizungen, mehr Grün und weniger Versiegelung, sicheren Rad- und Fußwegen, zuverlässigen Öffis, bezahlbaren Wohnungen … und natürlich mit Räumen für innovative und kreative Ideen. 

Gastronomie prägt zusehends das Stadtbild, während der stationäre Handel weiter in Bedrängnis gerät. Ist das der Weg für Nürnbergs City-Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir die City ganz neu denken. Die Mischung macht’s. Leerstände sollten wir kreativ nutzen für Kultur oder sie umbauen zu Wohnraum - kombiniert mit sozialer Infrastruktur wie z.B. Kitas. In den Straßen und Gassen der Altstadt sollten wir mehr Flächen entsiegeln und Wasserläufe anlegen, die Kühle schaffen. 
Was mich schon seit meiner Zeit (2014–2020) als Stadträtin im Kulturausschuss ärgert: In der Stadtplanung wird immer nur darauf geschaut, was am Tag passiert. Gerade in der Innenstadt müssen wir besser managen, dass eine attraktive Kneipen- und Nachtkultur möglich ist – die mit den Interessen der Menschen, die dort wohnen, zusammengeht. 

Der „Lago di Aufsess“ in der Schocken-Baugrube am Aufsessplatz verschlechtert die Lebensqualität ausgerechnet da, wo die Menschen eh schon unter Getier und Schmutz zu leiden haben. Wie wollen Sie dieses Problem aus der Welt schaffen?
Durch die richtige Kombination aus Druck und Verhandlungen mit den Eigentümern und potenziellen Käufern sowie dem Kläger aus der Nachbarschaft. Ich habe selbst in der Südstadt gewohnt, es ist leider immer noch ein total unterschätzter Stadtteil. Die Menschen dort haben eine schnelle Lösung mehr als verdient!

Welche konkreten Strategien haben Sie in Bezug auf die verstärkte Präsenz und das Einschüchterungsgebaren von rechtsradikalen Kräften in Nürnberg, wie z.B. die montäglichen Demonstrationen, politische Anfragen etc.?
Alle rechtlichen Möglichkeiten nutzen, um diese unsäglichen Demonstrationen zu untersagen oder zumindest einzuschränken. Auch Niederlagen der Stadt Nürnberg vor Gericht müssen in Kauf genommen werden. Das ist für mich wichtiges Zeichen zu sagen: Wenn Rechtsextreme durch unsere Stadt marschieren, das geht gar nicht. Wir stehen fest an der Seite derer, die hier eingeschüchtert und ausgegrenzt werden sollen. Wir sehen Nürnbergs Vielfalt als Stärke. Besonders sensible Orte wie die Straße der Menschenrechte müssen besser geschützt werden. Das würde ich als Oberbürgermeisterin sehr aktiv zum Thema bei der Bundesregierung machen. 
Ich bin auch sehr dankbar, dass wir so eine aktive Zivilgesellschaft haben. Deren Arbeit muss besser unterstützt werden.

Wie gehen Sie mit Umbrüchen in der Medienlandschaft und daraus resultierenden Hürden für die Pressearbeit um, und wie möchten Sie eine Informations-, Meinungs- und Perspektivvielfalt in unserer Großstadt unterstützen? 
Ich setze mich für eine starke, unabhängige und lokal verankerte Medienlandschaft ein. Dazu gehört die gezielte Förderung von Stadtteilmedien, Bürgermedien und journalistischen Nachwuchsprojekten ebenso wie der Ausbau von Medienkompetenzprogrammen an Schulen und in der Erwachsenenbildung.

Da die Innenstadt nicht zwingend mit dem Auto erreichbar sein müsste, könnten viele Parkhäuser in der Altstadt neu gedacht werden: Welches Konzept haben Sie für eine kulturelle und gemeinschaftliche Nutzung dieser gewaltigen Räume? 
Ein Rückgang des motorisierten Individualverkehrs eröffnet in der Tat neue Spielräume für die Stadtentwicklung. Nürnberg hat schon vor zehn Jahren gezeigt, dass es möglich ist - in der Südstadt gibt es ja z.B. das integrative Kinderhaus Wolke 10 auf dem Oberdeck eines Parkhauses. Leerstand klüger nutzen ist ein zentrales Thema für mich für die nächsten sechs Jahre. Ich sage einmal: fast alles ist möglich. Ein tragfähiges Konzept muss aber gemeinsam mit den verschiedenen Akteuren in der Altstadt entwickelt werden und nicht top down von einer Oberbürgermeisterin. 

Die seit Jahren wachsende Überflutung der Stadt mit Automobilen in jeder Darreichungsform: ruhend, rottend, rasend. Sollte man da überhaupt etwas dagegen tun oder passt das für alle?
Das Faszinierende ist ja, dass es immer mehr Fahrzeuge gibt und gleichzeitig immer weniger Kilometer gefahren werden. Und fast 40% der Haushalte in Nürnberg besitzen gar kein Auto. Mein Ziel: Alle bewegen sich sicher, ohne Stress und effizient durch die Stadt, auch Kinder. Das heißt, verschiedene Mobilitätsangebote lassen sich unkompliziert verbinden. Wir haben breite Gehwege, sichere Radwege, zuverlässige Öffis und ein gutes Car- und Bike-Sharing-Angebot. 
Angesichts von mehr Überschwemmungen, Starkregen und Hitzewellen brauchen wir mehr Versickerungsfläche und sollten auch den Straßenraum schlauer nutzen. 

Welche Maßnahmen müssen Politik und Verwaltung ergreifen, um den viel beschworenen Zusammenhalt in unserer diversen Stadtgesellschaft für möglichst viele Menschen sichtbar und erlebbar zu machen?
Ich finde es bizarr, dass so viele Menschen, die hier leben, kein Wahlrecht haben und von der demokratischen Willensbildung erst einmal ausgeschlossen sind. Ich möchte die Bürgerversammlungen anders gestalten und die Stadtpolitik von ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern gegenchecken lassen. Bei unserem Klimaschutzkonzept haben wir das sehr erfolgreich getan mit einer Gruppe, die den Querschnitt der Bevölkerung abbildete. Ich will die Integrationskommission mit echten Entscheidungsrechten ausstatten. Außerdem fehlen in manchen Stadtteilen Treffpunkte und unsere Kulturläden sollten noch anschlussfähiger werden. 

Sie sind bereits Teil der Stadtregierung. Warum soll mit Ihrer Wahl zur OB die Zukunft Nürnbergs nun besser und rosiger werden?
Ganz einfach: Im Moment leite ich zwar schon einen Geschäftsbereich mit 1.400 Mitarbeitenden und verantworte wichtige Bereiche wie Müllabfuhr und Umweltamt. Aber mein direkter Einfluss endet an den Grenzen meines Ressorts.

Der Superblock in Gostenhof ist seit etwas mehr als einem halben Jahr Realität und scheidet die Geister. Würden Sie mehr Projekte dieser Art unterstützen?
Auf jeden Fall, denn ich glaube, Neues auszuprobieren bringt die Stadt voran. Ich würde es allerdings ganz anders aufziehen. Die Stadtverwaltung muss in die Lage versetzt werden, so einen Prozess viel besser zu managen und zu begleiten, das kann man nicht auf die Schultern von Ehrenamtlichen legen. 

Was sollte Ihrer Meinung nach mit dem Areal Kaufhof und City Point nach der Pop-up-Phase passieren?
Das gesamte Quartier muss gemeinsam weiterentwickelt werden mit einer Mischnutzung aus Wohnbebauung, Einkaufsmöglichkeiten, Kultur und Bildung. Ich verfolge gerade die Idee eines Kreislauf-Kaufhauses: Hier soll es hochwertige gebrauchte Waren, Möglichkeiten zum Leihen und Tauschen und Inspiration und Ideen für nachhaltigen Konsum geben. 

In Nürnberg wurde zuletzt zwar viel gebaut, trotzdem bleibt der Wohnungsmarkt angespannt. Rund 10.000 Wohnungen fehlen, während über 3.500 leer stehen. Mit welchen Mitteln wollen Sie diesem Problem begegnen?
Wir wollen das kommunale Leerstandsmanagement stärken, unsere Zweckentfremdungssatzung schärfen und Wohnungsvermittlungs-angebote ausbauen. Eine verfolgenswerte Idee ist das Konzept „Wohnen für Hilfe“, bei dem Studis und Azubis bei älteren Menschen günstig wohnen und sie dafür im Alltag unterstützen. 

Dem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung zu genügen, ist für alle Großstädte eine Herausforderung. Neu ist der Anspruch auf einen Hortplatz. An denen mangelt es in Nürnberg aber besonders, wie auch an Fachkräften. Gibt es eine schnelle Lösung für den Engpass?
Es wäre unseriös, eine schnelle Lösung zu versprechen. Als Oberbürgermeistern will ich aber mit allerhöchster Priorität alles daran setzen. Ich habe selbst eine achtjährige Tochter und weiß, wie schwer es ist, den Familienalltag mit Berufstätigkeit zusammenzubringen. Erst neulich hatte ich wieder ein Gespräch mit einer Mutter, die ihre Arbeitszeit reduzieren muss, weil sie keine Betreuung hat. Das kann ja wohl nicht angehen. 

Wir leben in krisenhaften, unsicheren und leider auch kriegerischen Zeiten. Wie kann die Kommunalpolitik den global-politischen Ängsten der Menschen begegnen?
Indem wir überall, wo wir können, der Stabilitätsanker im Alltag der Menschen sind: Meine Mülltonne wird geleert, die Straße ist sauber, ich bekomme einen Termin beim Bürgeramt, die Straßenbahn fährt, das Schwimmbad und die Bibliothek haben offen, das Stadtteilfest findet statt, wir haben einen Plan für eine sichere Energieversorgung. 

Soll die Nürnberger Stadtverwaltung weiterhin ein eigenständiges Kulturreferat unterhalten und warum, bzw. warum nicht?
Ja. Kultur ist das Herz der Stadt. Ein Kulturreferat gehört zu einer modernen Großstadt einfach dazu. Das Thema muss von einer starken Person an der Stadtspitze vertreten werden. 

Wie gedenken Sie in ihrem Amt eine vielfältige Kunst- und Kulturlandschaft in Nürnberg zu fördern, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Hochkultur, Soziokultur und freier Szene?
Wir wollen Kulturförderung transparent, zugänglich und mehrsprachig machen und auf gerechte Verteilung von Ressourcen achten. 

Sind Sie der Meinung, die freie Szene in Nürnberg wird von der Stadt ausreichend und zufriedenstellend gefördert?
Nürnberg soll eine Stadt sein, in der freie Kultur nicht um ihr Überleben kämpft, sondern gedeiht – als Ort der Teilhabe, der Kritik und der Kreativität. Dafür braucht es politischen Willen, verlässliche Strukturen und den Mut, Kultur nicht als Luxus, sondern als Grundversorgung zu begreifen. 

Mit welchen konkreten Programmen werden Sie freie Kulturträger in Nürnberg unterstützen? 
Die freie Kulturszene ist das kreative Rückgrat Nürnbergs. Projekte wie P31, das Heizhaus oder Radio Z leisten unverzichtbare Arbeit für kulturelle Vielfalt, Jugendkultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch viele dieser Orte kämpften und kämpfen immer wieder mit prekären Mietverhältnissen, unsicheren Finanzierungen und mangelnder Planungssicherheit. Ich werde mich für langfristige Mietverträge, städtische Zwischennutzungsmodelle und – wo nötig – Ankäufe durch die Stadt oder gemeinwohlorientierte Träger wie das Mietshäuser Syndikat einsetzen. Ich werde eine Koordinierungsstelle für freie Kultur einrichten, die als Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und Szene fungiert.
Zudem sollen Beteiligungsformate wie offene Werkstätten oder Kulturforen gestärkt werden, um Bedarfe frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Die Finanzierung des Umbaus der Kongresshalle stagniert offenbar, gerade was die Quartiere für die freie Szene angeht. Was, wenn von der Vision nur eine Ruine bleibt?
Das darf und wird nicht passieren. Trotz vereinzelter Sorgen um Verzögerungen oder steigende Baukosten bleibt das Großprojekt Kongresshalle auf Kurs. Der Nürnberger Stadtrat hat am 17. Juli 2024 mit breiter Mehrheit das aktualisierte Finanzierungskonzept verabschiedet. Zeit und Kostenplanung liegen weiterhin innerhalb der beschlossenen Leitplanken. Die politische Rückendeckung ist stark, die Finanzierung steht, und die Bauarbeiten schreiten voran.

Wie möchte die Stadt sicherstellen, dass in den „Ermöglichungsräumen" der Kongresshalle auch die Arbeiten der freien Szene finanziell gut ausgestattet werden? Bisher abrufbare Fördersummen sind für eine Stadt der Größenordnung eher bescheiden. Muss unterm Strich vielleicht eine andere städtische Spielstätte geschlossen werden, damit die Kongresshalle überhaupt bespielt werden kann? 
Die Sorge, dass die freie Szene in der Kongresshalle nur symbolisch mitgedacht wird, ist nachvollziehbar – doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: Von den 296 Millionen Euro Gesamtbudget sind konkret Mittel für vier Segmente dieser sogenannten Ermöglichungsräume vorgesehen. Diese sollen nicht nur baulich realisiert, sondern auch betrieblich nutzbar gemacht werden – inklusive technischer Ausstattung, Personal und Betriebskosten. 
Eine Schließung anderer städtischer Spielstätten ist nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Die Kongresshalle soll ergänzen, nicht ersetzen. 

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BRITTA WALTHELM
Seit 2020 Leiterin des Referats für Umwelt und Gesundheit. 
1980 in Nürnberg geboren, diplomierte Volkswirtin und Politikwissenschaftlerin, ehrenamtlich engagiert für Umwelt, Klima, Demokratie.
Ein Kind.

www.britta-walthelm.de
www.instagram.com/britta.walthelm




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