SHENGO, GROSSE WÄNDE .... UND TISCHE AM GELÄNDE

FREITAG, 1. OKTOBER 2021, NüRNBERG

#art attacks, #Ausstellung, #Haus of Skala, #In situ?, #Klimacamp, #Kunst, #shengo

Das Coronavirus hat uns aggressiv aus dem öffentlichen Raum vertrieben; Zeit sich zu erinnern, dass er schon immer erobert werden musste und wollte. Eine schnelle, assoziative Stoffsammlung von MARIAN WILD.

Stellen wir uns diesen Text für einen Moment wie den Anfang eines Hollywoodfilms vor: Die Kamera fliegt über die mittelalterliche Altstadt der freien Reichsstadt Nürnberg, umkreist die beiden Türme der Lorenzkirche, eine der Turmspitzen ist wie ein Gitter durchbrochen, hier stand der Wachmann, der konzentriert nach Bränden Ausschau hielt. Wir fliegen von ihm zu seinem Kollegen im ebenfalls offenen Turm der Sebalduskirche, der ihn im Katastrophenfall sehen und warnen kann; es blitzt kurz, ein Blick in die Gegenwart, neben der Sebalduskirche hat sich mit provisorischen Holzhütten ein Klimacamp gebildet, junge Leute diskutieren angeregt über die Zukunft unseres Planeten und erläutern Vorbeikommenden ihre Grafiken und Poster. Ein zweiter Blitz zurück in die Vergangenheit und mit der Kamera hoch zur Kaiserburg, von hier geradeaus genau nach Süden. Die Jahrhunderte verstreichen, die Stadt erblüht und verarmt, als wir am Dutzendteich ankommen entstehen monumentale Bauten, die nachts kilometerweit in den Himmel leuchten, faszinierend und erschreckend, entworfen von Albert Speer. Ein neues Stadtquartier, größer als die Altstadt, die große Straße zielt genau nach Norden auf die Kaiserburg. Nach nur ein paar Jahren stoppt der Bau, das Gelände ist zum Ende des zweiten Weltkriegs nicht annähernd fertig, das historische Nürnberg liegt dagegen in Trümmern. Wir blicken nach Westen zur Zeppelintribüne, ein riesiges Hakenkreuz wird gesprengt, Bob Dylan singt, Volksfeste entstehen und enden, Autorennen um die Ruinen finden statt. In der Ferne aus der Richtung des Rathenauplatzes hört man Schüsse: Jemand hat Eisenkugeln auf die „Große Wand“ abgefeuert, eine Stahlplastik von Erich Hauser, die in am Rand eines Parks steht; das Jahr 1971 steht mit dem Symposion Urbanum im Zeichen der neuen Skulptur und ihrer Ablehnung. Wir drehen eine Schleife in der Luft und landen am Maffeiplatz. Zehn Menschen sitzen auf Stühlen im Kreis unter einem Baum und diskutieren über Gesellschaft und Mitbestimmung, eine Äthiopierin reicht dazu Kaffee.

Man kann wahrlich nicht sagen, dass die Geschichte und Gegenwart Nürnbergs je langweilig waren, und oft geht es in den entscheidenden Momenten um den öffentlichen Raum. Er entfesselte die Wirtschaftskraft und Innovationsfähigkeit der freien Reichsstadt und machte Nürnberg zu einem der kulturellen Zentren Europas im 15. und 16. Jahrhundert. Auf der Burgstraße begegnete der Buchdrucker dem Globenbauer und der Zirkelhersteller dem Maler, die Renaissance zündete in der fränkischen Metropole. 500 Jahre später liegt die Stadt in Schutt und Asche: Alliierte Luftangriffe zerstören bis 1945 rund 98% der Altstadt und auch die Burgstraße; eine Reaktion auf die Bedeutung der Stadt für den NS-Staat als Stadt der Reichsparteitage. Diese Rolle, die Nürnberg bereits in den 1920er Jahren hatte, verschafft dem Stadtgebiet das weltweit größte zusammenhängende Bauensemble der NS-Zeit, eine schwelende Wunde und ein gewaltiges, monströses Mahnmal. 25 Jahre später setzt eine große Skulpturenausstellung dieser Erzählung etwas entgegen, 29 zeitgenössische Bildhauerarbeiten werden im Rahmen des „Symposion Urbanum“ im Stadtgebiet aufgestellt, 23 der Werke existieren bis heute. Manche Beobachter*innen sprechen damals von einer drohenden neuen Zerstörung des Stadtbilds, mehrere der Arbeiten werden zerschnitten, zerstört, die besagte „Große Wand“ wird beschossen, obwohl sie gar nicht Teil des „Symposions“ ist – ein historischer Irrtum. Im Jahr des 50. Jubiläums des Symposions werden im Zuge einer Ausstellung große Polaroids an den Bauzaun der Lorenzkirche gehängt, sie zeigen einen jungen Künstler, dressed as a girl. Zwei der Planen werden nach nur ein paar Tagen in der Nacht zerschnitten; man hat sich in Nürnberg inzwischen an die abstrakten Skulpturen des Symposions gewöhnt, aber offenbar noch nicht an öffentliche Bildwerke einer queeren Gesellschaft.*

76 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs steht auch das Reichsparteitagsgelände wieder einmal im Fokus des Interesses: Eine International Summer School, organisiert von drei Hochschulen, befasst sich auf dem Gelände selbst mit dessen Geschichte und seinen Wandlungen: Auf zwei Dutzend Tapeziertischen präsentierten die Ausstellenden ihre Analyse. Die Gebäude wiederum, die hier für das „1000-jährige Reich“ und die „neuen olympischen Spiele“ gedacht waren, haben kein halbes Jahrhundert gehalten, denn die Baumaterialien waren von Anfang an billige und minderwertige Kulissen. Aber will man hier nun wirklich romantisch verfallende Ruinen entstehen lassen, oder ist die „Banalisierung“ des Geländes angemessener, wie sie der Nürnberger Kulturdezernent Hermann Glaser in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so konsequent betrieb? Welcher Umgang ist vertretbar, wie kommt man aus den unzähligen gedanklichen Sackgassen heraus? Womöglich hälfe eine gehörige Portion Shengo: Die äthiopische Diskussionsrunde formiert sich traditionell in der Dorfgemeinschaft unter einem schattenspendenden Baum; lösungsorientierte Menschen diskutieren hier seit Jahrhunderten mit gutem Kaffee über öffentliche Missstände und Lösungsansätze, erst jüngst geschah das in Nürnberg an den Bahnstationen der U1, in Form von Quartierräten. Den Ansatz der öffentlichen Diskussion verfolgte auch die International Summer School. In der Ausstellung „Bilder vom Gelände“ auf der Spiegelwiese des Reichsparteitagsgeländes konnten alle diskussionswilligen Menschen vor Ort mit den Veranstalter*innen sprechen, und gemeinsam nach Lösungen fahnden. Nächstes Mal gibt es dann womöglich auch Kaffee.
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IN SITU? ÜBER KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM
KUNSTHALLE NÜRNBERG, Lorenzer Str. 32, Nbg.

ART ATTACKS!
NEUES MUSEUM NÜRNBERG, Klarissenplatz, Nbg.

HAUS OF SKALA
AN DER LORENZKIRCHE, Nbg.

KLIMACAMP NÜRNBERG
SEBALDER PLATZ, Nbg.

INTERNATIONAL PUBLIC SUMMER SCHOOL – BILDER VOM GELÄNDE

QUARTIERRAT SHENGO


* Marian Wild, der Autor des Textes ist an dem Kunstprojekt „Haus of Skala“ selbst als künstlerische Leitung beteiligt




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LORENZKIRCHE. Es war eine der künstlerisch aufregendsten Aktionen des Jahres. Inmitten der Nürnberger Altstadt, an der Baustelle der in Restaurierung befindlichen Lorenzkirche, hingen seit Mitte August großformatige Bilder des Performance-Künstlers Otakar Skala (Disclaimer: kuratiert mit kundiger Hand von unserem curt-Mitarbeiter Marian Wild). Begleitet wurde das Haus of Skala von einem performativen Programm. Und von Anfang an war klar, dass das eine Aktion ist, mit der sich eine bayerische Stadt vielleicht erstmal anfreunden muss, die vielleicht auch Gegenwind erzeugen kann. Dass sie nun endet, hat aber eher mit ignoranz zu tun.     >>
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