CURT und GNM, Teil 6: ALTER, NEUER KRIEGER

MITTWOCH, 19. OKTOBER 2022, GERMANISCHES NATIONALMUSEUM

#Dr. Marian Wild, #Germanisches Nationalmuseum, #GNM, #Kunst

Text von Marian Wild.

Beim Flanieren durch die Straße der Menschenrechte in Nürnberg wird einer neugierigen Person die erstaunliche Bronzeplastik neben dem Haupteingang des Germanischen Nationalmuseums auffallen. Die Statue „Il Guerriero“ des florentinischen Bildhauers Marino Marini, die 1966 – damals noch vor dem alten Eingang am Kornmarkt – aufgestellt und 2020 umgesetzt wurde, illustriert durch ihren Blick auf die Stelen der Menschenrechtskolumne präzise die aktuelle Weltlage, in der es letztlich auch um das Primat der Politik geht. Gewalt oder Diplomatie, Krieg oder Kompromiss?

Diese Diskussion ist in Deutschland angesichts der menschenlebenverachtenden russischen Aggression nur in sehr engen Grenzen sinnvoll zu führen, seit Februar steckt das diplomatische Pendel der westlichen Nationen fest im tiefroten Bereich der Logik des Kriegs, aus weitgehend verständlichen Gründen. Schaudern lässt es trotzdem. Und es lässt uns Marinis Kunstwerk anders befragen, das übrigens auch einen konkreten Bogen zur aktuellen Sammlung 20. Jahrhundert spannt. 
Die Figur hat zwei Gesichter, je nachdem von wo man sich ihr nähert. Von Norden kommend meint man, auch wenn man die anderen Plastiken des Künstlers vor Augen hat, einen Reiter zu sehen, der tief über sein Pferd gebeugt nach vorne prescht; der Titel des Werks bedeutet ja auch übersetzt „Krieger“. Von Süden kommend dreht diese Bewegung sich ins Gegenteil, man könnte nun einen zurückgelehnten Soldaten in einem Standgeschütz ausmachen, der vormalige Körper des Reiters ist zum Maschinengewehr geworden. Die Figur spannt in dieser Interpretation einen Bogen über etwa 3000 Jahre des menschlichen Kriegsgeschehens.

Marini, der im Florenz zwischen dem künstlerischen Vermächtnis Michelangelos und dem philosophischen Geist Machiavellis sein Kunststudium beginnt und später nach Mailand wechselt, hat sich mit seinen so instabil wirkenden Reitenden, seinen Tänzerinnen, technisch vielfältigen Portraits und feinsinnigen Drucken einen Platz in der Kunstgeschichte erarbeitet. Er ist mit seiner Werk-reihe „Idea of an Image“ heute im Deutschen Bundestag genauso wie im Israel Museum in Jerusalem und dem Museum of Art in Tokyo vertreten. Der wiederholte Teilnehmer bei den drei ersten documenta-Ausstellungen lernte auf seinen Reisen durch Frankreich und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kunstgrößen von Giacometti und di Chirico bis Picasso kennen, und man meint zu merken, dass er dabei auch viele künstlerischen Haltungen durchdrungen und symbolische Darstellungsweisen reflektiert hat.

Marinis Figur hat durch den Ukrainekrieg eine neue Relevanz erhalten, und diese Zeitenwende zeigt sich im GNM eindrucksvoll in der Sammlung 20. Jahrhundert mit vielfältigen Artefakten zu Krieg, Zerstörung und Gewalt, die im Dreimonatsrhythmus wechseln. Es sind Bilder und Eindrücke einer neuen Realität, der sich die globale Kunst und Kultur nun zu stellen hat.
In den Räumen der Sammlung 20. Jahrhundert des GNM finden sich seit Mitte des Jahres wechselnde Artefakte und Kunstwerke, die sich mit dem Thema Krieg und Zerstörung auseinandersetzen.

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GERMANISCHES NATIONALMUSEUM
Kartäusergasse 1, Nbg.
Di-So 10-18, Mi 10-20:30 Uhr. 




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