Michael Schrattenthaler: Von Zeit zu Zeit

5. MAI 2018 - 16. JUNI 2018, OECHSNER GALERIE

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Natalie de Ligt über die Ausstellung des Bildhauers Michael Schrattenthaler in der Oechsner Galerie.

Mitten im Galerieraum steht eine monumentale weiße Box mit zwei Öffnungen. Sie misst 5,30 mal 2,40 Meter und hat eine Höhe von 2,30 Metern. Sie ist das Herzstück von Michael Schrattenthalers Einzelschau und gewissermaßen auch eine Verdichtung dessen, was das künstlerische Schaffen des 1971 in Kufstein geborenen und heute in München lebenden Bildhauers ausmacht. In seinen Arbeiten geht es oftmals um Rückgriffe auf Biographisches und um eine Überführung von Erinnerungen oder auch von Dingen des täglichen, persönlichen Gebrauchs in die Kunst. Von Kunst aber wird das Überpersönliche erwartet, eine Sichtbarmachung oder Thematisierung von allgemeinen und allgemeingültigen Zuständen und Phänomen mit entsprechenden formal-ästhetischen Mitteln. Wie funktioniert also Erinnerung in Form eines Bildes? Wie kann eine lang zurückliegende, persönliche Erinnerung, die man in ein Bild fasst, etwas transportieren, das über das Persönliche hinausgeht und das Allgemeine und sogar das Kollektive zum Vorschein bringt? Michael Schrattenthaler gelingt das mit seiner weißen Box, genauer mit seiner Arbeit «Jugendzimmer» (2001/2018), einem abstrahierten Nachbau seines Jugendzimmers im originalen Maßstab. Allerdings hat der Künstler weniger den Raum an sich in all seinen Einzelheiten nachempfunden, sondern vielmehr seiner Erinnerung an das Zimmer ein skulpturales Denkmal gesetzt. Er hat es von allen Details sowie von allem Persönlichen und Individuellen befreit, in dem er sämtliche Kanten des Interieurs wie auch die Übergänge von Wand zu Decke zu Boden und zum Mobiliar großzügig abgerundet und alles schneeweiß gestrichen hat. Blickt man durch die Türöffnung oder durchs Fenster in das Innere der Behausung, bietet sich ein äußerst diffuses, geradezu immaterielles Bild, als handele es sich um einen Raum gebaut aus weißen Wolken. Was das Auge sieht, kann das Hirn schwer verarbeiten. Alles ist erkennbar, aber durch die Rundungen und das gleißende Weiß ist das Zimmer wie unter einer Mehlstaubglocke. Es gibt kein Vordringen, kein Verifizieren des Sichtbaren, wie man es sonst gewohnt ist. Es ist der Blick in eine Illusion.

Michael Schrattenthaler hat hier – als Bildhauer, nicht als Nostalgiker – den Prototyp eines Zimmers oder besser einer Kemenate geschaffen, der dem Betrachter gleichsam zum Projektionsraum wird. Durch die Abstraktion des im Ursprung privaten Raumes generiert er gewissermaßen die kollektive Vorstellung einer Behausung, die zugleich ein intimer Ort ist – ein Rückzugsort oder eine Zelle. Diese Überführung vom Persönlichen ins Allgemeine gelingt dem Künstler auch in seiner neuen Serie gerahmter Stoffbilder mit dem Titel «Exit» (2018) und den auf Keilrahmen gespannten Stoffen abgetragener T-Shirts. Sie umrahmen das Jugendzimmer wie ein Tor nach Draußen. Bei den Bildern der Serie «Exit» handelt es sich um einstige Stofffetzen, die der Künstler als Abtreter monatelang an der Türschwelle seines Ateliers befestigte. Mit der Zeit füllten sie sich mit Schuhabdrücken sowie Schmutz- und Abriebspuren. So ergaben sich abstrakte Bilder mit malerischen Strukturen und einer reizvollen Mischung aus Chaos und Ordnung, die als Zeugnisse menschlichen Gebrauchs erkennbar bleiben und auch die Zeitspanne offenbaren, die nötig ist, um die Spuren zu Bildern werden zu lassen. Eine wunderbare Ausstellung, deren Arbeiten man sich in einer öffentlichen Sammlung wünscht.

Bis 16. Juni 2018
MICHAEL SCHRATTENTHALER: VON ZEIT ZU ZEIT
Oechsner Galerie im Atelier- und Galeriehaus Defet.
Gustav-Adolf-Str. 33, Nbg.
Mi-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr u.n.V.
oechsner-galerie.de
 




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