Megaplot: Der Solidaritätsmuskel muss trainiert werden

SONNTAG, 1. MäRZ 2026, BEIM BAST



Kritik von Helene Mayerhofer, zuerst erschienen bei freieszenenbg.de. Eine andere Perspektive aufs selbe Stück formulieren Silvan und Marian bei curt.de

Zwischen alten Fabrikmauern hat das Kollektiv Megaplot – Martin Fürbringer und Claudia Schulz – einen wahrlich immersiven Theaterabend geschaffen. An fünf Abenden lud das Team auf dem Gelände des ehemaligen Backhefewerks in Nürnberg/Buch ein, dem eigenen Solidaritätsverständnis auf den Zahn zu fühlen. „Weh uns! Ist uns noch zu helfen?” klagt und fragt der Titel schon recht polemisch. Was erstmal nach philosophischer Abhandlung klingt, ist in der Realität ein trojanisches Pferd: Eine Performance, getarnt als Workshop, in dem die Zuschauenden zu Requisiten werden. Angeleitet wird der „Solidaritätsworkshop” vom Schweizer systemischen Coach „Martin von Trapp”. Kennen muss man den Namen nicht, schließlich ist der erfolgreiche Trainer eine für das Stück konzipierte Kunstfigur, gespielt von Lutz Wessel. Verraten wird das aber von offizieller Seite nie, vielleicht verrät aber schon die Einzugsmusik, eine rotzige Punk-Rock-Hymne, dass hier keine gewöhnliche Selbstbeweihräucherungsorgie folgt.

Wer sich lieber im dunklen Theater berieseln lässt, hat jedoch schwere Stunden vor sich, denn der immersive Charakter der Inszenierung prägt den Abend. Mit Flipchart und Edding bewaffnet und damit schon direkt im Workshop-Modus lässt sich von Trapp von den Zuschauenden Solidarität erst be- und umschreiben. Solidarität ist nicht quantifizierbar, gibt er seinen Zuhörern mit auf den Weg. Von Trapp ist das, was man sich unter einem „Coach” vorstellt. Selbstbewusst, ein wenig herrisch, ab und an zu Späßen aufgelegt und auf unterschwellige Art manipulativ, aber das soll sich erst im Laufe des Abends herausstellen.

Nach und nach wird dieser nämlich auch zu einem sozialen Experiment. Eine Tagtraumsequenz wird aufgrund von angeblichen Unzulänglichkeiten des Publikums rüde abgebrochen und in seinem Grant steuert von Trapp langsam aber sicher auf den Höhepunkt zu. Das Publikum wird willkürlich in soziale Klassen eingeteilt, die „Elite” darf sich schließlich für einen guten Zweck einsetzen, wird dabei jedoch hinterrücks überrumpelt. Von Trapp ist spätestens jetzt nicht mehr Coach, sondern diktatorischer Machthaber, und auch einige wenige klägliche Protesteinwürfe werden eiskalt ignoriert, aufkeimende Solidaritätsbekundungen somit im Keim erstickt.

Jetzt stellt sich die Frage: Zeigen wir einfach nur zu wenig Solidarität? Ist das die spielerische Warnung, noch stärker aufzutreten? Oder ist das, was man mit nach Hause nimmt am Ende, dass die Machtinhaber ohnehin autark agieren?

„Weh uns!” ist jedenfalls im Kleinformat, was auch in der Realität passiert: Autokraten setzen ihre Vorhaben durch. Wer also beim Untertitel „Wie wir Gemeinschaft werden” positive, bestärkende oder gar nur optimistische Zukunftsvisionen erhofft hat, findet sich auf den antiken Holzbänken der Hefefabrik-Kantine mit unschönen Gefühlen konfrontiert. Solidarisch stimmt hier am ehesten noch die Sitzordnung in Kleingruppen rund um die Tische, die geradewegs aus Omas Stube kommen könnten.

In seine Litanei webt von Trapp Fragmente aus den Werken von Brecht, Schiller und Konsorten. Fast Mantraartig wiederholt er – oder lässt wiederholen – Brechts Solidaritätslied. Auch hier verschwimmt die Grenze. Ist das gemeinsame Singen noch kameradschaftlich oder schon sektenartig? Das Publikum scheint sich uneinig, aus Solidarität machen die meisten aber brav mit.

Megaplot stellen jedenfalls sicher, dass der Abend nicht spurlos an einem vorübergehen kann. Jeder hier ist Mittäter und Opfer sogleich und so schwankt man als Zuschauer zwischen Empörung, Abwehrhaltung und dem latenten Gefühl, eh nichts ausrichten zu können. Wer zwischen all den Irritationen gut aufgepasst hat, bekommt aber vom Workshop-Maestro die Lösung zu all dem direkt auf dem Silbertablett serviert. „Solidarität ist ein Muskel, der trainiert werden will“, heißt es da. „Weh uns!“ lässt sich somit auch als High-Intensity Workout-Session verstehen. Eine Trainingseinheit, die mit Blick auf den Weltspiegel bitter nötig scheint.




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